Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Hölderlin war auch Kanake

Mainzer Schüler interpretierten den Dichter auf ihre Weise

Hat Hölderlin heutzutage jungen Menschen, die eine Migrationsgeschichte haben, etwas zu sagen? Am Freitag trugen Schüler ihre Interpretationen von Hölderlin-Gedichten vor. Dabei gewährten sie Einblicke in die Gedanken junger Leute, die auf der Suche nach ihrer Identität sind.

08.12.2014
  • PHILIPP KOEBNIK

Tübingen. Das Wort „Kanake“ kommt aus dem Polynesischen und bedeutet „Mensch“. Es hat sich hierzulande allerdings zu einem Schimpfwort entwickelt, das vor allem Menschen mit südländischem Aussehen zu hören bekommen. Wie andere frühere Schimpfworte – man denke etwa an den Ausdruck „Nigger“ – wurde auch „Kanake“ von denjenigen, die damit abfällig bezeichnet werden, aufgegriffen und zunehmend als Selbstbezeichnung verwendet.

Nicht wenige Migranten nennen sich also selbst Kanaken und drücken damit ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus, die am Rand der Gesellschaft steht. Nicht dazu zu gehören gilt ihnen nicht als Schande, sondern ist wesentlicher Teil ihrer Identität. Dies kommt gerade auch in der Sprache jugendlicher Migranten, dem Kanakischen, zum Ausdruck. An diesem Punkt versucht Michael Pein, Deutschlehrer an der Berufsbildenden Schule 3 in Mainz, Jugendliche mit Migrationshintergrund abzuholen und für Lyrik zu begeistern.

Pein, der am Freitag mit einigen seiner Schüler/innen zu Gast in der Wilhelm-Schickhard-Schule im Feuerhägle war, hat es sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen an das Werk Friedrich Hölderlins heranzuführen, der heutzutage kaum noch in den Lehrplänen vorkomme. Als Mitglied der Hölderlin-Gesellschaft möchte er seinen Schülern vor allem die Angst vor diesem Dichter – und vor Gedichten überhaupt – nehmen. Um das zu erreichen, lässt er die Jugendlichen Gedichte von Hölderlin auf Kanakisch umschreiben. Der 1843 in Tübingen gestorbene Dichter war in gewisser Weise selbst ein Kanake, sagte Pein. War er doch ein Ausgestoßener, der sich von seinen Zeitgenossen nicht verstanden fühlte.

Stolz darauf, ein Kanake zu sein

Zu über 90 Prozent, so Pein, haben die Schüler ihre Gedichte selbst geschrieben. Nur hier und da hat der Lehrer eingegriffen. Generell möchte er seinen Schülern so viel Freiraum wie möglich lassen bei der eigenen Auseinandersetzung mit Hölderlins Gedichten. So kam es auch, dass manche Schüler ein Gedicht umgeschrieben haben, wobei die Struktur der Vorlage erhalten blieb, während andere sich von Hölderlin inspirieren ließen, dann allerdings völlig neue Texte verfassten.

So hat zum Beispiel Shqiponje Smajli, mit 17 Jahren ein der jüngsten in der Schülergruppe aus Mainz, Hölderlins Gedicht „An meinen B.“ neu interpretiert. Ihre Variation heißt „An meinen IS-Kämpferfreund“ und thematisiert die Schwierigkeiten, mit denen sich junge Muslime in Deutschland konfrontiert sehen, die auf der Suche nach einer eigenen Identität sind: „Bruder! Wo ich über die Täler schaue, sehe ich nur das Leid, das uns wiederkehren wird. Umgeben von Gewalt, Hasspredigten. Und doch soll ich stolz sein auf meinen Islam?“

Junge muslimische Männer, die für den sogenannten Islamischen Staat in den Krieg ziehen, sind für Shqiponje Menschen, die versagt haben. Sie haben in der Gesellschaft versagt und sie haben es nicht vermocht, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Stattdessen definieren sie sich in Abgrenzung gegenüber radikalen Feindbildern.

Kanake zu sein bedeutet für Shqiponje, in zwei Gesellschaften zu leben, aber nirgendwo wirklich zu Hause zu sein. Auch sie selbst habe keine richtige Heimat, sagt Shqiponje. Dies sieht sie jedoch nicht als bedrückenden Mangel, sondern vielmehr als Herausforderung. Auch in den anderen Gedichten kam – mal sehr ernst, mal eher humorvoll – das Gefühl der Fremdheit und der Suche zum Ausdruck.

Am Abend hatten die Schüler einen weiteren Auftritt, diesmal im Hölderlinturm. Mal brachten sie dort das Publikum mit lustigen Versen zum Lachen, vor allem aber regten sie zum Nachdenken an. Möglicherweise werden die Gedichte der Schüler auch noch publiziert werden, sagte Pein.

Mainzer Schüler interpretierten den Dichter auf ihre Weise
Die Mainzer Schülerinnen Fadime Kutlu und Pelin Yapan (rechts) am Freitagnachmittag bei der Probe zu „Hölderlin auf Kanakisch“ in der Wilhelm-Schickard-Schule. Bild: Sommer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.12.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball