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Wie Rolf Heppler und Hans Greising im Keller überlebten

Luftangriff vor 70 Jahren · Bomben töteten 19 Menschen

Es war ein kalter Wintertag und wieder einmal Luftalarm. Rolf Heppler und Hans Greising erinnern sich noch sehr gut an den Luftangriff heute vor 70 Jahren. Als Buben überlebten sie verletzt im Keller der Schaffhausenstraße 47. Allein in ihrem Haus waren fünf Personen ums Leben gekommen.

15.01.2015
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Eine Aufnahme von Volker Kleinfeldt zeigt die Zerstörungen in der Schaffhausenstraße sehr eindrücklich. Die Straße war wegen eines Blindgängers gesperrt, darum hatte sich der Fotograf dem am schlimmsten betroffenen Haus nicht weiter nähern können. Rolf Heppler sah diese Aufnahme gestern beim TAGBLATT-Gespräch zum ersten Mal. Sein Blick tastete sich an der Häuserzeile entlang bis zu dem Gebäude mit der Nummer 47. Dort im Keller war er als Bub dem Bombenangriff nur knapp entronnen. Auch nach 70 Jahren ist dieser Erinnerungsmoment noch sehr bewegend.

Luftangriff vor 70 Jahren · Bomben töteten 19 Menschen
Die Tübinger Schaffhausenstraße verläuft nördlich der Bahnlinie. In Höhe des Karrens steckt eine noch scharfe Bombe im Boden. Das hinterste Gebäude der Häuserzeile hat die Nummer 47. Dort wurden die im Keller unter Geröll verschütteten Buben Hans Greising und Rolf Heppler von Soldaten befreit. Bild: Kleinfeldt/Stadtarchiv

„Damals gab es viele Luftalarme“, erinnert sich Rolf Heppler. Als Achtjähriger wusste er, dass es dann gefährlich wurde und man einen Schutzraum aufsuchen sollte. Tübingen und die nähere Umgebung waren, mit einer Ausnahme, bis dahin von Bomben verschont geblieben. Heppler erinnert sich noch an die Zerstörung des Uhlandhauses am 15. März 1944. „Man weiß aus Kinderzeit recht viel“, wundert er sich, wieviel davon haften blieb. Ironie seines Lebens: In dem an jener Baulücke nach dem Krieg errichteten Dauerprovisorium eröffnete sein Vater 1957 ein Radio- und Fernsehgeschäft, das er bis 1990 weiterführte.

Um die Mittagszeit heulten die Sirenen

Als um die Mittagszeit des 15. Januar 1945 in Tübingen die Sirenen heulten, hasteten in der Schaffhausenstraße 47 zehn Personen die Treppen hinunter: aus dem Erdgeschoss Hedwig Greising mit ihren Söhnen Hans, Wolfgang und Manfred, aus der ersten Etage Maria Heppler mit ihrem Sohn Rolf und aus dem oberen Stockwerk Karl und Ruth Staiger mit ihren Kindern Lilli und Roland. Karl Staiger schaute noch nach den herannahenden Flugzeugen und erreichte den Keller nicht mehr.

Luftangriff vor 70 Jahren · Bomben töteten 19 Menschen
Zerstörungen nach dem Luftangriff beim Gelände des Tübinger Güterbahnhofs. Bild: Kleinfeldt

„Meine Mutter war sehr besorgt um mich, zumal ich ihr einziges Kind war. Sie wollte, dass ich mich im Keller neben sie setzen und nicht neben meinen Klassenkameraden Roland.“ Alle harrten unter dem backsteingemauerten Gewölbe auf das Ende des Alarms. Doch diesmal kam es anders als erhofft. „Plötzlich gab’s einen Schlag, das Licht ging aus – und dann weiß ich nichts mehr.“

Von Nordosten her kamen die alliierten Bomber geflogen und nahmen Kurs auf Reutlingen. Zwischen 12.42 und 12.47 Uhr richteten rund 40 schwere Sprengbomben und 5000 Stabbomben beträchtliche Schäden an. Wie der Tübinger Journalist Hermann Werner unmittelbar nach dem Krieg bilanzierte, waren insbesondere die Gegend zwischen Neckarwerk und Bahnhof (dort wurde ein Bahnsteig aufgerissen), der Güterbahnhof und die Schaffhausenstraße betroffen. Eine der Bomben fiel schräg in die linke Gebäudehälfte von Nummer 49 und blieb nebenan in Nummer 47 stecken.

