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Dann wird der Gog kreuznarret

Manfred Bayer führte durch die Unterstadt

Wenn einer die Tübinger Unterstadt kennt, dann Manfred Bayer, der in der Lazarettgasse aufgewachsen ist. Ihm schlossen sich am Donnerstag 30 Wissbegierige auf einer Führung an.

28.05.2012
  • Michael Sturm

Sebastian Blau, also der Josef Eberle aus dem katholischen Rottenburg, der hat einmal über die Gôgen – die Wengerter aus der Tübinger Unterstadt – geschrieben: „Ihre Art und ihr Wesen widersetzt sich in Wort und Schrift ... sie hängen sofort den Raubauz heraus und bedienen sich einer saumäßigen Redewendung.“

Um Eberles Einschätzung noch zu unterstreichen, erzählt Manfred Bayer die berühmte Anekdote vom zerstreuten Professor, der sich in den Wengert eines Gôgen verirrt und von diesem – „I schlag dr d‘Läuf ra, dass da uff de Stompa hoimlaufsch!“ – aufs Übelste beschimpft wird. Der Professor entschuldigt sich in aller Form, worauf der Gôg knurrt: „Deswega sait mr‘s eich em Ââstand.“

Auch beim Klerus hatte der Gôg meist den Lacher auf seiner Seite. In einer Anekdote geht es um einen Pfarrer, der einen gärtnernden Gôgen lobt, in dessen Garten sei es ja mit Hilfe des Herrn sehr schön geworden. Als Antwort hört der fromme Mann: „Des hättat se seah solla, als es onser Herr alloi g‘macht hôt!“

Manfred Bayer erzählt diese Anekdoten mit jener ansteckenden Begeisterung, die aus selbst Erfahrenem beruht: Bayer wuchs mitten in der „Gôgei“ auf, in der Lazarettgasse. Er hat sie noch erlebt, die Wengerter, die selbst den scheußlichsten „Semsakrebsler“ tranken, weil ihn der Herrgott halt so werden ließ. Die Gerüche von Handwerk und Landwirtschaft am kleinen Ämmerle. In Bayers Stimme, Gestik und Mimik wird dies alles wieder lebendig.

Die Führung beginnt am Neckartor, streift die drei Baustile des Stiftshofs, erwähnt die Entstehung der Neuen Straße nach dem Stadtbrand 1789 und bewegt sich über den Holzmarkt auf die Unterstadt zu. Bayer liefert kurze aber tiefe Einblicke in die Historie der Stadt: Von der Entstehung des Stadtfriedhofs 1829 über Cotta, den Verleger von Goethe und Schiller bis zum Werdegang jenes ehemaligen Franziskanerklosters, das heute die katholische Fakultät beheimatet.

Zwischendurch Eduard Mörikes von einigen aus der Gruppe mitgesprochene Frühlingsode „Er ist‘s“ und ein kurzes Gedicht von Heinz Erhardt. Der Humor kommt bei Bayer nicht zu kurz.

Doch ohne die Gôgen, ihre raue Art und ihren Witz, käme keine Führung durch die Tübinger Unterstadt mit ihren bemerkenswerten Bauwerken aus. Diese weisen jedoch selbst meist auf die frühere Bevölkerung hin: Das Kornhaus, die Drehscheibe für das tägliche Brot der Tübinger.

Das Areal des Spitalhofs, 1291 nach einem großen Stadtbrand angelegt und selbst zwei Mal den Flammen zum Opfer gefallen. „Das typische Wengerterhäusle“ am kleinen Ämmerle 35 mit der Dachöffnung für den Rauchabzug, aus Holz gebaut, das auf das Jahr 1446 datiert wird. Das Haus in der Seelhausgasse, an dem noch ein „Lotter“ befestigt ist – ein Rad über das ein Seil lief, mit dem man seinen Vorrat unter das Dach beförderte.

Und zwischendurch wird Bayer von einem alten, hageren Mann begrüßt. Die beiden kennen sich offenbar seit Jugendzeiten aus der Unterstadt. Der „Done“, sagt Bayer in aufgesetztem Stuttgarter Honoratioren-Schwäbisch, sei „ein echter Gaage.“ So sieht er also aus, der typische Tübinger.

Es sind die kleinen Details, welche diese Führung so liebenswert machen. Bayer weist auf den „Versuch eines Denkmals“ hin, den von Ugge Bärtle gestalteten Wengerterbrunnen am Eck Mordiogässle / Salzstadelgasse mit der fehlerhaften Skulptur eines Gôgen: Die Kopfbedeckung fehlt – seine Kappe nahm der Gôg nur ab, wenn er ins Bett ging. Die Geschichte von den spät aus den Kneipen zurückkehrenden Studenten, welche die Bewohner der Gasse Im Brühl dazu veranlassten, Zeter und Mordio zu schreien – wodurch die Gasse ihren aktuellen Namen bekam.

Selbst Teilnehmer, die viel von Tübingen zu kennen glauben entdeckten Winkel und Gassen, die sie noch nie gesehen haben. Etwa das schmalste Gässchen Tübingens, die Hasengasse, in die sich Bayer als Kind nicht hineintraute, weil sie so dunkel und dreckig war:“ Die Hasengasse zu durchqueren war unsere Mutprobe: Da wurde man vom Soicher zum Kerle.“

Wenn die Frau eines Gôgen das letzte Wort behalten wollte, setzte sie auf die schlimmste Beleidigung: „Gang ahne, Du Sauraup‘!“ Die Folge: „Nô wird dr Gôg kreuznarret!“ Schon kleine Buben wurden so erzogen: „Mir sen Wengerter, koine Raupa!“ Ein derart erzogener Gôgen-Sprössling wollte seinen Vater im Wengert davor warnen, das diesem so ein Tier gerade in den Kragen hineinkriechen wollte. Der Junge brachte dann aber nur heraus: „Babba, bei Dir lauft dohanna en Wengerter nuff!“

Manfred Bayer führte durch die Unterstadt
Stadtführer Manfred Bayer mit seinen Führungsgästen auf dem Weg tief hinein in die Tübinger „Gôgei“. Bild: Sommer

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28.05.2012, 12:00 Uhr

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