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Luther und die weiße Wand
Sehen gar nicht aus wie früher: (von links) Luther (Frank Winkels), der kaiserliche Herold (Andreas Kammerzelt) und Fugger (Leon van Leeuwenberg). Unterstützung kam aus dem Hintergrund: von mehr als 2000 Chorsängern. Foto: Kathrin Löffler
Reformationsjubiläum

Luther und die weiße Wand

Mönch zofft sich mit Kirche: 500 Jahre später bietet das Stoff für ein Musical. Und beim Gastspiel in Stuttgart ist der Mönch plötzlich Popstar.

23.01.2017
  • KATHRIN LÖFLLER

Stuttgart. Martin Luther hatte keinen Hals. Sein Doppelkinn versank im Mantelkragen. Eine Kappe quetschte seine Haare platt. Zumindest sah es Lucas Cranach so. Er malte den Kirchenreformator 1529.

Im Jahr 2017 ist alles anders. Luther trägt Kapuzenpulli, Anzug, ungezähmte Locken, alles in schwarz. Und er hat Hals. Er sieht aus wie das Mitglied einer Boygroup. Zumindest in dem nach ihm benannten Bühnenstück. Am Wochenende füllte das „Pop-Oratorium Luther“ zwei Mal die Porsche-Arena.

Insgesamt kamen 11 000 Zuschauer. Eine komplette Arenenkurve war aber an beiden Abenden belegt. Luther sang vor einer weißen Wand. Und die weiße Wand sang mit. Denn das Besondere des Pop-Oratoriums ist sein Mega-Chor. 55 Chöre aus der Stuttgarter Umgebung beteiligten sich an den Aufführungen, rund 2000 uniform in Weiß gekleidete Sänger waren dabei.

Das Oratorium erzählt die Ereignisse rund um den Wormser Reichstag 1521. Luther muss sich dort wegen Ketzerei verantworten. Vor dem Kaiser. Im Oratorium trägt dieser Kaiser einen weißen Anzug und ein goldenes Basecap, gelegentlich wischt er auf seinem Smartphone herum. Ein Ablassprediger und der Banker Fugger wettern gegen Luther. Und die Bevölkerung fragt sich, wer dieser Typ mit den 95 Thesen eigentlich ist. Der Ablassprediger steckt in einem funky Glitzersuit und silbernen Sneakers, Anton Fugger hinter einer stylishen Sonnenbrille. Luthers Anhänger gingen auch als coole Gang auf Clubtour durch. Zwischendurch verlangt die Handlung ein Gruppenselfie.

Die Hauptrollen sind komplett durchchoreografiert, alle sind mit Profis aus der Musicalszene besetzt. Sie tanzen und singen und posen. Die weiße Wand schmettert „L-u-t-h-e-r“, zeigt im Kollektiv mit dem Zeigefinger auf ihn. Der Sound kommt vom „Jungen Orchester NRW“ und einer Band. Es gibt Geigen-Pathos und Rockhymnenbombast, Scheinwerferblitzen, türkise Beleuchtung und pinke. Viel Glamour, viel Pomp, eine große Show. Am Schluss klatscht das Publikum mit, Darsteller und Chor singen „Wir sind Gottes Kinder, lasst uns mutig und wahrhaftig sein“. Es klingt wie ein Partykracher. Die Reformation ist Popkultur. Ein flirrendes Event, das den Massengeschmack lockt.

Die Macher finden ihr Projekt super. Das Pop-Oratorium mit seiner Unmenge an Sängern sei eine richtige Bewegung. Sie zeige, dass die Kirche musikalisch nicht nur traditionsreich unterwegs sei, sagt Landesbischof und Schirmherr Frank Otfried July. „Luther“ sei ein Zeichen, dass Singen wieder in und sexy sei, sagt Matthias Hanke. Er dirigiert neben Hans-Martin Sauter den Riesenchor. Das Pop-Oratorium hole das Thema Reformation aus einer verstaubten Ecke und mache es einem jüngeren Publikum zugänglich, sagt Sabine Utz. Sie ist Teil der weißen Wand.

Das Ganze entstaubt haben Michael Kunze und Dieter Falk. Kunze hat die Texte geschrieben, das hat er schon bei vielen Musicals getan. Falk hat komponiert. Der ist eine Größe im deutschen Popkosmos: Die Band Pur hat er produziert, mit seinen Gold- und Platinscheiben könnte er Häuser tapezieren, als Juror schmuggelte er Expertenwissen in die Plastikwelt von Castingshows ein. Warum jetzt das?

Weil er Chormusik „nicht mehr so speckig wie früher“ findet. Für Falk zeigen solche Musikprojekte: „Kirche ist auch nicht mehr so hinter dem Mond .“

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23.01.2017, 06:00 Uhr

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