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Kommentar

Machen, was der Täter verlangt!

Wer mit Ivonne Reuter spricht, hat nicht das Gefühl, einem Opfer gegenüber zu sitzen: Die junge Frau wirkt sehr gefasst, berichtet nüchtern über den bewaffneten Raubüberfall auf ihre Bäckerei vor zehn Tagen, lässt kaum Verunsicherung erkennen – und rätselt nur, wieso sie sich dem Täter so störrisch widersetzt hat.

19.10.2012
  • Thomas de Marco

Denn dass ihre Reaktionsweise nicht üblich ist, das ist auch der Verkäuferin klar. „Ein schwerer Raub mit einer Pistole ist sicherlich ein Extremfall, der Gott sei Dank nicht häufig passiert“, sagt Matthias Spitzner, 54, von der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle in Reutlingen. Seit acht Jahren berät er Privatpersonen und Geschäftsleute in den Bereichen Sicherheitstechnik und Verhalten bei Überfällen. „Grundsätzlich empfehle ich Leuten, die gefährdet sein könnten, in einer solchen Situation ruhig zu bleiben und den Anweisungen des Täters Folge zu leisten. Alles andere kann die Sache nur komplizieren!“

Denn ein Täter habe ein bestimmtes Ablaufschema im Kopf. „Alles, was dem zuwiderläuft, setzt ihn unter Stress. Die Auswirkungen können ganz verschieden sein, von Rückzug bis Gewalttätigkeit. Das Risiko ist jedenfalls unkalkulierbar“, erklärt Spitzner. „Wenn die Anweisungen des Räubers befolgt werden, ist das Risiko in jedem Fall am geringsten. Und die Gesundheit ist das Wichtigste, Geld ist zu ersetzen!“

Für die Polizei sei hilfreich, dass sich die Opfer eines Überfalls die Personenbeschreibungen der Täter so gut wie möglich einprägen, betont der Kriminalhauptkommissar. „Wenn die Leute ruhig bleiben und die Zeit nutzen, sich Details zu merken, bringt uns das oft sehr viel.“

2011 bearbeitete die Reutlinger Polizei insgesamt 57 Fälle von Raub oder räuberischer Erpressung, 61 Prozent davon sind aufgeklärt worden – darunter auch der bewaffnete Raubüberfall auf einen Pizzaboten. 57 derartige Verbrechen – das ist der tiefste Stand seit zehn Jahren, erklärt Andrea Kopp, die Sprecherin der Reutlinger Polizei.

Ob Buchladen oder Bank – kein Geschäft sei vor Überfällen geschützt, ergänzt Spitzner. Deshalb bietet er Unternehmen aus dem Einzelhandel oder Banken eine Beratung für den Notfall Überfall an. „Ich kann außerhalb der Geschäftszeiten kommen und vor Ort einen Vortrag halten, wenn fünf bis sechs Leute Interesse an so einer Schulung haben“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Dabei geht es aber nicht nur um Raub. „Viele sind sich generell unsicher, was sie tun müssen oder auch rechtlich tun dürfen, wenn Kunden etwa renitent werden.“

Spitzner kann aber nur Verhaltensregeln für Extremfälle weitergeben oder bauliche Veränderungen sowie Videoüberwachung empfehlen. „Eine psychologische Beratung mache ich nicht, dazu bin ich gar nicht ausgebildet.“ Für Ivonne Reuter ist zu hoffen, dass sie dieses traumatische Erlebnis weiterhin so gefasst verarbeitet. Und vor allem, dass sie nie wieder in eine solche Situation kommt.

Machen, was der Täter verlangt!
Matthias Spitzner

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19.10.2012, 12:00 Uhr

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