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Motorrad-Nostalgie auf dem Dorffest

Maico gehört immer noch zu Pfäffingen

1986 war das Maico-Werk pleite – doch die Motorräder genießen bis heute Kultstatus. Am Wochenende trafen sich beim Pfäffinger Dorffest die Veteranen.

03.09.2012
  • Matthias Reichert

Pfäffingen. Beim Dorffest dampften Hähnchen, Spießbraten, Rote und Langos – aber Maico stahl allen die Show. „Die Vereine wollten eine Attraktion zum Fest“, sagt Mitorganisator Patrick Richter, 59, der zum Treffen die Fans mobilisiert hat. „Maico gehört zu Pfäffingen“ – der Mann mit der roten Firmenjacke hat 18 Jahre „im kaufmännischen Bereich“ bei Maico geschafft, hier im Ort, wo die Produktion war – dort, wo heute Supermärkte an der Landstraße sind und die alte Maico-Montagehalle immer noch leer steht. Am Herrenberger Standort wurden Gehäuse und Zylinder bearbeitet.

Die Fans sind bis aus Würzburg und Passau gekommen, mit insgesamt 60 Maschinen. Ralf Lutz aus Tailfingen, genannt Ralflinger, hat vor 15 Jahren eine MD 250 zum „Kaffee-Racer“ ausgebaut. „Das waren Serien-Motorräder, die in den 70er-Jahren fast schneller als die Japaner waren, sie waren leichter und lagen besser in den Kurven“, sagt der Mann in Ledermontur. 150 Stundenkilometer macht die Maschine. „Die hab’ ich immer in Gebrauch“ – manchmal auch bei Rennen.

Maico gehört immer noch zu Pfäffingen
Kult-Motorräder in Pfäffingen: Links Alois Strohmaier mit seiner Maico 250 B, Baujahr 1960, sie hat 14,5 PS. Rechts oben ein Maico-Pullover, darunter der Motorblock einer Maico MP 150 Konsul, Baujahr 1938, mit 5 PS. Bilder: Sommer

In der Freizeit durchs Gelände

Rennen ist Egbert Haas viele gefahren. Zwölf Jahre, von 1968 bis 1980, hat er bei Maico geschafft: In Pfäffingen, in der Endmontage. In der Freizeit fuhr er seit 1965 Rennen – Motocross, Gelände und Sechstagefahrten. „Da ist man täglich sieben Stunden durchs Gelände“, erinnert sich der 69-Jährige. Er fuhr Sechstagerennen in den USA, Italien, Schweden, Österreich, Tschechien und England. „In Italien habe ich mal Silber geholt, sonst nur Goldmedaillen.“ Fünfmal war er Deutscher Meister im Geländesport. „Irgendwie hat mich das Virus gepackt. Weil das eine schwäbische Firma ist – auf einer japanischen oder amerikanischen Maschine hätte ich nicht den Kampfgeist aufgebracht.“

Für die Rennen ging der ganze Urlaub drauf. „Nach dem Schaffen hab ich bis in die Nacht das Motorrad gerichtet, dann bin ich losgefahren nach Polen. Für Disko oder Fasnet hat man keine Zeit gehabt.“ 1977 wurde Haas Vize-Europameister im Geländesport. 18 Nationen waren in dieser Serie von Läufen am Start. 1979 holte Haas den EM-Titel mit einem Maico-Eigenbau mit 760 Kubik, 1980 verpasste er den Europa-Titel um zwei Sekunden. Danach beendete er die Laufbahn. „Das war eine harte Zeit. Darum hab’ ich auch erst später geheiratet, als ich mit dem Sport fertig war.“ Die Ehe hielt – seit 27 Jahren, Haas hat zwei Kinder und lebt heute bei Ravensburg.

Maico gehört immer noch zu Pfäffingen
Der Ex-Rennfahrer Egbert Haas.

Wer sich nach der Firmengeschichte erkundigt, landet bei Hans Hinn. Der 73-jährige Unterjesinger hat 20 Jahre in der Maico-Versuchsabteilung gearbeitet und weiß zu erzählen. Mitte der 20er-Jahre gründete Ulrich Maisch in Poltringen den Fahrzeug-Zubehörhandel „Maisch & Compagnons“. Im Angebot: alles von Zündkerzen bis zu Fahrradzubehör und Nähmaschinen.

1933 übernahmen die Söhne Otto und Wilhelm Maisch die Firma. Seit damals stellte Maisch Motorfahrräder her. Mit 98 Kubik ging‘s los, zunächst mit dem Einbaumotor von Ilo und Sachs, später Fichtel und Sachs. 1940 zog das Werk nach Pfäffingen, in die Nähe der Bahnlinie. Dort ging während des Weltkriegs „kriegswichtige Produktion“ vom Band, vermutlich Flugzeugteile. Nach dem Krieg stellte Maico Motorräder mit eigenen Motoren her. Und dann auch den Kleinwagen „Champion“ – damals schafften dort bis zu 700 Leute. Doch 1958 folgte der erste Konkurs. Die Investitionen für den Kleinwagen seien zu hoch gewesen. Ende der 50er-Jahre retteten Bundeswehraufträge die Firma; Maico stellte Krad-Melde-Motorräder her. Es folgte die große Zeit mit Blizzard-Motorrädern und Maicoletta-Rollern. Maico stieg ins Motocross- und Geländesportgeschäft ein, gewann die Serie der Trans-Ama-Markenweltmeisterschaft in den USA. Hinn: „1973 war Maico da Erster, Zweiter und Dritter. Das hat einen Riesenmarkt erschlossen.“

Der Niedergang ist Schnee von gestern

Maico gründete Verkaufsniederlassungen in Amerika – doch bis Anfang der 80er begann der Niedergang. Über die Gründe wollen sich die Maico-Veteranen nicht auslassen. „Das ist Schnee von gestern. Wir wollen keine schmutzige Wäsche waschen“, meint Richter. Hinn sagt nur: „Die japanische Konkurrenz war übermächtig.“ Viele Faktoren hätten zum Konkurs 1983 geführt.

1983 bis 86 übernahm mit den Brüdern Wilhelm junior, Hans und Peter Maisch die Enkelgeneration. Sie konnten die Schließung 1986 nicht verhindern. „Eine bewegte Zeit mit vielen Ups und Downs“, sagt Peter Maisch. „Ich bin ein Pfäffinger Dinosaurier“: Der heute 61-Jährige hat hier seit 1990 eine Werbeagentur und kam am Sonntag natürlich zum Treffen. „Wenn man heute die alten Modelle sieht, ahnt man, dass es nicht leicht fiel, das aufzugeben.“ Mehr will der Ex-Chef nicht von früher erzählen. Er freut sich lieber am Kultstatus, den Maico weiter genießt: „Ich kann das den Fans nicht hoch genug anrechnen, mit was für Herzblut sie das betreiben und was das für eine Riesengemeinde ist.“

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03.09.2012, 12:00 Uhr

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