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Neandertaler im Gehrock

Mammutlesung zugunsten des Uhlanddenkmals

Die Idee ist nicht ganz neu. Schon fünf Tage nach Ludwig Uhlands Tod gründete sich im November 1862 ein Verein mit dem einzigen Zweck, dem berühmtestes Sohn der Stadt ein Monument zu errichten. Sogar aus dem fernen Amerika gingen Spenden ein, und drei Jahre später waren bereits 32.237 Gulden zusammengekommen. Eine stattliche Summe, die laut Walter Springer heute rund 150.000 Euro entsprechen würde.

19.11.2012
  • Wilhelm Triebold

Der Tübinger Kunsthistoriker Springer war der erste im Reigen der Vorlesenden, die vom Kulturamt gebeten worden waren, zugunsten einer neuerlichen Spendenaktion etwas von oder über Uhland vorzutragen. Das eherne Uhland-Denkmal am Platz der Stadt Monthey an der Uhlandstraße bröckelt still und stumm vor sich hin, und die Rettungsaktion dürfte die Stadt verhältnismäßig überschaubare 30.000 Euro kosten.

„Im Etat ist dafür leider kein Geld“, bedauerte am Samstag im Stadtmuseum die Initiatorin der Aktion, die Kulturamts-Angestellte Dagmar Waizenegger. Was Springer wiederum zu der Bemerkung veranlasste, es sei doch seltsam, wenn die Stadt in Event übrig habe, mit dem „der Tübinger Vertrag zur schwäbischen Menschenrechts-Charta aufgeplüscht“ werde, während die 30.000 Euro für Uhland fehlten – „da stimmt doch was nicht.“

Trotzdem beteiligte sich Springer mit einem bislang unveröffentlichten Nachlass-Beitrag des verstorbenen TAGBLATT-Kulturredakteurs Helmut Hornbogen an der Lesung. Darin wird die Vorgeschichte wie die Geschichte der Denkmalfindung wiedergegeben – in all ihren eigenartigen und einzigartigen Irrungen und Wirrungen, die schließlich dazu führten, dass sich Hermann Kurz an jenem heißen Einweihungs-Julitag im Jahr 1873 ein letztlich mortalen Sonnenstich zuzog.

Springer ließ sie alle zum Wohle Uhlands nochmal aufmarschieren, die Stadtgarde und die Festjungfrauen, das Königliche Kreisgericht und die Kommersburschen. Schließlich stand er da, der bronzene Uhland, als „Neandertaler im Gehrock“ auf seinem Germania-Sockel, damals im „nationalistischen Voodoo“ als „Künder des Bismarck-Reiches“ missbraucht. Und eine Festjungfer zirpte: „Wir haben mit Freude und Liebe / Auf deine Lieder gelauscht./ Durch der Seele erstes Erwachen / Hat Uhlands Harfe gerauscht.“

Leider ohne Bademeister

Aber auch danach wurde am Samstag vor schütteren Zuhörerreihen im Stadtmuseum noch rund um die Uhr um Uhlands willen geharft. Sechs Stunden waren fürs Spenden-Marathon veranschlagt worden, dem allerdings bald die Puste auszugehen drohte. Der Zimmertheater-Intendant Axel Krauße hatte tollkühn eines der beiden Dramen von Uhlands Hand ausgegraben („dramaturgisch etwas schwierig“) und verausgabte sich beinahe schon beim dramatis personæ.

Schon der erste Aufzug, in dem Graf Adelram von Hals mit einem Schöffen von Landshut schier endlos disputiert, machte deutlich, wie wenig doch ein großer Dramatiker an Uhland verloren gegangen ist. „Wir können’s leider nicht besetzen“, heuchelte prompt der Zimmertheater-Chef.

Tübingens Regierungspräsident Hermann Strampfer wandte sich danach Uhlands Balladen-Hit „Des Sängers Fluch“ und einigen der schönen Frühlingsgedichte zu. Strampfer neigte freilich auch hier zu den bedeutungswandelnden Tempowechseln und Rhythmusverlagerungen der professionellen Vielredner, und so hatte sein Lyrikvortrag dann auch etwas von einer Rede vor einem Zweckverband wie etwa den Oberschwäbischen Elektrizitätswerken.

„Wir hätten gerne einen Bademeister gewonnen“, meinte zwischendurch Dagmar Waizenegger, die den Vortragenden zum Lohn hinterher eigens hergestellte Uhland-Kekse überreichte. Aber das Uhlandbad stieg nicht in die Bütt, dafür aber das Uhlandgymnasium in Person von Ute Leube-Dürr, der Rektorin. Sie steuerte etwas zu Uhlands Kindheit und Schulzeit bei. Es folgte danach noch rund ein Dutzend weiterer Vorleserinnen und Vorleser aus Politik und Kultur.

Mammutlesung zugunsten des Uhlanddenkmals

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19.11.2012, 12:00 Uhr

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