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Mit einem 85-jährgen Schriftsteller aufs Ganze

Martin Walser über seinen neuen Roman

Katholischer Schriftsteller im heftigen Schreib-Flirt mit evangelischer Theologieprofessorin, beide sind verheiratet: Martin Walsers neuester Roman, von der Kritik gefeiert, ist heraus: „Das dreizehnte Kapitel“ (Rowohlt-Verlag, 272 Seiten, 19,95 Euro). Am Mittwoch las Walser daraus in der Reihe „Literatur im Gespräch“ bei Osiander in Reutlingen vor mehr als 250 Zuhörern, anschließend beantwortete der 85-Jährige Fragen von Wolfgang Niess vom SWR.

14.09.2012
  • Matthias Reichert

Der Inhalt: Schriftsteller Basil Schlupp verliebt sich bei einem Festessen des Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue zu Ehren eines Molekularbiologen in dessen Frau Maja Schneiderlin, die besagte Theologin. Ein abgründiger, wortreicher, sprachmächtiger Briefwechsel entspinnt sich, aus dem Walser eine knappe Stunde lang Passagen vortrug. Man findet tiefschürfende Sätze wie: „Unsere Buchstabenketten sind Hängebrücken über einen Abgrund namens Wirklichkeit.“

Walser: „Ich kann nicht planmäßig arbeiten.“

Das schreibt der Schriftsteller in einem Brief. Die Theologin ergänzt: Die Brücken sind in die Luft gebaut, gründen aufs Voraussetzungslose. Walser beschreibt sie als Kennerin des großen evangelischen Theologen Karl Barth, an dem sich Walser schon in seinem Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ abarbeitete.

„Wenn ich ein Buch über eine evangelische Theologin mache, muss es eine Karl-Barth-Verehrerin sein, und er muss über alle ihre Sätze seine schützende Patenhand halten“, sagt Walser im Reutlinger Gespräch mit Niess. Barth sei „ein Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ gewesen, führt der Autor aus. „Dass Literatur und Philosophie ihn nicht zur Kenntnis genommen haben, darüber kann ich mich nur wundern.“

Die Beziehung im Roman bleibt platonisch: Ein einziges Mal treffen sich die Protagonisten zufällig am Berliner Flughafen Tegel. Niess wundert sich über die Courage, mit dem der Schriftsteller im Buch seinen ersten Brief schreibt – voller Anspielungen und Anzüglichkeiten aus dem beiderseitigen Eheleben. Walser kontert: „Wir beide können jetzt schön darüber reden, weil wir nicht in diesem Zustand der höchsten Notwendigkeit sind.“

„Gründe für etwas sind immer billig.“ Der Schriftsteller gilt als schwieriger Interviewpartner. Bei Niess gibt er zunächst bereitwillig Einblicke in seine Werkstatt. „Ich kann fast nicht planmäßig arbeiten. Ich kann mir nicht wirklich vornehmen: Jetzt schreibst du dieses Buch. Aber wenn ich es geschrieben habe, weiß ich, wie ich darauf gekommen bin. Ich kann sagen: Ich bin darauf zugetrieben.“

Weitere Passagen des Gesprächs kreisen dann um Walsers Passion für Karl Barth: „Wenn ich Katholik wäre, hätte ich gerne seine Seligsprechung.“ Barths 600-Seiten-Werk über den Römerbrief des Paulus sei in einer Schreibleidenschaft verfasst, „wie ich es in der deutschen Sprache nur bei Nietzsches Zarathustra gelesen habe“, schwärmt Walser.

Niess kommt auch auf Walsers berüchtigte Paulskirchenrede zu sprechen. Dieser hatte dort 1998 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die deutschen Versuche der Vergangenheitsbewältigung kritisiert, was auf breite Empörung stieß. Von einer Äußerung in einem Interview, er würde heute manches nicht mehr so formulieren, will Walser in Reutlingen nichts wissen. Er sagt vielmehr: „Ich will niemand davon überzeugen, was ich sage. Ich will nur wissen, ob ich allein bin in meinem Denken.“ Niess hat leider die Quelle des angeblichen Interviews nicht dabei.

Niess: „Walser geht aufs Ganze“

Dann wieder Barth und dessen Konzept der Rechtfertigung, welche Walser scharf von Mimikry unterscheidet, von der „Anpassung, um zu überleben“. Seiner Ansicht nach ist „Rechtfertigung die höchste Disziplin – im Existieren, im Denken, im Sein.“ Ein Kritiker schwärmt, wie Niess vorliest: „Martin Walser ist ein Dichter. Er geht in jeder Hinsicht aufs Ganze.“ Walser bleibt zunächst bescheiden: „Schön wär’s – das kann man sich nicht leisten.“ Dann meinte er: „Jetzt erst kann ich aufs Ganze gehen – von Muttersohn an und mit dem Essay über Rechtfertigung.“ Er schreibe nicht über gesellschaftliche Probleme wie Hartz IV. Sondern über letzte Fragen: „Jetzt gehe ich aufs Ganze.“

Martin Walser über seinen neuen Roman
Martin Walser bei Osiander, rechts Moderator Wolfgang Niess.

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14.09.2012, 12:00 Uhr

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