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Christoph, Patron der Autostadt Horb

Martina Fischer über den Heiligen Christophorus

HORB. Diese Woche, am Donnerstag, war Christophorustag. Horb hat eine besondere Affinität zum Heiligen Christophorus. Es gibt hier an der Stiftskirche ein Christophorusbildnis und die Christophorusbrücken. An jene haushohe Christophorus-Plastik am Kreidler-Bau hat man sich in den vergangenen 40 Jahren so sehr gewöhnt, dass man als Autofahrer diesen Patron nicht mehr bewusst wahrnimmt. Dass gerade dem Christophorus als Schutzheiligem der Autofahrer ausgerechnet an einer Stelle gehuldigt wird, die täglich von 20 000 Fahrzeugen passiert wird, entbehrt nicht einer leisen Ironie.

26.07.2003

Horb 1973. „Modernes Ladenzentrum in der Unterstadt“, so ist dieses Foto in dem zeitgenössischen Bildband betitelt. Neben VW-Variant, Ford, Opel und R4 ist in diesem Fall das achteinhalb Meter hohe Christophorus-Bildnis am Kreidler-Bau zu beachten.

In Horb treffen wir auf zwei kolossale Christophorus-Darstellungen. Am Chor der Stiftskirche prangt ein Fresko von barocker Form in neugotischer Umrahmung. Dieser weithin sichtbare, prominent über dem Marktplatz platzierte, monumentale Christophorus, scheint die ganze Stadt beschützen zu wollen und ist deshalb eines der bekanntesten Wahrzeichen Horbs. Das Bild wurde wohl im 19. Jahrhunderts von dem Rottenburger Kunstmaler Dehner geschaffen und folgt der alten Tradition von großen und von Weitem sichtbaren Christophorus-Bildnissen. Der Anblick des Heiligen soll vor einem jähen Tod schützen sollte. Es heißt deshalb:

„Qui te mane videt, nocturn tempore ridet liber bibet“ – „Wer dich morgens ansieht, wird am Abend noch seines Lebens froh sein.“

Das Bild wurde mehrfach, zuletzt 1956 von den beiden Kunstmalern Paul Kälberer und Paul Dörr, an den erst kürzlich eine rundum gelungene Retrospektive an seiner alten Wirkstätte erinnerte, restauriert und trägt die lateinische Inschrift:

„Christophorus secum portans in pectore Christum. Fert quoque infantem trans undas humeris“ – „Christophorus, der Christus in seiner Brust trägt, trägt auch (deshalb) das Kind auf seinen Schultern durch die Fluten.“

Mit dem Christophorus am Kreidler?schen Gebäude Neckarstraße 31 ist die eine oder andere Anekdote in Umlauf. Bei den alten Horbern heißen das Straßenstück „Christophorus-Brücken“. Die achteinhalb Meter hohe, in Flacheisen gefasste Drahtplastik ist nach Fertigstellung des Kreidler-„Hochhauses“ im Jahr 1959 nach Plänen des Stuttgarter Künstlers Karl Hirt gearbeitet worden. Der Christophorus prangt seit nun genau 40 Jahren an der Wand. Olga-Kreidler-Knecht hat das farbige Mosaik selbst gelegt, als die Plastik in Kreidlers Schuppen lag. „Und unser Sohn“, sagt Willi Kreidler, „heißt auch Christof.“

Wer war Christophorus? Wann, wo und wie hat er gelebt? Wir besitzen kein direktes Zeugnis seiner realen Existenz, es gibt weder eine historisch fundierte Lebensbeschreibung (Vita), noch eine Nennung in einem amtlichen Dokument; auch sein Geburtsort, seine Lebensdaten und Lebensumstände lassen sich nirgends nachweisen. Dass es eine historische Persönlichkeit namens Christophorus gegeben haben muss, lässt sich daher nur durch Rückschlüsse erfassen. Als ältester Beleg dafür gilt eine Inschrift auf einem Stein, der in den Ruinen einer dem Christophorus geweihten Kirche bei Chalkedon (heute Stadtteil von Istanbul) gefunden wurde. Sie besagt, dass Bischof Eulalius von Chalkedon in den Jahren 450 bis 452 zu Ehren des Heiligen Christophorus eine Kirche errichten und sie auf seinen Namen weihen ließ. Nur Märtyrer konnten in der Frühzeit des Christentums zum Kirchenpatron erhoben werden. Somit haben wir einen Hinweis darauf, dass der Heilige für seinen Glauben eines gewaltsamen Todes gestorben sein muss. Wahrscheinlich erlitt er im Jahre 250 unter Kaiser Decius in Kleinasien einen qualvollen Martertod.

