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Denkmäler auf Tuchfühlung in Bronnweiler

Mammutbaum und Kirche kommen sich gefährlich nahe

Dass die Kirche vor dem Baum Bronnweilers Mitte zierte, steht außer Frage. Weshalb aber vor gut 150 Jahren ausgerechnet ein kleiner Mammut im Schatten des Gotteshauses gepflanzt wurde, ist der Gemeinde bis heute ein Rätsel. Inzwischen machen sich die beiden den Platz streitig – und das ist nicht zu übersehen.

28.12.2014
  • Christine Laudenbach

Reutlingen. Zwischen Baum und Chor passt kaum ein Blatt. Und mit jedem Jahr drängt es die Wellingtonie, wie die Pflanzen-Gattung auch genannt wird, enger ans Südportal der Marienkirche. Gut 40 Meter hoch ist der Riese bereits. Ein Ende des Wachstumsschubes ist nicht in Sicht: 135 Meter sind bei guter Pflege durchaus drin – und Stämme mit bis zu zwölf Metern Durchmesser.

Wie lange man diesem Zusammenwachsen noch zusehen kann, vermag in Bronnweiler niemand zu sagen. Kirchengemeinderat (KGR) und Meßmer Alfred Motzer behalten aber im Auge, wie gut sich die beiden Oldies vertragen: Das Gemäuer wird seit 2008 innen und außen auf Risse kontrolliert. Dem Baum attestierte jüngst ein Spezialist solide Standfestigkeit. Bei all der Sorge um die Denkmalgeschützten – hier Gewächs, dort Gebäude – kämen sich die zuständigen Ämter gar ab und an in die Quere, so die Beobachtung im KGR.

Die evangelische Gemeinde koste die Existenz des Mammutbaumes mittlerweile rund 1500 Euro pro Jahr, bilanziert deren Ratsvorsitzende Cornelia Raff. Finanziert wird der Posten aus dem Etat und über Spenden. Als nächste große Anschaffung stünde ein Blitzableiter an, sagt sie – empfohlen vom Fachmann, der auch die Baum-Brüder auf der Mainau betreut.

Als Sämling aus dem fernen Orient

Den Weg nach Baden-Württemberg fanden die Wellingtonien um 1864 alle gemeinsam – auf Geheiß des Königs, Wilhelm I. Majestät hatte ein halbes Pfund Samen im Vorderen Orient geordert, schreibt Heinz Reiff in seinem Heimatbuch. Vielleicht war es gar ein ganzes Pfund und vielleicht begann die Reise in der Türkei: Ganz genau wisse das niemand. Anzunehmen sei: Geliefert wurden 50.000 bis 100.000 Sämlinge, die zur Anzucht in die Stuttgarter Wilhelma und in die königlichen Gärten gehen sollten. Das schien selbst den Gärtnern bei Hofe über den Kopf zu wachsen. Man entsandte Samen und Setzlinge daher an die Forstämter im Land. Die „1860er Mammutbäume“ der Region wurden um 1864 gepflanzt und sind daher alle gleich alt.

Nach Bronnweiler verschlug es damals gleich zwei dieser königlichen Schösslinge. Und auf dem Kirchplatz, wo einst ein See stillgelegt worden war, fanden die ursprünglich in Kalifornien Beheimateten offenbar gute Bedingungen. Ein Foto von 1940 zeigt die beiden (noch) rank und schlank neben dem gotischen Chor, der 1415 an das damals knapp 670 Jahre alte Kirchenschiff gebaut worden war.

Auch Anfang der 40er-Jahre dachte offenbar niemand daran, dass sich die beiden Zugereisten und die Alteingesessene irgendwann in die Quere kommen könnten. Erst als einer der beiden Mammutbäume im schwäbischen Boden in Schieflage geriet, ließ die Gemeinde aus Sicherheitsgründen fällen – aber längst nicht beide Exemplare, sagt Raff: Denn auf die Idee, „dass der Baum falsch steht“, sei schlicht niemand gekommen. Warum auch? „Noch vor gut 35 Jahren konnte man um den Baum herum springen“, erklärt der 70-jährige Alfred Motzer. Und auch Raff erinnert sich, wie ihre mittlerweile längst erwachsenen Kinder dort gespielt haben.

Den rund 600 Gemeindemitgliedern ist der Baum über die Jahre ans Herz gewachsen. Der KGR will ihn „so lange wie möglich erhalten“, beteuert Raff – und Motzer, der als Meßmer für die Außenanlagen der Kirche zuständig ist, pflichtet ihr bei.

Für alle Fälle sei aber „vorausschauend“ vor etwa 25 Jahren in einer Gemeinschaftsaktion mit dem Schwäbischen Albverein eine kleine Wellingtonie gesetzt worden – in gebührendem Abstand zum großen Baum und zur Kirche, versteht sich. Die darf jetzt in aller Ruhe zum Blickfang der kommenden Jahrhunderte heranwachsen.

Mammutbaum und Kirche kommen sich gefährlich nahe
Das Baugerüst, das momentan den Blick auf den gotischen Chor der Marienkirche versperrt, hat nichts mit dem Baum zu tun, beteuern Meßmer Alfred Motzer (links) und die Vorsitzende des evangelischen Kirchengemeinderats Cornelia Raff. Bilder: Haas

Mammutbaum und Kirche kommen sich gefährlich nahe

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28.12.2014, 12:00 Uhr

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