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Steinerne Schätze müssen raus aus dem Wald

Manuel Rongen über den Umzug seines Natursteinparks

Wenn Manuel Rongen dieser Tage durch die Stadt geht, hört er viele aufmunternde Worte. Die Solidarität der Tübinger Bürger/innen und Stadträte, aus Rathaus und Landtag freut ihn sehr. Dennoch glaubt er nicht mehr daran, dass er mit seinem Betrieb im Schindhau bleiben darf: „Eine Lex Natursteinpark wird es nicht geben.“ Seine letzte Hoffnung ist die umstrittene Fläche beim Hornbach.

19.08.2015
  • Volker Rekittke

Tübingen. „Das Stein-Recycling haben wir nicht erfunden“, sagt Manuel Rongen. Auch in der Tübinger Stiftskirche wurden schon gebrauchte Steine verbaut – etwa der Greif an der Ecke rechts neben dem Haupteingang, der aus einer romanischen Vorgängerkirche stammt. Riesige Steinhaufen – darunter die Überreste Crailsheimer Muschelkalk vom Stuttgarter Hauptbahnhof – wechseln sich im Tübinger Natursteinpark ab mit verwunschenen Ecken: Taufbecken, Säulen, Engel unter mächtigen Bäumen.

Wie alt die steinerne Stufe ist? Bestimmt 150 Jahre, schätzt Rongen. Der Wendelsheimer Schilfsandstein wurde bis Ende der 1960er Jahre abgebaut. Jede einzelne der länglichen Vertiefungen zeugt davon, wie die Stufe in Form gebracht wurde: mit Fäustel, Meißel, Muskelkraft. „Nur ein Steinmetz weiß, wie viel Arbeit da drin steckt.“ Steine sind für Rongen auch „ein historisches Kulturgut“.

Gut zu wissen für Garten- und Häuslebauer: „Die alten Steine haben den Praxistest schon bestanden.“ Im möglichst preisgünstigen Granitpflaster aus Fernost bilden sich manchmal schon im ersten Winter Haarrisse. Von den umweltbelastenden Transportwegen ganz zu schweigen. „In zehn Jahren wird es eine Pflicht geben, Steine zu recyclen“, ist Rongen sicher: „Wir sind der Politik weit voraus.“ Stein-Recycling sei gut für Umwelt, nicht nur beim Thema CO2 (siehe Kasten unten rechts).

Rund 1,8 Hektar umfasst die Fläche im Neckartal zwischen Hornbach und B 27 (siehe Plan), für die der Tübinger Gemeinderat unlängst die planungsrechtlichen Voraussetzungen schuf. Das ist fast genauso viel Platz, wie Rongen derzeit beansprucht: Gut 2 von insgesamt 20 Hektar Fläche des ehemaligen Munitionslagers Schindhau nutzt der Natursteinpark seit dem Abzug der Franzosen Anfang der 1990er Jahre. Schon seit 2006 ist Rongen im Gespräch mit dem Regierungspräsidium (RP) Tübingen, weil das Landeswaldgesetz eine gewerbliche Nutzung an jenem Ort verbietet. Die Initiative Galgenbergstraße um Christoph Hölscher und andere Anwohner, die sich an den Stein-Lastern stören, meldete sich erst 2012 zu Wort, hat also die Intervention des RP nicht ausgelöst – das betont Manuel Rongen.

Für ihn ist die Fläche im Neckartal, die bislang der Biolandbauer Joachim Schneider bewirtschaftet und die verschiedenen Privatleuten gehört, „die letzte Hoffnung“. Nach 157 Standort-Besichtigungen und Anfragen in der gesamten Region sieht er nur noch die Neckartal-Fläche, auf die er mit seinen 14 Mitarbeitern und vielleicht auch einigen der Künstler und Steinmetze aus dem Schindhau-Märchenwald ausweichen könnte. Für diesen Umzug würde er, bei all den Steinen, locker drei bis vier Jahre brauchen. Bis Ende 2019 muss Rongen laut RP die letzten Quader zu einem neuen Standort gebracht haben.

Keine Frage, am liebsten würde er im Wald bleiben. Doch dass sich RP oder gar der Landtag via Petitionsausschuss erweichen lassen und eigens für seinen Betrieb eine Ausnahme beim Waldgesetz machen, das hält er für ausgeschlossen: „Wir werden hier oben weggehen müssen.“ Und so schlecht sei’s nicht im Neckartal. Zwar läge der neue Standort – bei dem allerdings erst noch Verhandlungen mit diversen Eigentümern geführt werden müssen – nicht mehr im schattigen Wald-Idyll. Andererseits gäbe es an der B 27 keine Probleme mehr mit Anwohnern, wenn die Stein-Laster rollen. Überhaupt würde die nahe Bundesstraße für eine optimale Verkehrsanbindung sorgen – und nicht zuletzt zufällige Vorbeifahrer locken, die ihren Weg vielleicht nie in den Schindhau gefunden hätten.

Und was ist mit dem in Leserbriefen und auch im Gemeinderat kritisierten Flächenfraß, dem Verlust von fruchtbarem Ackerland im Neckartal? Klar, sagt Rongen: „Wir sind ein flächenintensiver Betrieb.“ Dennoch spare das Naturstein-Recycling unterm Strich Flächen ein: Sonst würden sich Steinbrüche immer weiter in die Landschaft graben, sich Deponien ausdehnen – durch nicht wiederverwertete Abrisssteine. „Irgendwann“, glaubt Rongen ohnehin, „fängt man an, die alten Erddeponien wieder auszubuddeln: Was da für Schätze vergraben sind!“

Info: Am Sonntag, 30. August, 17 Uhr, gibt es eine Lesung im Natursteinpark mit Gerda Maria Pflock und Nicole Krieg-Iberra. Anschließend führt

Manuel Rongen durch das Gelände.

Manuel Rongen über den Umzug seines Natursteinparks
Auf diese 1,8 Hektar große Fläche (gestrichelte Linie) zwischen B27 und Hornbach-Markt könnte, wenn die Eigentümer der diversen Flurstücke mitziehen, der Natursteinpark Rongen umziehen.Grafik: Stadt Tübingen/Uhland2

Manuel Rongen über den Umzug seines Natursteinparks

Eine Forschungsarbeit an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg zeigt: Bei der Herstellung und vor allem beim Transport von chinesischen Mauersteinen, die hierzulande verbaut werden, ist der Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen 69 Mal höher als bei gebrauchten Natursteinen aus der Region. Selbst der neue Naturmauerstein aus Baden-Württemberg hat immer noch ein fast
fünfmal höheres Treibhauspotenzial als der gebrauchte Naturstein. Damit erspart der Natursteinpark Rongen – im Vergleich zu China-Steinen – den Ausstoß von bis zu 5900 Tonnen Treibhausgase pro Jahr. Das entspricht einem Klimaschutzeffekt von 454 Hektar Wald, die diese Menge CO2 speichern. Im Vergleich zu neuen Steinen aus dem Südwesten beträgt die Einsparung 320 Tonnen CO2 im Jahr (25 Hektar Wald).

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19.08.2015, 12:00 Uhr

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