Ab dem siebten Jahrhundert gibt es mehrere Stoßrichtungen der Kultverbreitung: vom Oströmischen Reich nach Westen, von Spanien her nach Frankreich und von dort aus gegen Osten. Kultstätten des Heiligen erwachsen an großen Straßen, die bedeutsam für Kriegszüge, Kaufleute und Pilger waren.

Dabei lässt sich bereits ein Charakteristikum der späteren Christophorusverehrung feststellen. Schon damals hat man ihn in Verbindung gebracht mit Menschen, die viel unterwegs sind.

Im Laufe des Mittelalters dringt der Heilige mehr und mehr in den Messkanon ein, und seit 1130 wird des Christophorus im Gebet gedacht. Die Benediktiner des Inselklosters Reichenau am Bodensee nahmen ihn bereits im neunten Jahrhundert in die Allerheiligenlitanei auf. Die Grundlagen unseres heutigen Christophoruskultes ist die Legende, die vom alten Mann erzählt, der sich mühsam, auf seinen Stab gestützt, durch den Fluss ans andere Ufer kämpft und Christus aus seinen Schultern trägt. Sie hat mit der ursprünglichen, im fünften Jahrhundert entstandenen Legende wenig zu tun. Nach dieser wirkte der Märtyrer Bartholomäus zusammen mit dem Heiligen Andreas bei den Parthern (im Inneren Kleinasiens) große Wunder. Ihnen wurde von Gott ein riesiger Kynokephale (griechisch: Hundskopf) als Helfer mit gewaltigen Kräften beigegeben, der zunächst Reprobus (lateinisch: der Verfluchte, der Verworfene) hieß. Er war wild, schreckenerregend und der Sprache nicht mächtig. Die Ursprünge des Riesen mit dem Hundskopf sind unklar. Das Bild des Hundsköpfigen war schon früh im orientalischen Christentum verwurzelt, auch das frühe Griechenland kannte menschenähnliche, aber tierköpfige Wunderwesen, und eine Kosmographie des achten Jahrhunderts aus Salzburg weiß von Hundsköpfigen im Hohen Norden.

Vielleicht aber kommt als Übernahme der Kynokephalenmotive auch die antike Darstellung des Herakles wie er den Erosknaben auf der Schulter durchs Wasser trägt in Frage. Als motivisches Vorbild ebenso möglich gilt die ägyptische Darstellung des schakalköpfigen Totengottes Anubis, der den Sonnengott Horus über den Nil trug. Dieser Kult war den Christen am Nil geläufig und könnte durch römische Soldaten weiterverbreitet worden sein.

Reprobus war zunächst Heide und wurde auf sein Flehen hin von Gott mit Verstand und Sprechfähigkeit versehen. Der Begnadete und zum Christen gewandelte beginnt darauf eine erfolgreiche Lehr- und Predigertätigkeit und bekehrte viele Menschen zum Christentum. Die erzählende Ausdeutung der Christusträgergestalt kam erst gegen Ende des 13. Jahrhundert durch Jacobus de Voragine in der Legenda aurea (Sammlung von Heiligenlegenden) zustande. Sie erzählt vom Heiligen Christophorus wie er als zwölf Ellen großer Riese Menschen seine Fährdienste über einen reißenden Strom anbietet. Bis er eines Tages, ohne es zu wissen das Christuskind auf seinen Schultern trug und es ihm in den wilden Fluten immer schwerer und schwerer wurde bis er selbst fast unterging und sprach: „Kind, du bist mir so schwer, als trüge ich die ganze Welt“, und Christus antwortete: „Du trägst nicht allein alle Welt auf deinen Schultern, sondern auch den, der die Welt erschaffen hat“ – Christus trägt deshalb auf den meisten Christophorusdarstellungen eine Weltkugel – und heißt ihn zum Beweis der Wirklichkeit des Geschehenen seine Ruderstange in die Erde zu stecken, die über Nacht zum Bäumchen mit Blättern und Früchten wurde.

