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Reutlinger Geschichtsblätter thematisieren Bauforschung und Reichsstadt-Ende

Marienkirche gibt Rätsel auf

REUTLINGEN (wob). Sie kommen heuer ein bißchen dröge daher, die „Reutlinger Geschichtsblätter“. Nach den Highlights des vergangenen Jahrgangs (es sei nur an Heidi Stelzers Untersuchungen zur Gartenstraße erinnert), füllt nun überwiegend wissenschaftliches Schwarzbrot den dicken Band.

23.06.1999

Die Eninger Archäologin Gudrun Weihe etwa legt in ihrer Magisterarbeit eine Interpretation der Grabung an der Reutlinger Achalm in aller Breite dar. Zwischen 1970 und 1978 hatte dort Landeskonservator Gustav Rieth den Spaten angesetzt. Was er dabei fand, dokumentiert Weihe in einem umfangreichen Katalog mit Scherben-Zeichnungen. Ihre Folgerungen sind dagegen recht mager: Wegen der mittelalterlichen Bautätigkeit sei eine frühere Besiedelung des Achalmgipfels kaum mehr nachzuweisen. Die wenigen vorge-schichtlichen und alamannischen Einzelfunde am Berghang müsse man jedoch als „deutliche Indizien“ hierfür werten.

Ergiebiger ist da schon die Untersuchung der Stuttgarter Kunst- und Architekturhistorikerin Ellen Pietrus. Sie nahm nochmals — nachdem schon 1983 Bruno Kadauke ähnliche Studien betrieben hatte — die Baugeschichte der Marienkirche unter die Lupe. In diesem Zusammenhang erwähnt sie den kaum bekannten Umstand, daß der Reutlinger Sakralbau neben der Wimpfener Stiftskirche für die Gotik im Südwesten eine wichtige Vorbildfunktion innehatte.

Früher nahmen Historiker an, die Marienkirche sei aus einem Guß. Tatsächlich aber sind die Untergeschosse der Osttürme und der Chor romanischen Ursprungs, während es sich bei Langhaus und Westfassade um vollentwickelte Hochgotik handelt. Bislang glaubte man auch, als Bauherren der Kirche kämen nur die Reutlinger selbst in Frage. Pietrus datiert den Baubeginn nun auf die Zeit vor 1235. In diesem Fall müßte Kaiser Friedrich II. als Bauherr die Fäden gezogen haben. Damals unterstand die Achalmburg noch nicht dem Reich, war das Kapellenpatronat des Kaisers einzige Stütze innerhalb der Stadt.

Als Lesestoff interessant, wissenschaftlich jedoch wenig relevant ist die Abhandlung des Reutlinger Geschichtsstudenten Johannes Grützmacher über die Mediatisierung der Reichsstadt. Er rezipiert die Literatur zu diesem Thema, beschreibt den wirtschaftlichen Niedergang Reutlingens, dessen Handels- und Absatzmöglichkeiten durch Württemberg stark eingeschränkt wurden. Die Herzöge achteten darauf, alle neuen Straßenverbindungen um Reutlingen herumzubauen, dafür nahmen sie sogar große Umwege in Kauf. Zu diesem Malheur kamen immer höhere Tribute, welche die jeweiligen Kriegsherren einforderten.

Grützmacher versucht auch, die Frage nach der geistigen Enge in Reutlingen zu ergründen. Friedrich List etwa hatte zu dieser Zeit mit Kritik an seiner Heimatstadt nicht gespart: Vermoost und versteinert sei das schwäbische Gemeinwesen, seine Einwohner „halbe Mumien“. Der französische Emigrant Graf de Serre konnte dieser Beobachtung in gewisser Weise beipflichten. Erstaunt stellte er fest, daß kaum jemand in der bürgerlichen Elite französisch sprach. Und die von Württemberg eingesetzte Kirchen- und Schulkommission murrte über einen Religionsunterricht, der so dürftig sei, daß der „helle-re, wärmere und lebendigere Geist der christlichen Religion unmöglich wieder geweckt werden kann“. Die in Reutlingen gebräuchliche Liturgie habe größtenteils noch das „Gepräge der alten finsteren Scholastik in sich getragen“.

Am Ende der Reichsunmittelbarkeit verlor die Bevölkerung zunehmend das Interesse an den städtischen Wahlen. Grützmacher zitiert ein städtisches Protokoll: „Zum wiederholten Male muß der Magistrat die Bürger auffordern, am Wahl- und Schwörtag zu erscheinen; er versichert dabei, daß man auch die Schwörversammlung soviel möglich beschleunigen werde, auf daß eine Ehrsame Bürgerschaft nicht allzulang aufgehalten sei.“ Der Durchmarsch der kaiserlichen und der französischen Truppen wurde von den Reutlingern laut Grützmacher lethargisch hingenommen. Mit einer Ausnahme: Beim Einmarsch der Franzosen habe ein Mann begeistert „Meine Erlöser kommen!“ gerufen. Die erschrockenen Franzosen erschossen ihn dabei versehentlich.

Grützmacher spricht von einer „willigen Unterwerfung“. Am 9. September 1802 zogen 136 württembergische Soldaten nach Reutlingen und beendeten damit die quasi staatliche Souveränität. Bedauerlich ist, daß das Kapitel der Mediatisierung zum wiederholten Mal nur bruchstückhaft angerissen wurde. Die reichen Quellen des Hauptstaatsarchivs etwa klammerte Grützmacher komplett aus.

Wer der Dichter Wilhelm Waiblinger war und was er mit Reutlingen zu tun hat, erklärt der Literaturwissenschaftler Ralf Oldenburg. Außerdem klärt Gerhard Kittelberger von der Landesarchivdirektion die Tigerfelder darüber auf, daß es entgegen der hartnäckig gepflegten Legende keine Bauernkriegsschlacht bei Tigerfeld gab. Kreisarchivarin Irmtraud Betz-Wischnath stellt eingehend die Entstehung des Landkreises Reutlingen dar. Und Wolfgang Wille listet in einer Fleißarbeit, deren Lektürewert allerdings zweifelhaft ist, sämtliche Stadtschreiber des 14. Jahrhunderts auf.

Reutlinger Geschichtsblätter 1998. Hrsg. von Stadtarchiv und Reutlinger Geschichtsverein. 388 Seiten, 86 Abbildungen, 31 Tafeln, Leinen mit Schutzum-schlag, 42 Mark.

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23.06.1999, 12:00 Uhr

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