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Möbelbranche

„Mangelnder Patriotismus“

Die Zahlen des Büroausstatters Interstuhl aus Meßstetten klingen gut, die Pläne auch. Aber die Übernahme von Rolf Benz scheitert. Der Zuschlag geht an Chinesen, der Ärger ist groß.

16.03.2018
  • CAROLINE STRANG

Meßstetten. Man werde sich anderweitig umschauen, sagt Joachim Link, Geschäftsführender Gesellschafter von Interstuhl. Denn die Zeichen stehen auf Wachstum beim Hersteller von Büromöbeln aus Meßstetten. Die Übernahme des Edelpolsterers Rolf Benz aus Nagold hat nicht geklappt, darum setzt Link auf „starke Eigenentwicklung“. Und: „Vielleicht ergeben sich doch noch Chancen für einen Zukauf.“

Unter Eigenentwicklung versteht Link zum einen die Konzentration auf den Trend, das Büro wohnlicher zu gestalten, mit weichen Sitzen ganze Bürolandschaften zu entwickeln. Zum anderen wollen die Meßstettener international wachsen, unter anderem in Asien, Lateinamerika und der Golfregion. „Wir setzen auf qualitativ und preislich mittel- bis hochwertige Möbel“, sagt Link. Der Hauptgrund: Die Konkurrenz aus Asien und Polen wird stärker, der Wettbewerb vor allem im günstigen Sektor härter.

Deutlich über Branchenschnitt

800 Mitarbeiter beschäftigt Interstuhl in der Gemeinde im Zollernalbkreis, 1000 weltweit. Der Umsatz liegt bei 200 Mio. EUR, davon werden 160 Mio. EUR in Meßstetten erwirtschaftet. Darauf ist Link hörbar stolz.

Die Büromöbel-Branche ist im vergangenen Jahr um 3,2 Prozent gewachsen, ein langanhaltender Aufwärtstrend. „Wir verzeichnen immer das doppelte Wachstum wie die ganze Branche“, sagt Link. Diese hat 2017 laut den Datenexperten von Statista 5,31 Mrd. EUR umgesetzt, die Prognose für das aktuelle Jahr beträgt 5,43 Mrd. EUR.

Link kann nicht verstehen, warum die Übernahme von Rolf Benz gescheitert ist. Nach wochenlangen Verhandlungen mit der Hülsta-Gruppe, dem Eigentümer von Rolf Benz, der selbst in schwierigem Fahrwasser steckt und immer mehr zugekaufte Firmen wieder verkauft, bekam ein chinesischer Investor den Zuschlag, der Polstermöbelriese Jason Furniture mit mehr als 4 Mrd. EUR Umsatz.

Laut Branchenschätzungen ging der Möbelhersteller für etwa 45 Mio. EUR oder mehr an die Chinesen. Bislang ist der Kaufvertrag unterschrieben, abgeschlossen ist der Deal allerdings erst mit dem sogenannten Closing, wenn alle Vertragsbedingungen erfüllt sind.

Offener Brief an die Politik

Link wandte sich vergangene Woche enttäuscht mit einem offenen Brief an Politik und Presse, in dem er die Entscheidung kritisierte und Hülsta im letzten Moment zum Umdenken aufforderte. Er führt darin die Vorteile für die beiden baden-württembergischen Unternehmen auf. Er rechnet gegenüber der SÜDWEST PRESSE vor, dass der Polstermöbelhersteller in drei bis vier Jahren bis zu 40 Mio. EUR mehr hätte erzielen können – vor allem durch die Interstuhl-Kontakte zum professionellen Fachhandel. „Wir hätten den Standort Nagold weiter ausbauen können“, sagt er. „Schade“ sei es, dass es nicht geklappt hat, ein Funke Hoffnung bleibe noch.

Link bracht in dem offenen Brief auch seine Befürchtungen zum Ausdruck. Der Investor aus China bringe für „die Firma Rolf Benz, für Süddeutschland und für die Möbelbranche insgesamt eine große Veränderung“ mit sich, die sich negativ auswirken werde – unter anderem seien die Arbeitsplätze in Nagold gefährdet und Kuka werde Marktanteile lokaler Hersteller übernehmen. Er kritisiert: „Ich bin überzeugt davon, dass Hülsta sich mittelfristig selbst enorm schaden und den eigenen Wettbewerb in Deutschland und Europa mit aufbauen wird.“ Er beklagt fehlendes Verantwortungsbewusstsein und mangelnden Patriotismus.

Rolf Benz‘ Vorstandsvorsitzender Jürgen Mauß ist erst im April wieder für Interviews zu erreichen. Der Lokalzeitung Gäubote verriet er vor einigen Tagen, dass es mehr als fünf Bieter gegeben habe. Die Entscheidung habe letztlich die Familie Hüls, Inhaber von Hülsta, in der Hand gehabt. „Die Älbler“, also Interstuhl, „wären uns von der Mentalität sicher näher gewesen.“ Die Chinesen hätten eine Standortgarantie abgegeben. „Wir rechnen nicht damit, dass sich hier irgendetwas ändert“, ergänzt Mauß. „Es gibt keine Anzeichen dafür.“

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16.03.2018, 06:00 Uhr

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