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Buchvorstellung

Manche Fälle vergisst man nie

Von der RAF bis zum Feuerteufel: Der langjährige Stuttgarter Kripo-Beamte Hans-Peter Schühlen hat seine spektakulärsten Ermittlungen aufgeschrieben. Er räumt auch mit Vorurteilen auf.

05.04.2017
  • CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. Immer wieder denkt Hans-Peter Schühlen an das fünfjährige Mädchen. Als er als junger Kripobeamter im Krankenhaus ankommt, ist das Kind bereits tot. Der kleine Körper ist übersät mit Blutergüssen. Schnell ist klar: Ein Elternteil war‘s und wird später auch verurteilt. Ob Vater oder Mutter, der heute 65-Jährige hat es vergessen. Aber den Anblick des toten Kindes wird er bis heute nicht los. „Fälle mit Kindern gehen dem härtesten Kriminalbeamten an die Substanz“, sagt er.

In mehr als 40 Jahren bei der Kriminalpolizei Stuttgart hat Hans-Peter Schühlen, bei Kollegen nur „Pit“ gekannt, viel gesehen. Über seine spektakulärsten Fälle hat er nun ein Buch geschrieben. Erschienen ist es im Tübinger Silberburg-Verlag, der sich auf Regionales spezialisiert hat. 3500 Exemplare von „Stuttgarter Tatorte“ sind in der ersten Auflage gedruckt worden. Für den Autor ist das Buch eine Premiere und „vermutlich auch das letzte“. In alten Akten zu wühlen, zu entscheiden, welche Namen und Fakten er nennen kann, das sei „viel Geschäft“ gewesen, erklärte er bei der Vorstellung am Dienstag.

Schreiben zum Verarbeiten

Er sei ein eher introvertierter Mensch, über die Jahrzehnte habe er viel mit sich selbst ausgemacht. „Vielleicht ist das der Grund dafür, warum ich mehrfach Herzprobleme hatte“, so Schühlen. Ein bisschen sei das Niederschreiben womöglich, ähnlich wie die Krimiführungen, die er anbietet, eine Art der Verarbeitung gewesen. Aber vor allem habe er immer wieder denselben Satz gehört: Menschenskind, das sollte man mal aufschreiben.

Er hat‘s gemacht. Auf den 190 Seiten finden sich unter anderem die Geschehnisse rund um den Selbstmord des RAF-Trios Baader, Ensslin und Raspe 1977 in der JVA Stammheim und den „Deutschen Herbst“. Ebenso beschrieben wird der Fall eines Feuerbacher Rentners, dem 1989 von einem Zechgenossen ein Brillenputztuch mit einem Kamm so weit in den Rachen geschoben worden war, dass er erstickte. Erst 19 Jahre später war der Mord gesühnt worden. Auch Brandstiftungen finden sich im Buch, etwa die Serie eines Pyromanen Ende der 70er, der es auf R4-Renaults abgesehen hatte, wenn „er Krach mit der Freundin hatte“, wie es seinerzeit in der Presse geheißen hatte.

Die interessantesten Dienstjahre seien aber die letzten zehn gewesen. Da hatte er sich sämtlichen ungeklärten Stuttgarter Mordfällen seit 1945 gewidmet, erzählte Schühlen. 64 trug er zusammen, teilweise aus dunklen Ecken der Asservatenkammern. Neun konnten er und sein Team lösen.

In Wallung gerät der schwäbelnde Pensionär aus Weil der Stadt nur beim Krimischauen. Wenn er mal einen „Tatort“ oder eine dieser amerikanischen Serien einschalte, gerate er stets mit seiner Frau in Streit – weil er alles kommentieren müsse. Denn was er da sehe, „so ist es eben nicht. Es wird auch nicht laufend geschossen. Ich habe in 40 Dienstjahren meine Waffe nicht einmal benutzt.“ Die Leute hätten ein total falsches Bild von der Arbeit eines Ermittlers.

Nicht im Buch enthalten sind ungeklärte Fälle. „Die Gefahr war zu groß, dass ich etwas schreibe, das nicht bekannt ist.“ Aber es gibt sie, die „cold cases“, an denen Schühlen ergebnislos gearbeitet hat. Etwa den der damals 20-jährigen Sabine Binder, die in einer Mai-Nacht 1981 mit ihrem Fahrrad von Möhringen nach Plieningen unterwegs war, nahe der Patch-Barracks vom Rad gerissen und erstochen wurde. Hans-Peter Schühlen verstummt kurz. „Ich habe den einen oder anderen Fall, der mich umtreibt.“ Ins Gedächtnis drängen sich die Geschichten ständig. „Wenn ich durch Stuttgart laufe, werde ich überall an irgendetwas erinnert.“

Info Hans-Peter Schühlen, „Stuttgarter Tatorte. Meine spektakulärsten Fälle“, gebundene Ausgaben, 19,90 Euro, ISBN 978-3-8425-2012-7

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05.04.2017, 06:00 Uhr

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