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Weiterbildung und die Suche nach Herausforderungen bereichern das Arbeitsleben

Man muss die Möglichkeiten sehen

Einmal ist es ihr passiert, aber wirklich nur einmal: Da hatte sie sich auf eine Führungsstelle im Deutschen Herzzentrum in Berlin beworben. Und die Unternehmensberatung, die die Bewerber prüfte, meinte: Carmen Fromme sei zwar geeignet für die Stelle, aber sie sei zu alt. Dabei war sie da gerade 52. Carmen Fromme wurde trotzdem zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

20.08.2012

Und sie bekam die Stelle.

Ihr heutiger Arbeitsraum am Tübinger Uni-Klinikum gleicht dem Tower auf einem Flughafen. Hier herrscht konzentrierte Ruhe. Die wichtigsten Arbeitsinstrumente der gelernten OP-Schwester sind heute die Computer. Mehrere Bildschirme gehören zum Kontroll-Zentrum, von dem aus Carmen Fromme zusammen mit ihrem ärztlichen Kollegen Prof. Heinz Guggenberger die Abläufe in den 20 Operationssälen des Crona-Klinikums auf dem Schnarrenberg steuert. Morgens um zwanzig nach sechs wird hier der erste Patient eingeschleust, die erste von rund 60 geplanten Operationen vorbereitet.

„Das ist das Interessante an meinem Beruf: Jeder Arbeitstag beginnt zur selben Uhrzeit, aber man weiß nie, wie er endet. Kein Tag ist wie der andere“, sagt Carmen Fromme. Stressresistenz ist eine Grundvoraussetzungen für diesen Job: Schließlich gilt es an dieser Nahtstelle medizinische Gründlichkeit und wirtschaftliche Effizienz zusammenzufügen. Den Tagesablauf in den 20 Operationssälen zu steuern ist deshalb Präzisionsarbeit: Manche Operationen dauern länger, andere Eingriffe müssen verschoben, Notfälle eingeschleust werden. Und trotzdem muss jedes Detail stimmen, müssen Informationen über den Patienten jederzeit abrufbar sein, neue Entwicklungen dokumentiert werden. Dabei sollen die Operations-Säle optimal ausgelastet sein. Fast nichts ist an einem Klinikum teurer als ein leer stehender OP. „Eine der größten Wertschöpfungen des Krankenhauses wird hier geleistet“, so Fromme.

Zeit ihres Arbeitslebens hat Fromme sich fortgebildet, weiterqualifiziert, studiert. Wie nur wenige Menschen hat die heute 60-Jährige ihre Arbeitsbiografie mitgestaltet und nach Veränderungen und Verbesserungen gesucht. Auch weil sie sich spätestens mit 40 Jahren sicher war: Diese Nachtdienste, die der Arbeitsalltag im Krankenhaus mit sich bringt – „das kann ich nicht mein Leben lang machen“.

Nach ihrer Ausbildung zur Krankenpflegerin hat sie eine Fachweiterbildung zur OP-Schwester gemacht, später Kurse zur Leitung einer Funktionseinheit absolviert. Mit 45 Jahren begann Fromme, Pflegemanagement zu studieren, berufsbegleitend. Sie wurde damals als eine von 25 Studentinnen aus 750 Bewerber/innen ausgewählt. Sie hat das auch als Verpflichtung begriffen, den Bettel nicht hinzuwerfen, obwohl das Pensum gewaltig war: „Ich habe in meinem Leben viel gearbeitet. Aber in der Zeit habe ich noch mehr gearbeitet.“

Sich neue Herausforderungen und Aufgaben zu suchen ist auch etwas, was sie Kolleg(inn)en auf den Weg mitgeben will und das als Chefin auch tut: „Viele muss man dazu ermutigen, so etwas zu machen. Man muss ihnen die Augen öffnen, welche Möglichkeiten es gibt. Die sieht man oft nicht, wenn man in der Maschinerie steckt.“

Ihre Arbeitsbiografie umfasst viele Stationen – vom Kreiskrankenhaus in Lüdenscheid über die Uni Münster bis zur Berliner Charité. Seit Januar 2005 ist Fromme Geschäftsführerin des Zentral-OPs am Tübinger Uni-Klinikum. Es wird die letzte Station in ihrem Arbeitsleben sein. Denn mit 63 Jahren, also 2014, will sie in Rente gehen. Nicht, weil sie sich zu alt fühlt oder das Gefühl hat, dem Stress und den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. „Ich habe dann 45 Jahre voll gearbeitet. Das ist genug.“

Angst vor dem großen Loch nach einem mehr als ausfüllenden Berufsleben hat sie nicht. Sie will sich weiterhin im Berufsverband engagieren – und vor allem mehr Zeit für ihren Garten haben, der ihr schon jetzt ein Fluchtpunkt in schwierigen Zeiten ist: „Wenn ich hier raus gehe und über etwas nachdenken muss, nehme ich meine Rebschere und gehe in meinen Garten.“

Rente mit 67 ist unrealistisch

Die gesetzliche Rente mit 67? Zumindest für ihren Arbeitsbereich – die Operationssäle an den Kliniken – hält Fromme diese Gesetzesänderung für unrealistisch. Schichtdienste und die körperlich anstrengende Tätigkeit würden dazu führen, dass viele Beschäftigte entweder Altersteilzeit beantragen oder eine Frühverrentung anstreben. Körperlich weniger beanspruchende Arbeitsplätze – solche Nischen gebe es an den Krankenhäusern heutzutage kaum noch. „Wir haben keine Karrierewege für die Rente mit 67.“ Angelika Bachmann

Man muss die Möglichkeiten sehen
Carmen Fromme, Jahrgang 1951, ist gelernte Krankenpflegerin, hat Pflegemanagement studiert und leitet heute den Zentral-OP der Crona-Kliniken auf dem Schnarrenberg. Mit 63 Jahren geht sie in Rente: „Ich habe dann 45 Jahre lang voll gearbeitet.“ Bild: Metz

Man muss die Möglichkeiten sehen

Seit diesem Jahr wird das Rentenalter schrittweise erhöht. Lag das gesetzliche Rentenalter bislang bei 65 Jahren, wird man im Jahr 2030 erst mit 67 in Rente gehen – formal zumindest. Denn Frühverrentung und Altersteilzeit führen dazu, dass viele sich bereits früher von ihrem Betrieb verabschieden. In einer Serie will das TAGBLATT in Interviews und Porträts der Frage nachgehen: Wie realistisch ist die „Rente mit 67“? Wie erleben Ältere ihren Arbeitsalltag? Und was können Betriebe tun, um ältere Arbeitnehmer in den Betrieben zu halten?

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20.08.2012, 12:00 Uhr

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