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1956 starb der Betzinger Motorradrennfahrer Hans Baltisberger

Mal Glückspilz, mal Pechvogel

REUTLINGEN. Der Motorradrennfahrer Hans Baltisberger war ein Profi, lange bevor dieses Wort zum allgemeinen Sprachschatz gehörte. Allerdings würde ein heutiger Profi im globalen Motorsportzirkus vermutlich schallend auflachen, wenn man ihm von den finanziellen, technischen und kommunikativen Möglichkeiten Baltisbergers erzählte.

26.08.2006
  • Kurt Oesterle

Der 1922 geborene Betzinger hat aus sehr wenig sehr viel gemacht. Vielleicht ist er deshalb in Ost und West zu einem Volkshelden der motorisierten Moderne geworden, der weit über seinen Tod hinaus nicht in Vergessenheit geriet. Am 26. August 1956 verunglückte Hans Baltisberger im mährischen Brünn tödlich. Er liegt auf dem Friedhof seiner Heimatgemeinde begraben.

Am Anfang stand ein tragikomischer Sturz. Stuttgart-Solitude 1951: Hans Baltisberger liegt im Rennen um die Deutsche Meisterschaft der 350er Klasse in Führung. In der Glemseck-Kurve streift ihn einer seiner Mitkonkurrenten – absichtlich? Baltisberger stürzt, doch er kommt unverletzt davon. Da aber seine Maschine nicht mehr anspringen will, packt er sie am Vorderrad und schleppt sie taumelnd der Ziellinie entgegen. Ein Bild, das Zehntausende von Zuschauern nicht mehr vergessen sollten.

Doch das Publikum wollte seine Rennhelden nicht nur leiden, sondern auch siegen sehen. Und auch damit konnte Baltisberger, der Arztsohn aus Betzingen und Hobby-Pianist, dienen. Rund zweihundert Siege sowie Zweit- und Drittplazierungen fuhr er im Lauf seiner Karriere heraus, die bei den Stadtring-Rennen in Reutlingen und Tübingen 1948/ 49 begonnen hatte.

Mal sah man ihn siegen, mal sah man ihn stürzen, so dass er bald den märchenhaften Doppelnamen „Hans im Glück, Hans im Pech“ trug. Baltisbergers erster großer Erfolg war die Deutsche Meisterschaft des Jahres 1955 in der Viertelliterklasse. Die Bedingungen, unter denen sie errungen wurde, muten heute gleichsam archaisch an.

Hans Baltisberger arbeitete im Zweierteam mit seinem Mechaniker Albert Kleindienst. Saison für Saison kurvten die beiden durch Europa - in vier Jahren 120 000 Kilometer „ohne Plattfuß“, wie Kleindienst den Rennsport-Chronisten erzählt hat. Ihr Gefährt war ein Borgward, ein Mercedes oder ein Opel „Kapitän“, der den Anhänger mit den zwei Rennmaschinen zog. Es war oft genug eine einzige Hatz über Land: sonntags fuhr Baltisberger in Holland, mittwochs darauf in Irland, und fünf Tage später musste er im kroatischen Rijeka an den Start.

Die Rennwerkstatt des kleinen Teams, in der den ganzen Winter über gebosselt und getüftelt wurde, war in der Reutlinger Lindachgarage angemietet worden. Später fanden Baltisberger und Kleindienst bei „NSU-Beck“ in der Tübinger Straße eine Unterkunft.

Begehrt bei allen Rennfahrern freilich war ein Werksvertrag, bei NSU oder bei BMW. Baltisberger ist für beide Rennställe eine Zeitlang gefahren, wurde aber mit deren strengem Reglement nicht glücklich. Die Vorteile wogen die Nachteile nicht auf. Also machte er sich wieder selbstständig, und zwar auf der berühmten „Sportmax“, die er als ehemaliger Vertragsfahrer für eine Leihgebühr bei NSU mieten konnte.

Er war mit der besten Rennmaschine dieser Zeit wieder ein freischaffender Rennakrobat, wie man sagen könnte: Erst in dieser Rolle und unter mühsamen Begleitumständen errang Hans Baltisberger mit Hilfe seines Rennmechanikers Albert Kleindienst seine größten Erfolge.

Dazu war es unverzichtbar, ständig das Rennmaterial zu verbessern - selbstverständlich im Rahmen des Erlaubten. In der Reutlinger Heimatgarage wurde so zum Beispiel die „Lufthutze“ entwickelt, eine Vorrichtung zur Kühlung der Trommelbremse, die dem Fahrer ein härteres Bremsen und damit auch einen kürzeren Bremsweg ermöglichte.

Dank dieser Erfindung konnte Baltisberger die Kurven schneller anfahren. Der zweite Geniestreich des Duos war der „messerscharfe Ventilsitz“, durch den die Kompression verbessert und die Motorleistung gesteigert wurde, bis knapp an die Grenze der Belastbarkeit. Der Fahrer war selbstverständlich an all diesen Entwicklungen beteiligt. Er kannte die Werkstatt von innen ebensogut wie sein Mechaniker.

Doch das Material war nicht nur optimal zu nutzen, sondern auch sparsam einzusetzen, also zu schonen. Dem kleinen privaten Rennzirkus aus Reutlingen fehlte es einfach an Geld, was sich auch im Fahrstil niederzuschlagen hatte.

So fuhr Baltisberger, als einmal auf der Strecke das Motorenöl ausgelaufen war, mit seiner Maschine nicht zurück an den Start, sondern er schob sie, um das Getriebe nicht zu ruinieren. Ebenso verzichtete er im Gegensatz zu den meisten anderen Fahrern auf das Schalten mit dem Kurzschlussknopf, mit dem der Motor für Sekunden ausgeschaltet werden konnte: im Unterschied zum Kuppeln ein kleiner Zeitgewinn, der jedoch für die Maschine schädlich war. Ein gewalttätiger Fahrstil war schlicht zu teuer!

Mal Glückspilz, mal Pechvogel
Sachsenring Hohenstein-Ernstthal 1953: Hans Baltisberger auf einer englischen AJS.

Mal Glückspilz, mal Pechvogel
1955 wurde Hans Baltisberger mit seiner NSU-Sportmax Deutscher Meister in der 250ccm-Klasse. Er war damit zugleich der beste Privatfahrer.

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26.08.2006, 12:00 Uhr

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