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Ausstellung

Luther mal ganz klein

Das Bauernkriegsmuseum in Böblingen zeigt das Leben des Reformators – mit Zinnfiguren-Schaubildern.

18.04.2017
  • ALFRED WIEDEMANN

Böblingen. Da sitzt Martin Luther in seiner Stube auf der Wartburg und übersetzt das Neue Testament aus dem Griechischen. Der abtrünnige Mönch, 1521 zum Ketzer erklärt, versteckt sich als Junker Jörg zehn Monate auf der Burg. Elf Wochen nur soll er für seine Übersetzung gebraucht haben. Diese Heilige Schrift wird zum Hit. Der Buchdruck sorgt für eine weite Verbreitung, Luthers saft- und kraftvolles Deutsch, seine bildhaften Formulierungen, beeindrucken bis heute.

Die Szene in der Schreibstube, dreidimensional nachgestellt mit Zinnfigur und sorgfältig gestaltetem Hintergrund, ist in der Schau „Luthers Spuren geVOLKt“ im Bauernkriegsmuseum Böblingen zu sehen. Zusammen mit vielen anderen Szenen aus Luthers Leben und Zeit im Miniaturformat: Thesenanschlag in Wittenberg 1517, Einzug auf dem Reichstag in Worms 1521, die Flucht seiner späteren Frau Katharina von Bora aus dem Kloster Nimbschen und sogar die Nachbildung eines Bergbauschachts aus Luthers Heimat, dem Mansfelder Land.

Detailgenau und liebevoll

Die detailgenau und liebevoll gestalteten Luther-Dioramen aus dem Museum Halberstadt machen erstmals Station im Südwesten. Die Schaukästen mit den Figuren, etwas größer als die bei H0-Modelleisenbahnen, muten in Zeiten der überall verfügbaren Handyvideos ein bisschen altmodisch an. Aber nur auf den ersten Blick. Das genaue Hinschauen und das Lesen der Begleittexte lohnt. Das hat sich herumgesprochen. „Die Leute kommen“, sagt Museumsleiterin Cornelia Wenzel, „Schulklassen zum Beispiel, aber auch viele Ältere“.

Das Bauernkriegsmuseum hat die Dioramen mit vielen eigenen Schaustücken und Texten ergänzt. Eine Truhe mit Geld steht für den Ablasshandel der Kirche, gegen den Luther vorgegangen ist. Druckschriften sind ausgestellt und Kirchenbänke mitsamt Pfarrer und großformatigem Foto illustriert, was die Reformation in der Böblinger Kirche alles verändert hat. Luthers Förderer, Anhänger und seine Gegenspieler sind in Bild und Text an den Wänden versammelt: Philipp Melanchthon, Luthers Vertrauter, Friedrich der Weise, der Kurfürst von Sachsen, Johannes Brenz, Luthers Mann für Süddeutschland. Auch Kaiser Karl V. lernt man kennen oder Thomas Münzer, den radikalen Prediger und Bauernführer.

Bald 500 Jahre ist das her, aber spannend ist es bis heute. Wenn das Bauernkriegsmuseum Luther im Reformationsjahr in den Mittelpunkt rückt, darf man neugierig sein: Ohne Luther ist der Aufstand der Leibeigenen, am Ende blutig niedergeschlagen, kaum denkbar. Bundschuh und Armer Konrad stehen zwar für Bauernunruhen zuvor. Die Massenerhebung kam erst mit Luthers Schriften.

Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1520 war Grundstein der Reformation. Die Bauern verstanden die Freiheit als Ende ihrer Knechtschaft, sie verlangten eine neue, gerechte Ordnung. Luther wandte sich schnell gegen diese Interpretation und gegen die Aufrührer. Ihm ging es um die innere Freiheit des Christen. 1525 dann waren die Bauern für Luther „räuberische und mörderische Rotten“, vergleichbar mit tollwütigen Hunden und so zu behandeln. Ebenso wortmächtige Zeitgenossen zahlten mit gleicher Münze zurück. Thomas Münzer, radikaler Prediger und Bauernführer, schimpfte Luther „sanftlebendes Fleisch zu Wittenberg“.

„Natürlich waren die Bauern enttäuscht von Luther“, sagt Museumsleiterin Wenzel. Heftig teilte der Reformator aus – gegen die Bauern und auch gegen seine Gegner in der verkrusteten Kirche. Er wusste, welche Wirkung seine kraftvollen Worte hatten – nicht nur bei Feinden. „Luther hat schon gewusst, dass er sich mit seinem Populismus große Aufmerksamkeit verschafft“, sagt Wenzel.

Die Ausstellung spart Luthers dunkle Seiten nicht aus: Judenhass, Hexenwahn, Teufelsglauben. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Mensch, der aus der Mittelalter kommt“, sei notwendig, sagt Museumsleiterin Wenzel. Zeigen, was damals war, darum gehe es. Damit sich die Besucher ihr eigenes Bild von Luther machen können. Das sei das Ziel. Und es funktioniert.

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18.04.2017, 06:00 Uhr

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