Christophorus ist einer der wichtigsten Vierzehn Nothelfer. Er ist Patron der Reisenden, Autofahrer, Flößer, Pilger, Bus-, Lastwagen- und Skifahrer. Viele Menschen tragen deshalb Christophorus-Medaillons um den Hals oder Christophorusplaketten im Auto. Sein Festtag war ab dem zwölften Jahrhundert der 25. Juli und fiel mit dem des Apostels Jakobus zusammen. Beide Heilige wurden in der Folgezeit dadurch oft verwechselt, also verlegte man den Christophorustag auf den 24. Juli. 1968 strich Papst Paul VI. diesen Tag wegen unsicherer, historischer Beweisführung aus dem kirchlichen Kalender.

Der Christophorustag wurde einst auch in Horb gefeiert. Dies geht auf die französische Garnison „Quartier Moncey“ zurück. Sie bestand von 1953 bis 1977 und hatte, da es sich um eine Transporteinheit handelte, Christophorus als Schutzpatron. So unterhielt sie auch einen eigenen St. Christophorus- Kindergarten für die Soldatenkinder, von dem durch die Horber Hospitalpflege ein Raum für die deutschen Kinder des Galgenfeldes angemietet worden war. Diese waren aber vollständig im französischen Kindergarten integriert und hatten so schon in jungen Jahren intensive Berührung mit der französischen Lebensart.

Am Christophorustag lud die französische Garnison regelmäßig die Horber Bevölkerung zu sich ein, um zusammen diesen Jahrestag zu begehen. So wurde beispielsweise 1957 hinter dem Kasino auf dem Kreuzer eine würdevolle französisch- deutsche Messe mit den Militärseelsorgern Delmont und Triffaut sowie Stadtpfarrer Link gefeiert. Anschließend wurden die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten geehrt. Pfarrer Link weihte die Fahrzeuge der Truppe und die der Horber Bevölkerung; ein langer Tross fuhr an Pfarrer Link vorbei. Am Nachmittag boten die Franzosen und der ADAC zum Klang von deutscher und französischer Militärkapellen „motorsportliche Darbietungen“.

Diente in den 50er-Jahren der Christophorustag auf diese Weise der deutsch- französischen Aussöhnung und Verständigung nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs, so entwickelte er sich in den 60er-Jahren zu einem beliebten Volksfest. Dieses wurde vor allem für die Kinder, die auf dem Galgenfeld wohnten und damit einen engeren Kontakt zur Kaserne hatten, zu einem Höhepunkt des Jahres. Noch heute bekommt die Generation der jetzt 40- bis 50-Jährigen glänzende Augen, wenn sie erzählt, was die Franzosen an diesem Tag alles geboten haben. Beliebt waren vor allem Geschicklichkeits- und Glücksspiele. So gab es ein Meerschweinchen-Roulette oder man zog per Angel Gewinne aus einem „Sägemehlmeer“. Wenigstens ein Trostpreis, meist in Form von grünem, französischem Kaugummi war jedem Teilnehmer sicher. Für Kinder gab es Fahrten mit einem „Zügle“ – einem als Dampflok umfunktionierten Militär-Jeep –, für die Erwachsenen mit einem Schützenpanzer auf einem eigens angelegten Parcours mit tiefen Schlammpfützen, Schottersteinen und wackeligen Holzbrettern über Gräben. Die Soldaten bauten extra eine Seilbahn auf, mit der die Kleinen in Sesseln hin- und herfahren durften. Hinter dem Wasserturm briet ein marokkanischer Hauptfeldwebel einen ganzen Hammel am Spieß. Alternativ gab es die damals in Deutschland noch fast unbekannten Schaschlik-Spieße und zum Trinken die legendäre Limo in den kleinen grünen oder gelben Bauchflaschen.

Ohne Zweifel – das französische Christophorusfest war immer eine echte Bereicherung für das Horber Kulturleben, und irgendwie fehlt es heute im Jahreslauf.

Quellen-Nachweis:

Gertrud Benker: Christophorus,

Legende, Verehrung, Symbol,

München, 1975

Horb am Neckar – Ein Stadt und

Landschaftsbild, Rottweil 1973

Stadtarchiv Horb: Die 50er-Jahre –

Horb im Aufbruch, Horb 2001

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Erstellt:
26. Juli 2003, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juli 2003, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2003, 12:00 Uhr

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