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Fast die Hälfte beanstandet

Marktüberwachung findet Mängel bei 44 Prozent der überprüften Produkte

Seit Anfang 2014 ist das Regierungspräsidium Tübingen die zuständige Behörde für die Marktüberwachung in ganz Baden-Württemberg. Gestern zogen die Referatsleiter eine erste Bilanz für das bundesweit einzigartige Projekt.

24.06.2015
  • Lorenzo Zimmer

Tübingen. „Ein Kampf gegen Windmühlen ist unsere Arbeit nicht“, sagte Abteilungsleiter Peter Goossens. Rüdiger Kunze fügte hinzu: „Aber speziell im Online-Bereich gibt es erst wenig Erkenntnisse, inwieweit unsere Arbeit konkreten Einfluss auf den Handel hat.“ Das Spektrum der Behörde ist breit: „Wir prüfen alles außer Lebensmittel“, sagte Goossens. Online und offline. Dabei arbeitet die Behörde mit der Stiftung Warentest zusammen und spricht regelmäßig mit Verbraucherzentralen.

Die Marktüberwachung ist seit Anfang 2014 für das ganze Land zuständig und in das Regierungspräsidium Tübingen eingegliedert. Sie teilt sich in fünf Referate an acht Standorten im Bundesland auf – die gemeinsame Steuerung geschieht von Tübingen aus. In allen anderen Bundesländern ist die Überwachung sehr viel verzweigter und dezentraler geregelt. Die Tübinger Behörde hat im vergangenen Jahr etwa 3000 Produkte geprüft – dabei lag die Beanstandungsquote bei 44 Prozent. „Die Gründe dafür können Sicherheitsrisiken, mangelnde Kennzeichnung und für Umwelt oder Gesundheit schädliche Inhaltsstoffe sein“, erklärte Axel Gräber von der Abteilung für Energierelevanz und Bauprodukte.

Rüdiger Kunze ist stellvertretender Leiter des Bereichs Produktsicherheit für Verbraucher- und Medizinprodukte. Er und seine Kollegen befassen sich zum Beispiel mit Lichterketten, Heizdecken oder Laserpointern. Besonderes Augenmerk lege man in seiner Abteilung aber auch auf den Bereich Spielzeug: „Hier schauen wir bei der Überprüfung schon sehr genau hin.“

8 von 19 Kettensägen fielen bei Prüfung durch

Dabei nehmen sich die Kontrolleure beispielsweise eine Holzeisenbahn vor. Sie wird auf bei der Herstellung verwendete Chemikalien überprüft und kommt dann in den Gebrauchstest. Nach einem Sturz aus mehreren Metern Höhe brach bei einem Holzspielzeug im Test ein geleimtes Teil ab. „Dann müssen wir prüfen, ob verschluckbare Kleinteile entstanden sind“, erklärte Kunze. Dafür hat die Behörde dann einen genormten Ring, der einen Kinderschlund simuliert. Wenn das Teil durchpasst, ist das Spielzeug wortwörtlich durchgefallen.

Aber die junge Behörde kümmert sich auch um sehr viel größeres Gerät: Hans Joachim Ritz, Leiter der Abteilung für Produktsicherheit, prüft mit seinen Mitarbeitern Maschinen und technische Anlagen. „Das Spektrum reicht vom 3D-Drucker bis zur Tunnelbohrmaschine“, sagte Ritz. Dabei könne sich der Leiter auf kompetente Mitarbeiter verlassen: „Durch die Zusammenführung der Behörden haben wir die Kapazität bekommen, um junge Ingenieure einzustellen.“

Sie diskutieren mit den Herstellern auf Augenhöhe über Sicherheitsrisiken der Anlagen, so Ritz. Die Abteilung ist auch für technisches Gerät zuständig, das in Haushalten zum Einsatz kommt: „Bei einer Überprüfung von Motorkettensägen mussten wir im letzten Jahr feststellen, dass acht von 19 Sägen nicht die gesetzlichen Vorgaben zu Abgas- und Lärmemissionen einhielten“, so Ritz. In einem solchen Fall erwirkt die Behörde beim Hersteller einen Verkaufsstopp. „Dabei geht es natürlich sowohl um die Gesundheit des Benutzers, aber auch um Umweltfragen“, so Ritz. Doch nicht alle Hersteller haben mit solchen Beanstandungen zu kämpfen: „In der Regel sind es eher die Billiganbieter aus Fernost als die etablierten Hersteller aus Deutschland, bei denen es solche Probleme gibt“, sagte Goossens.

Schwieriger kann der Kontakt zu Herstellern für die Mitarbeiter aus der Abteilung von Rüdiger Kunze sein. Denn sie schlendern auch über Trödelmärkte und testen vor Ort – beispielsweise Laserpointer. „Die Hersteller sind dann meist nur ausfindig zu machen, wenn man den Lieferantenweg zurückverfolgt“, beschrieb Kunze seine Arbeit. Wenn die Laserpointer zuviel Leistung haben und damit eine Gefährdung für das Augenlicht darstellen, gibt die Behörde eine Empfehlung an die Kollegen vom Zoll: Einfuhrverbot.

Wie viel Strom landet tatsächlich im Akku?

Axel Gräber und seine Kollegen kümmern sich um Geräte, die Energie verbrauchen. Sie prüften etwa Laptop-Netzteile: „Dabei haben wir besonders darauf geachtet, wie effizient sie sind“, sagte Gräber. Also wie viel Strom ins Netzteil fließt und wie viel tatsächlich im Akku ankommt. Acht von 34 getesteten Netzadaptern entpuppten sich als Stromfresser.

Aber nicht nur die Produkte selbst stehen im Fokus – auch deren Verpackung wird untersucht. Martin Krämer vom Referat für Chemikaliensicherheit erklärte: „Cadmium wird zum Beispiel in PVC-Verpackungen verwendet, darf aber nur in einer sehr geringen Konzentration vorkommen.“ Auch das überprüft die Behörde für Marktüberwachung sehr akribisch. „Zwar ergibt sich im Fall von Cadmium nur selten eine direkte Gesundheitsgefährdung“, fügte Krämer hinzu. „Aber bei der Entsorgung belastet es dann massiv unsere Umwelt.“

Für Hinweise oder Anfragen hat das Regierungspräsidium eine E-Mail-Adresse eingerichtet. Sie lautet marktueberwachung@rpt.bwl.de. Hier kann jeder anfragen, ob Tests zu konkreten Waren vorliegen. Außerdem kann man der Behörde Hinweise geben – zum Beispiel wenn bei einem Spielzeug Sicherheitsrisiken aufgefallen sind oder Bedenken bestehen.

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24.06.2015, 12:00 Uhr

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