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Lust auf Lesen machen
100 bis 150 Bücher liest Stefanie Stegmann jedes Jahr. Sie leitet seit drei Jahren das Stuttgarter Literaturhaus. Foto: Ferdinando Iannone
Kultur

Lust auf Lesen machen

Seit 15 Jahren gibt es das Literaturhaus in Stuttgart. Es organisiert über 100 Veranstaltungen im Jahr und will mehr sein als nur Plattform für intellektuelle Literaturdebatten.

29.12.2016
  • BARBARA WOLLNY

Die Abende, vor denen wir uns am meisten fürchten, sind die, die das größte Risiko des Scheiterns bergen. Wenn aber alles gut läuft, sind das die Abende, die alle beglücken.“ Stefanie Stegmann, 42, groß gewachsen und sehr schnell sprechend, kommt aus Ostwestfalen. Seit drei Jahren leitet sie das Stuttgarter Literaturhaus. Die Einrichtung ist in den ehemaligen Produktions- und Verwaltungsgebäuden der Firma Bosch untergebracht.

Im Flur von Stegmanns Zimmer fährt noch ein alter Paternoster auf und ab. Und in ihrem Büro befinden sich hinter Wandschränken die alten Bosch-Tresore mit zentimeterdicken Stahltüren. Hier werden heute nur noch Ordner abgestellt – die Arbeit des Hauses findet in aller Öffentlichkeit statt. Ein Haus mit Tradition also, das heute im Kulturleben der Stadt einen anspruchsvollen Part übernimmt.

Die Hauptklientel ist weiblich

Bis zu 120 Veranstaltungen pro Jahr mit je 30 bis 900 Gästen organisiert Stegmann. Sie verfügt über einen Etat von einer Million Euro und über zwei Mitarbeiterinnen. Drei freie Mitarbeiter, sogenannte Literaturvermittler, unterstützen projektweise und „lernen dabei, was es heißt, Literatur zu organisieren“.

Wie interessiert ist das Stuttgarter Publikum an Literatur? „Es ist sehr wertschätzend“, sagt Stegmann. Den Stuttgartern bedeute ihr Literaturhaus etwas und sie nähmen Anteil an dem, was da passiert. Aber natürlich sei es auch ein konservativ-kritisches Publikum, das genau hinschaue: Kommen auch die großen Namen nach Stuttgart oder nur nach Berlin und München? Wie politisch ist das Programm?

So verspürt Stegmann – je nach Tagesform – mal weniger stark bis stärker den Druck, eine öffentliche Person zu sein. „Als Programmleiterin ist es meine Aufgabe zu sehen, wohin geht die Reise und das mit Literatur zu organisieren“, beschreibt sie in Kurzform ihre Rolle.

Alles, was im Literaturhaus als Programm oder Thema verarbeitet wird, basiert auf Literatur. Kleinere Veranstaltungen mit bis zu 250 Gästen finden im eigenen Haus statt. Wenn Stars aus dem Literaturbetrieb wie Herta Müller, Siri Hustedt, Claus Peymann oder der Stuttgarter Lokalmatador, Krimiautor Wolfgang Schorlau, auftreten, bucht das Haus einen Saal beim direkten Nachbarn, dem Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle.

Neben klassischen Autorenlesungen, im Hausjargon Wasserglas-Lesungen genannt, weil dafür neben einem Autor nur noch Buch, Tisch, Stuhl und ein Wasserglas benötigt werden, experimentiert man im Literaturhaus mit verschiedenen anderen Formaten. Ziel ist es, für ein breiteres Publikum interessanter zu werden. Und für ein jüngeres. Die klassische Klientel sei weiblich, gebildet und im Alter von 60 plus, sagt Stegmann.

So werden Stuttgarter Wohngemeinschaften gecastet, ob sie ihre Tür für eine Lesung mit jüngeren und unbekannten Autoren öffnen. Sechs bis acht Mal jährlich zu einem Eintrittspreis von fünf Euro finden die Lesungen in Wohnzimmern und Küchen statt. 50 bis 100 Studenten, Berufsanfänger, Lehrlinge und Schüler quetschen sich in die Zimmer, und mit der Enge steigt die Stimmung.

Literaturausstellungen, Festivals und andere gemischte Programme organisiert das Haus mit viel Aufwand und verschiedenen Partnern. Im Herbst fand ein dreitägiges Festival zu Hochstapelei und Täuschungen statt. Dann lädt Stegmann nicht nur Schriftsteller, sondern auch Künstler, Fotografen oder Politiker ein. Das Publikum ist dann bunter als bei den reinen Literaturlesungen.

Kurse für Jugendliche

Eine Stuttgarter Besonderheit ist die Literaturvermittlung an Jugendliche, die von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt wird. Jugendliche besuchen Kurse in den Bereichen Prosa, Lyrik, Reportage, Drama, Comic, Rap, Science und Fiction. Die Idee wurde weiterentwickelt: Seit 2006 haben ausgewählte Schulen die Werkstattangebote in ihren Deutschunterricht integriert.

Das Literaturhaus ist auch Heimat für verschiedene Literarische Salons. In diesen wird gelesen, diskutiert und interpretiert. Vorkenntnisse sind nicht nötig, wenn Klassiker oder aktuelle Titel durchgenommen werden, nur eines ist wichtig: Lust auf Lektüre.

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29.12.2016, 06:00 Uhr

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