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Auch Spielzeug muss erfunden werden

Manche Weihnachtsgeschenke kommen aus „Dieters“ Werkstatt

Dieter Stein ist Tüftler. Und wie das so bei Tüftlern ist, geht auch in seinem Kopf Merkwürdiges vor. Manchmal blockieren Gabelstapler sein Hirn, manchmal Sturmgläser, manchmal Treppenkugelbahnen. Stein entwickelt am laufenden Band Spielzeug für Kinder und Erwachsene. Vor 36 Jahren fing er damit an – in der Garage seiner Eltern.

05.01.2015
  • Ulla Steuernagel

Hat irgendjemand schon mal überlegt, welche Auswirkungen Tiefgaragen auf die Kreativität der Menschheit haben? Man kann sich nur schwer vorstellen, dass mitten im Ein- und Ausfahrbetrieb irgendein Bastler steht und bohrt und feilt und sägt, wie Dieter Stein vor vielen Jahren im Philosophenweg. Seine ersten Kreationen verkaufte er auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt. Das Holzspielzeug kam gut an bei den Eltern, die nach einfachen, hochwertigen und Phantasie anregendem Spielsachen suchten. Und auch die Kinder mochten die Loks, Kaufläden, Doktorkoffer und Holzkreisel.

Manche Weihnachtsgeschenke kommen aus „Dieters“ Werkstatt
Endkontrolle muss auch im Zauber-Metier sein. Natali Stein schaut, ob auch alles mit rechten Dingen zugeht.

Ungefähr 36 Jahre später füllt „Dieters“ das ehemalige Magazin der Tübinger Unibibliothek. Zwar nimmt seine Ware nicht die 15 Regal-Kilometer in Anspruch, die die UB für ihre Bücher brauchte, aber auch bei „Dieters“ sind die Regale gut gefüllt. So steht ein ganzer Raum voller Zauberkoffer. Welche Kräfte damit entfesselt werden können! Die Tricks, vom Gummidaumen über Zauberkarten und präparierte Seile, hat Dieter Stein allerdings nicht selber entwickelt. Sie kauft er ein. Doch die Anleitungen, so beschreibt seine Frau Iris Stein einen Teil ihrer Tätigkeiten, „werden pädagogisch sinnvoll umgeschrieben“. Beeindruckend ist auch die riesige Ansammlung und Lagerhaltung von Murmeln in einem Raum des Gebäudes an der Steinlach. Aus den Kistchen blitzen und glitzern die schönen Kullern. Auch sie musste Stein nicht erfinden, doch bei ihm stapeln sie sich in unglaublichen Variationen.

Die Steins sind aber auch ein wichtiger Player auf dem Jonglage-Markt. Über den Fachhandel hinaus trugen sie nicht unerheblich zur Verbreitung von Diabolos und anderer in Kinderzirkussen einsetzbaren Geschicklichkeits-Spielsachen bei.

„Dieters“ ist in erster Linie Großhändler, das Online-Direktgeschäft macht nur einen kleinen Teil seines Umsatzes aus. Dabei war Stein anfangs nicht nur als Groß-, sondern auch als Einzelhändler im Spielwarenladen in der Froschgasse tätig. „Doch zwei Betriebe“, so Stein, „wurden mir zu viel.“

Dass Tochter Natali trotz ihres abgeschlossenen Psychologiestudiums in den elterlichen Betrieb einstieg, hat aber sicher auch mit der Froschgasse zu tun. Dort stand sie als Kind auf einem Stühlchen hinter der Kasse und durfte beim Verkauf helfen. Das mochte sie mehr als alles Spielzeug im Laden. „Das Verkaufen machte mir am meisten Spaß“, erinnert sie und scheint auch ganz gut verkraftet zu haben, dass ihre Eltern ihr niemals die ersehnte Barbie schenkten. Barbie passt nun gar nicht ins Spielekonzept der Steins.

Mittlerweile haben Dieter Steins Entwicklungen jede Menge „Spielgut“-Auszeichnungen bekommen. Diese werden von einer gemeinnützigen Verbraucherberatung verliehen, die pro Jahr rund 500 Spielsachen testet. Eine Treppenkugelbahn aus Holz ist zum Beispiel darunter (siehe Bild). An ihr hatte Stein lange zu tüfteln. „Sie funktioniert wie ein Sechs-Zylinder-Motor“, sagt er und freut sich darüber, dass Männer oft staunend davor stehen bleiben, wenn sie sehen, wie durch Kurbelantrieb die Kugeln Stufe für Stufe hochwandern. Produziert werden die selbst entwickelten Spielsachen in Deutschland, zum Teil in Zusammenarbeit mit Behinderten-Werkstätten.

Manche Weihnachtsgeschenke kommen aus „Dieters“ Werkstatt

Steins Tüftel- und Bastellust wurde durch ein frühes Auto befeuert, das nicht immer so funktionierte wie es sollte. Immer wieder zerlegte er also den Motor. „Heute kann man am Auto kaum noch was selber reparieren“, bedauert er. Wenn bei den modernen Autos etwas kaputt gehe, dann oft die Elektronik und dafür braucht man dann Ersatzteile.