Alle im Keller wurden unter Mauerresten und Geröll verschüttet. Der einzige, der dort nach kurzer Bewusstlosigkeit einigermaßen unverletzt zu sich kam, war Hans Greising. „Soldaten aus einem Mannschaftstransportzug, der am Güterbahnhof wartete, haben uns ausgegraben“, berichtete Greising gestern unserer Zeitung. Er sei aus den Trümmern herausgekrabbelt, habe in die Waschküche hineingeschaut und dort einen toten Jungen auf dem Tisch liegen sehen. Hinterm Gebäude brannte ein Gartenhaus, vorne klaffte mitten in der Straße ein Loch. „Darin steckte eine weitere Bombe, die noch scharf war.“ Den Neunjährigen brachte jemand ins Krankenhaus.

Luftangriff vor 70 Jahren · Bomben töteten 19 Menschen
Hans Greising Bild: Privat

Der andere Junge auf dem Waschtisch hatte nur ausgesehen wie tot. Es war der achtjährige Rolf Heppler. „Mir wurde dann später erzählt, dass man mich da hat liegen lassen, dann aber jemandem aufgefallen war, dass ich noch lebte. Dann wurde ich in die Chirurgische Klinik eingeliefert.“ Mit einem schweren Schädelbasisbruch lag der Kleine acht Tage bewusstlos. An seinem Geburtstag sechs Wochen später machte in der Klinik ein Chirurg seine Frau auf das Geburtstagskind aufmerksam: „Das ist das Kind, von dem ich Dir erzählt habe, und es lebt noch.“ Er war es, der die Operation vorgenommen hatte, von der Heppler noch die Narben zeigen kann. „Wahrscheinlich war er nicht so sehr überzeugt davon, dass das nochmals was wird“, sagt der 78-Jährige nachdenklich.

Seine Mutter hatte ebenfalls eine Schädelverletzung, außerdem elf Rippen gebrochen, vier davon doppelt. „Unter den Folgen hat sie ihr Leben lang gelitten.“ Die Familie seines Hausgenossen Hans hat es schwerer getroffen. Vor zwei Tagen hat er den 79-Jährigen angerufen und mit ihm über die einschneidenden Erlebnisse gesprochen.

„Es war dies das erste Mal, dass ich außerhalb meiner Familie darüber geredet habe“, sagte Greising in einem Telefonat mit dem TAGBLATT. „Mein kleiner Bruder Manfred war fünf Jahre alt, als er in dem Keller ums Leben kam.“ Eine Erinnerung, die bis heute wie ein Stein in ihm lastet.

Auch Rolf Heppler kommt von diesem traumatischen Vorfall nicht mehr los. Vor zwei Tagen hat er auf dem Bergfriedhof wieder die Gräber der Opfer jenes Bombenangriffs besucht. Alle vier Staigers waren ums Leben gekommen – Tochter Ruth hatte überlebt, weil sie nicht zu Hause war. Auch im Nachbarhaus hatte es Tote gegeben. „Ich erinnere mich an eine Frau Rinkler und eine Frau Denneler, die seinerzeit gerade zu Besuch war, und eine Frau Maigler mit ihrer Tochter Margret.“ Der Journalist Hermann Werner überlieferte, in dem Buch „Tübingen 1945“, dass darüber hinaus noch drei Soldaten und eine ausländische Arbeiterin getötet wurden.

Luftangriff vor 70 Jahren · Bomben töteten 19 Menschen
Rolf Heppler Bild: Lang

Wenige Kilometer entfernt und einige Minuten später richteten die Bomber der Alliierten noch weitaus größere Zerstörungen an. Die deutsche Luftwaffe hatte 1939 in den polnischen Städten Frampol, Wielun und Warschau sowie 1940 im niederländischen Rotterdam den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung eröffnet, danach wurde er mit ungeheurer Wucht von beiden Seiten fortgeführt. In Reutlingen starben an jenem 15. Januar 152 Personen im Bombenhagel. Allein 170 Großfeuer hatte die Feuerwehr an diesem Tag zu bekämpfen.

Aus der zerstörten alten Wohnung habe ich noch heute eine Kredenz“, sagt Heppler. Für Nichtschwaben: eine kleine Anrichte. Mehr noch: „Ich bin durch diese Erlebnisse geprägt worden. Gewalt und Hass kann ich nicht vertragen, das blieb mir als Grundhaltung fürs Leben.“ Und man kann es nachvollziehen, warum ihn die jüngsten Gewalttaten in Paris heftig aufgewühlt haben.

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15.01.2015, 12:00 Uhr

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