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Der Film zum Traum

Marcus Vetters „Cinema Jenin“ wurde Wirklichkeit

Dokumentarfilmer sind normalerweise keine Träumer, sondern Realisten. Der Tübinger Dokumentarfilmer Marcus Vetter aber ist beides: Realist und Träumer. Er packt Träume an und lässt sie real werden. Am Donnerstag nun hat der Film zum Traum Deutschland-Premiere – zum Traum vom Kino in Jenin.

26.06.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Dieser Kinofilm hat eine lange Vorgeschichte. Sie beginnt im Jahr 2005, als der 12-jährige Achmed in der palästinensischen Flüchtlingsstadt Jenin von israelischen Soldaten getötet wurde. Sein Vater tat einen denkwürdigen Schritt, er erklärte sich bereit, die Organe seines Jungen zu spenden – unter anderem an ein Mädchen aus jüdisch-orthodoxer Familie.

Von dieser unheroischen Heldentat und ihrem Protagonisten Ismael Khatib handelte der erste Jenin-Film von Marcus Vetter. Danach initiierte er einen weiteren („Nach der Stille“) über den schier unglaublichen Versöhnungswillen einer israelischen Frau, die sich mit der Familie des Selbstmordattentäters traf, der sie zur Witwe gemacht hatte. Und nun ist mit „Cinema Jenin“, dem Film über die Sanierung des maroden Kinos, das im August 2010 wiedereröffnet wurde, die Trilogie komplett.

Auch „Cinema Jenin“ ist ein Appell für Frieden und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern, ein Plädoyer für Begegnung und Austausch, auch der Versuch, zu einem Stück kultureller Normalität zu gelangen.

Der Wiederaufbau dieses 50er-Jahre-Kinos, das bei der ersten Intifada (dem Aufstand gegen Israel) im Jahr 1987 zerstört wurde, macht Hoffnung auf weitere Wolkenkuckucksheime in der Region. Der Wahnwitz dieses Projektes erinnert vielleicht an ein Festspielhaus in Afrika, doch Marcus Vetter ist nur, was Beharrlichkeit und Visionskraft angeht, mit Christoph Schlingensief wesensverwandt.

Der Film, der aus 350 Stunden Material entstand, dokumentiert eher knapp die Verwandlung einer Kinoruine in ein schmuckes modernes Kino. Vor allem zeichnet die Kamera aber die mühsame Suche nach Geldgebern auf, das Austricksen der Bürokratie, die Rückschläge der Protagonisten und auch ihre Momente der Freude.

Nach „Heart of Jenin“ sah sich Vetter Vorwürfen ausgesetzt, sein Film sei einseitig propalästinensisch. Nach „Cinema Jenin“ sei ihm Zionismus vorgehalten worden, sagt der Regisseur. Wie das? „Vielleicht ist man schon Zionist, wenn man zeigt, wie ein palästinensischer Kinobesitzer sein Kino verfallen lässt, aber gleichzeitig die Verhandlungen um den Wiederaufbau mit großer Unnachgiebigkeit führt“, vermutet er. Der Chef der militanten Al-Aksa-Brigaden im Flüchtlingscamp, Zbydi Zakaria, machte einen zionistischen Grundton im Film aus.

Wenn er aber von beiden Konfliktparteien angegriffen werde, könne er nicht alles falsch gemacht haben, so ist Vetters gelassene Reaktion darauf.

Für den Regisseur gehört es zur „Ethik des Dokumentarfilmers“, verschiedene Positionen darzulegen, sich nicht von politischen Vorentscheidungen leiten zu lassen und Unangenehmes nicht zu verschweigen. Ein kleines Wunder ist so geschehen: Für Palästinenser wie Israelis ist Vetter zu einem verlässlichen und glaubwürdigen Botschafter geworden.

Immer noch ein wackeliges Unternehmen

Seine Filme stiften Verständnis für den Gegner, der mit Checkpoints und Mauer vom Alltag der Anderen ferngehalten wird. Dies sei, „die beste Möglichkeit“, so sagt Vetter, „Hass zu schüren.“ Auch unter Freunden wird mitunter scharf diskutiert. Juliano Mer Khamis, der Chef des „Freedom Theatre“, der im April 2011 ermordet wurde, wollte kein für alle offenes Kino in Jenin, Vetter dagegen plädierte für ein Kulturzentrum für Palästinenser wie Israelis.

Dennoch hatte Vetter sich Mer Khamis schon als Nachfolger und Kinoleiter ausgeguckt. Doch in der Zeit der Gespräche wurde Mer Khami von Unbekannten erschossen. Die Meldung vom Mord raste um die Welt. Als Vetters Frau, Annette Borchard, in Tübingen die Nachricht hörte, lief sie entsetzt zu Saskia Metten, die im Schneideraum im Loretto-Viertel den Film schnitt. Sie bearbeitete gerade eine Szene mit Mer Khami. Auch dieser magische Schockmoment wird im Film festgehalten. Mer Khamis Bild erscheint auf der Leinwand für einige Augenblicke wie eingefroren – und dann liest man die schmucklose Nachricht vom Tod.

Auch zwei Jahre nach der Eröffnung ist das Kino immer noch ein wackeliges Erfolgsunternehmen. Zwar wurde es inzwischen zum Vorzeigeprojekt der Region. Die Solaranlage auf dem Dach erwirtschaftet so viel Ertrag, dass zwei Drittel ins Stromnetz eingespeist werden. Das Gästehaus und die Cafeteria mit 300 Plätzen sind ebenfalls tragende Säulen des Betriebs, der nicht allein vom Verkauf der Kinokarten leben könnte. Aufatmen können die Betreiber jedoch immer noch nicht. Weiterhin ist das Kino auf Spenden angewiesen.

Marcus Vetters „Cinema Jenin“ wurde Wirklichkeit
Marcus Vetter (Bild) arbeitet in diesem Raum in der Tübinger Gölzstraße schon an seinem nächsten Film, diesmal zur Finanzkrise: „Das Orakel“.

Zum Kinostart in Deutschland wird „Cinema Jenin“ am Donnerstag, 28. Juni, um 18 Uhr im „Museum“ gezeigt. Wegen des Fußballspiels wurde der Termin vorverlegt. Wie die beiden Vorgängerfilme der Jenin-Trilogie wurde auch dieser schon beim Filmfestival in Dubai mit großem Erfolg gezeigt. Bei der Premiere in Tübingen ist der Regisseur anwesend.

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26.06.2012, 12:00 Uhr

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