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Die mehrfache Überwindung

Marathonmeister Matthias Koch trotzt Alter und Berufsstress

Matthias Koch ist mehrmaliger deutscher Meister im Marathon – bei den Senioren. Junge Sportler werten solche Titel nicht unbedingt als großen Erfolg. Dabei hat Koch beim Laufen mit viel mehr als nur der Konkurrenz zu kämpfen.

03.12.2014

Von Alexander Mühlbach

Tübingen. Eigentlich liefen die deutschen Marathonmeisterschaften fast zu gut für Matthias Koch. Er flog praktisch durch den Englischen Garten in München, hatte schon 15 Kilometer hinter sich gebracht und hielt seine Konkurrenten auf Distanz. Dabei war dies ganz und gar nicht zu erwarten. Denn Kochs Wade hatte eine Woche vor der DM zugemacht. Untypisch für den Mann, der kaum mit Verletzungen zu kämpfen hat. Aber ausgerechnet in der Woche vor seinem Jahreshöhepunkt musste der Muskel streiken.

Auch mitten im Rennen: Eine Tempoverschärfung – und die Wade machte zu. Pause machen und dehnen? Aufgeben? Koch entschied sich für etwas ganz anderes: „Ich stellte einfach meinen Laufstil um.“ Statt des kurzen Bodenkontaktes mit dem Vorfuß sollte nun der Fuß komplett auf der Straße aufkommen. „Dadurch konnte ich bei jedem Bodenkontakt die Wade etwas dehnen. Das war der simple Plan“, sagt Koch.

Es klappte, Koch wurde in 2:39:09 Stunden deutscher Marathonmeister in der Klasse M 50. Mehr noch – er distanzierte den Zweitplatzierten um mehr als vier Minuten. Für Gerold Knisel, Senioren-Trainer der LAV Stadtwerke Tübingen, eine herausragende Leistung. Aber was ist so ein Titel in der Seniorenklasse wert? Vor allem, wenn, wie immer behauptet, die ernsthafte Konkurrenz bei den Senioren fehlt? Wenn Koch die Geschichte von München erzählt, dann klingt das relativ nüchtern. So, als wäre das nicht der Rede wert. Nicht aber, weil ihm der Titel nichts bedeutet, sondern weil er weiß, dass er viel schneller hätte laufen können, wenn die Wade mitgemacht hätte. Richtung 2:35 Stunden hätte es schon gehen können, ist er sicher. Es ist ihm egal, dass er Erster von 674 Über-50-Jährigen geworden ist. „Ich bin ein sehr leistungsorientierter Mensch, der immer an die Grenze des Möglichen gehen möchte“, erklärt Koch. Dabei weiß er, dass das immer schwieriger wird.

Gerade wegen seines Alters hat Koch mit Problemen zu kämpfen, mit denen jüngere Athleten noch nicht konfrontiert werden. Zum einen ist da das offensichtliche Problem: mit zunehmendem Alter wird man langsamer. Koch lief vor zwölf Jahren in Berlin seine bisherige Bestzeit von 2:30:37 Stunden. Dass er nochmal an diese Zeit herankommen wird, scheint beinahe ausgeschlossen.

Voll im Beruf und

trotzdem Kilometer satt

Während alle jungen Athleten sich also immer nur selbst überwinden müssen, um besser zu werden, muss Koch sich selbst und das Alter überwinden. Dennoch sieht er das nicht als Nachteil, ganz im Gegenteil. „Mit zunehmendem Alter kannst du dich und den Körper besser einschätzen“, sagt er. In den letzten Jahren sei er viel konstanter geworden und wisse auch wie er ein Training zu gestalten habe.

Das nächste Problem: die Trainingsgestaltung. Koch arbeitet als promovierter Chemiker elf bis zwölf Stunden am Tag. Darüber hinaus fliegt er zu Kongressen rund um den Globus: Frankreich, Kolumbien, Indien. „Wenn man natürlich in so Ländern wie Indien unterwegs ist, wird es schwierig mit dem Training“, sagt er. Dann macht er eben im Hotel zehn Kilometer auf dem Laufband. Koch sagt, dass er zwar gerne mehr tun würde, dies aber wegen seines Jobs nicht könne. Trotzdem: Koch liebt seinen Job – aber eben auch das Laufen.

So musste er in den letzten Jahren die Balance finden. Normalerweise trainiert Koch nur drei bis vier Mal die Woche und sichert sich damit wenigstens die Grundausdauer für den Marathon. Zehn Wochen vor dem Wettkampf stellt er das Training um, erhöht seine Kilometerzahl von 70 auf 130 pro Woche. „Ich trainiere dann mehr und intensiver, um die Form zu kriegen“, sagt Koch. Die Taktik geht auf. Seit der ehemalige Leistungsschwimmer 1997 mit dem Laufen anfing, wurde er vier Mal deutscher Meister im Marathon. 2012 sogar Vizeeuropameister.

Koch ist ein leistungsorientierter Mensch, trotzdem, so betont er immer wieder, laufe er nicht nur des Wettkampfes wegen, sondern weil es einfach Spaß mache. Weil es ein Ausgleich zu seinem Beruf sei. „Der Wettkampf ist immer nur das Ziel, auf das ich hinarbeite“, sagt Koch. „Dann ergibt das Laufen einen Sinn.“ Dafür sind die Seniorenmeisterschaften gut: sie geben Struktur im Trainingsablauf. Wie lange Koch den Leistungssport auf diesem hohen Niveau noch betreiben werde, könne er noch nicht sagen.

Nur eines ist jetzt schon sicher. Eine schmerzende Wade wird Koch noch lange nicht zum Aufhören zwingen.

Im Probelauf führte er die schnelle Gruppe an, am Sonntag wird er beim Nikolauslauf wieder am Start sein: Serienmeister Matthias Koch. Bild: Fabian Knisel

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Erstellt:
3. Dezember 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Dezember 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Dezember 2014, 12:00 Uhr

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