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"Man darf sich nicht von seiner Wut davontragen lassen"
Inszeniert Elfriede Jelineks "Wut" in München: Nicolas Stemann. Foto: dpa
Nicolas Stemann inszeniert an den Münchner Kammerspielen Elfriede Jelineks Stück über den Terror gegen "Charlie Hebdo"

"Man darf sich nicht von seiner Wut davontragen lassen"

Nicolas Stemann inszeniert an den Münchner Kammerspielen das neue Stück "Wut" von Elfriede Jelinek. Am Samstag ist Premiere.

14.04.2016
  • SWP

Wie sind Sie an das Stück herangegangen?

STEMANN: Das war nicht ganz einfach. Wir versuchen, diese Dinge im Text nachzuvollziehen. Ich habe noch nie ein Stück inszeniert, das so unmittelbar und aktuell war und geradezu täglich von den Ereignissen überholt und neu aufgeladen wird, die man in den Nachrichten hört. Im Mittelpunkt des Stückes steht der Anschlag auf "Charlie Hebdo", auf eine satirische Kultureinrichtung im weitesten Sinne. Auch das Bataclan gehörte im weitesten Sinne zu einer eher subversiven Kultur - und das ist ja genau das, was wir hier auch machen. Wir machen subversive Kunst über Attacken, die subversiver Kunst galten und stehen damit auch irgendwie im Fadenkreuz.

Haben Sie da Angst?

STEMANN: Nein, ich glaube nicht, dass wir da bedroht sind, aber ich finde diesen Umstand interessant und auch merkwürdig. Man fragt sich schon immer: Darf man das, was wir hier tun? Dabei geht es nicht um die Frage, ob man irgendwelche Islamisten beleidigt. Das kann man im Zweifel sowieso nicht verhindern, und die sind auch nicht primär unsere Zielgruppe. Aber ich versuche, nicht rumzuzündeln, weil ich auch nicht weiß, was das bringen sollte. Ich bin zwar mit Satire aufgewachsen und fühle mich auch einem Blatt wie "Charlie Hebdo" sehr nahe. Mir ging der Anschlag schon sehr nahe. Allerdings fand ich die Reaktionen darauf und dieses "Wir sind Charlie" nicht so besonders hilfreich. Da waren viele Leute auf einmal Charlie, die sich zu Zeiten, als es noch ein linksradikales Schmuddelblatt war, auf keinen Fall als Charlie bezeichnet hätten. Ich verstehe es, dass man unmittelbar nach den Anschlägen ein Zeichen der Solidarität sendet, aber irgendwie wurde damit aus einem subversiven Lachen ein staatlich verordnetes. Jelinek hat das Stück geschrieben, ohne zu wissen, was in Paris und Brüssel noch alles passiert.

Sie wissen das jetzt. Wirkt sich das auf Ihre Inszenierung aus?

STEMANN: Ja, sicher. Das lässt sich ja gar nicht vermeiden. Ich habe Jelinek auch gefragt, ob sie nicht weiter an dem Stück schreiben will. Das hatten wir ja bei "Kontrakte des Kaufmanns" so ähnlich, das 2008 unmittelbar vor dem Lehman-Crash, entstanden ist und sich dann auf einmal als Kommentar zu dem Crash las. Damals hat sie weiter geschrieben - dieses Mal wollte sie das nicht. Das verstehe ich sehr. Es ist ihr Sprachkunstwerk, es ist jetzt fertig, und es wird sich mit allem, was da sonst noch passiert, von selber weiter aufladen.

Können Sie sich von Wut freisprechen?

STEMANN: Natürlich nicht. Wenn ich höre, in Lahore wird ein Spielplatz attackiert, auf dem sich Eltern und Kinder friedlich aufhalten - natürlich gerate ich da in Wut. Es ist nur wichtig, sich im Moment davon nicht so forttragen zu lassen. Das wird immer schwieriger und das liegt auch an der Art unserer Kommunikation. Das hängt sicher auch mit dem Internet zusammen. Es ist ein guter Resonanzraum für wütende und zornige Affekte. Man will von seinem Schreibtisch aus mit seinem nächsten Post die Debatte beenden, die Gegner vernichten. Die Gegner reagieren darauf aber mit dem gleichen Impuls. Diskussionen im Internet bleiben selten gelassen und produktiv. Jelinek schreibt auch teilweise Hass-Posts ab und webt sie in den Text ein.

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14.04.2016, 06:00 Uhr

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