Stein ist aber auch gelernter Maschinenbauer. Er wollte sich jedoch in kein Unternehmen einspannen lassen, sondern sein eigener Chef sein. Dass Holz sich ohne große Maschinen-Investitionen gut verarbeiten lässt, kam ihm dabei sehr entgegen. Allerdings baute er sich einige Maschinen auch gleich selber. Seine Abpackmaschine ist heute noch in Betrieb.

Stein ist fast immer mit irgendeiner Erfindung beschäftigt, kein Material ist vor ihm sicher: Er entwickelte Kissen, die ein Stativ ersetzen – fürs Selfie, bei dem die eigene Armeslänge nicht ausreicht. Er erfand Fratzenspiegel, Schattenlichter, Brillen, durch die man rosa, Sternchen und überhaupt anders sehen kann und aus Steinscher Werkstatt kommen auch bewegte Bilder zum Selberbasteln.

Immer wieder kann es aber auch passieren, dass er ein Modell verwirft, obwohl es funktioniert. „Man ist fertig, aber es wird zu teuer.“ Manchmal hakt es auch woanders. So hatte Stein endlich den Gabelstapler konstruiert, den er sich vorgestellt hatte. Ein zweirädriges Holzfahrzeug mit einem Stiel zum Schieben und einer dicken Kugel am Seil, mit der Kleinkinder eine Hebebühne bewegen können. „Das Kind kann sich dabei selber als Fahrer fühlen.“ Doch nach kurzer Zeit klemmte und verhakte sich das Holz, der Bühnenlift stockte. Bis die Sache endlich rund lief, war viel Feinarbeit erforderlich.

Ein Erfolgsmodell aus „Dieters“ Werkstatt, das in vielen Museumsshop, unter anderem im MoMa (Museum of Modern Art) in New York, zu Hause ist, ist ein kleiner bunter Plastikflitzer mit Oldie-Rennwagen-Karosserie, der mit Ballonantrieb fährt. Am Heck des Flitzers bläst man, sozusagen über den Auspuff, den Ballon auf undschon geht die Karre ab wie eine Rakete.

Manche Weihnachtsgeschenke kommen aus „Dieters“ Werkstatt
So sieht die Entwicklungswerkstatt eines Wetterglas-Konstrukteurs aus. Dieter Stein bei der Arbeit.

„Dieters“ besteht mittlerweile aus sieben Mitarbeitern. Außer der Familie sind da noch eine Angestellte, eine Schreinerin, ein Auszubildender und eine Aushilfe. Man könnte, sagt er, eine Extra-Kraft nur für die immer komplizierter werdenden Normen einstellen. Ein Spielzeug müsse heute zwischen 800 und 3000 Sicherheitsprüfungen durchlaufen, bevor es auf den Markt gelangt. Mitunter nehme das groteske Züge an. So habe sich eine vernickelte Nadel im Perlenwebrahmen als Problem erwiesen, berichtet Iris Stein. „Wenn ein Kind die Nadel verschluckt und sich das Nickel im Magen auflöst, führt es zu Vergiftungserscheinungen.“ Doch Nadeln der gewünschten Größe gebe es nur vernickelt, größere unvernickelte seien jedoch viel gefährlicher.

„Dieters“ Sortiment wird ständig erweitert. Einer der Dauerbrenner im Angebot sind ein mehrfach modernisierter Doktorkoffer („jetzt auch mit Handy“) und ein kleiner Perlenwebrahmen zum Weben von Freundschaftsbändchen. Der Webrahmen hielt sich über die Jahre, doch wird er mittlerweile schicker präsentiert. „Früher“, so Iris Stein, „wurde er im Baumwollbeutel angeboten. So lief er heute nicht mehr.“

Nicht nur durch Eigenkreationen, sondern auch durch Neuheiten, die den Steins auf Spielzeug- und Designmessen auffallen, erweitern sie ihr Sortiment. Dabei betätigen sich auch als Trendscouts. So seien sie als erste mit 3-D-Bildern auf den Markt gekommen, Bilder der Art, wie man sie vom Sehtest kennt.

Angst, dass die Ideen von chinesischen Herstellern kopiert werden, hat Stein nicht. Dazu seien Material und Herstellung zu aufwändig. „Wir werden hauptsächlich in Deutschland nachgemacht“, sagt der Erfinder, der übrigens laut Auskunft seiner Frau, „wie alle Männer nie eine Bedienungsanleitung liest“.

Was Stein zur Zeit nicht loslässt, ist ein Wetter- und Sturmglas. Eine Vorrichtung, die Wetter- und Sturmprognosen möglich macht. Das Ganze funktioniert auf chemischer Basis. Bis die Chemie stimmt, alle Vorschriften überprüft sind und das Glas auf den Markt kommt, wird allerdings noch mancher Regen, vielleicht sogar Schnee gefallen sein.

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05.01.2015, 12:00 Uhr

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