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Nichts aus der Luft gegriffen

Marco Polo muss in China gewesen sein

Marco Polo hatte genaue Kenntnisse über die Währung und den Salzhandel in China. Dieses Wissen, davon ist der Tübinger Sinologe Hans Ulrich Vogel überzeugt, konnte er sich nicht angelesen haben. Deshalb müsse der Venezianer in China gewesen sein.

30.05.2012
  • Raimund weible

Tübingen. Der Venezianer Marco Polo gilt als der berühmteste Reisende des Mittelalters. Er steht in einer Reihe mit historischen Globetrottern wie Herodot, Alexander von Humboldt oder David Livingstone. Nur: Zweifel daran, dass Marco Polo (1254 - 1324) mit eigenen Augen gesehen hat, was er in seinem Buch „von den Wundern der Welt“ schildert, gab es von Beginn an. Nie sei er in China gewesen, sondern habe nur wiedergegeben, was ihm andere Kaufleute erzählt haben oder was er aus nicht mehr existierenden persischen Handbüchern entnommen habe, sagen die Skeptiker. Marco Polo - ein großer Schwindler, Fabulierer, Aufschneider und Hochstapler?

Viele haben sich schon bemüht, das Problem Marco Polo zu klären. Nun auch der Tübinger Professor Hans Ulrich Vogel. Der Wissenschaftler ist ein Experte auf dem Gebiet der Finanz- und Geldverwaltung von China im Mittelalter, und so ging er das Rätsel Marco Polo von dieser Seite aus an.

Marco Polo berichtet in seinen Erzählungen ausführlich über Währungen, Salzproduktion und Einnahmen aus dem Salzmonopol im alten China. Diese Thematik ist bisher wenig überprüft worden. Vogel hat es getan und kommt in seinem in Kürze erscheinenden Buch zu dem Fazit, dass kein anderer westlicher, arabischer oder persischer Verfasser „so detailliert, zutreffend und einmalig“ über die Währungssituation im mongolischen China berichtet habe. Vogel hat die Beschreibungen Marco Polos mit chinesischen Quellen verglichen, die erst nach seiner Reise entstanden sind und stieß auf „stupende Übereinstimmungen“. Er schließt aus, dass der Venezianer Informationen aus diesen Quellen bezogen hat.

Strafe für Geldfälscher

Der Venezianer, so Vogel, legt als einziger seiner Zeitgenossen dar, dass das Notenpapier aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellt wird. Er beschreibt nicht nur die rechteckige Form und Größenabstufungen der „Scheine“, sondern auch das Verwenden von Siegeln und die verschiedenen Bezeichnungen, in denen Papiergeld ausgegeben wird. Marco Polo berichtet über die Bestrafung von Falschgelddelikten und wie hoch die Umtauschgebühr für abgenutzte Geldscheine war: Sie betrug drei Prozent des Geldwerts. Zutreffend, wie Vogel meint.

Marco Polo ist laut Vogel auch der einzige, der beobachtet hat, dass zu seiner Zeit nicht in allen Teilen des Reichs Papiergeld zirkulierte. Vor allem im Norden und in den Regionen entlang des Yangzekiang wurde mit Noten bezahlt, nicht aber in Fujian und vor allem nicht in Yunnan, wo Polos Worten zufolge hauptsächlich Kauris (Gehäuse der Kaurischnecke), Salzgeld, Gold und Silber verwendet wurden.

Für genauso trefflich und einmalig hält Vogel die Angaben des Venezianers zur Salzproduktion. Selbst die maßgeblichen Salzämter nennt er Vogel zufolge präzise. Und „erstaunlich exakt“ beschreibt er, wie das Salz gewonnen wurde: Die Chinesen laugten salzhaltige Erde aus und siedeten die gewonnene Sole in großen Eisenpfannen. Vogel: „Das stimmt haargenau mit chinesischen Berichten aus der Yuan-Zeit überein.“ Marco Polo konnte das keinesfalls in den Salzmonopolgebieten Venedigs beobachtet haben. Dort gewann man das Salz in Becken durch natürliche Verdunstung von Meerwasser.

Diese und andere Daten, so Vogel, sprechen dafür, dass der Venezianer in Diensten des Großen Khans stand. Wie chinesische Quellen belegten, war er nicht der einzige Jüngling, den Kublau Khan (1215 - 1294) unter seine Fittiche nahm und mit wichtigen Aufgaben betraute.

Spitzname „il milione“ hat Polo nicht verdient

Vogel untersuchte außerdem, wie es sich mit Polos Angaben über den sagenhaften Reichtum des Khans verhält. Der Venezianer berichtete, allein die Salzeinkünfte von Kinsay und seinem Territorium habe dem Khan jährlich ein Einkommen von 5,8 Millionen Saggi Gold beschert. Auch diese Angaben habe Polo nicht aus der Luft gegriffen. Sie stimmten mit entsprechenden chinesischen Daten über das Salzmonopol von Liangzhe aus der Zeit vor 1287 überein.

Vogel ist überzeugt: Den Spitznamen „il milione“ (der Fabulierer) habe der Venezianer keineswegs verdient. In seinen Beschreibungen sei der Moment des Mirakulösen überhaupt ziemlich zurückgefahren, der Bericht überdies häufig nüchtern und eher langweilig, weil Marco Polo die Welt mit den Augen des Kaufmanns gesehen habe.

Mit Blick auf die internationale Rezeption hat Vogel sein Buch auf Englisch geschrieben – unter dem Titel „New Evidence from Currencies, Salts and Revenues“. Der Band erscheint im Brill-Verlag Leiden. Mit einer chinesischen Ausgabe ist bald zu rechnen. Weil auch in China auf Interesse stößt, was ein Europäer über ihr Land im 13. Jahrhundert zu erzählen weiß.

Marco Polo muss in China gewesen sein
Wo bitte geht’s nach China? Miniatur aus dem Buch „Die Reisen des Marco Polo“, das noch zu Lebzeiten des reiselustigen Kaufmanns von Venedig gedruckt wurde.

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30.05.2012, 12:00 Uhr

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