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In geduldiger Handarbeit

Martina Fuchs gibt abgenutzten Stühlen neue Sitzflächen

Martina Fuchs ist Korbflechterin. In ihrer Werkstatt in Wendelsheim hat sie sich auf Stuhlbeflechtungen spezialisiert. Die Warteliste der Kunden ist lang.

25.08.2015
  • Dunja Bernhard

Wendelsheim. Die unterschiedlichsten Stühle sind in Martina Fuchs’ sonnendurchfluteter Werkstatt versammelt. Da steht ein legendärer CH24 Wishbone mit ypsilonförmiger Rückenlehne des dänischen Möbeldesigners Hans Wegner neben einen Thonetstuhl. Mit all den anderen Designermodellen in der Werkstatt ist ihnen gemein, dass sie eine geflochtene Sitzfläche haben, die einer Erneuerung bedarf.

Viele dieser Stühle seien über 50 Jahre alt, sagt Fuchs. Das Holz habe sei umwerfend gut, nur das Geflecht hat sich gelockert und ist durchgesessen. Fuchs gibt den Stühlen eine neue Sitzfläche. Dabei hält sie sich an das Muster der Originalbespannung und verwendet die ursprünglichen Materialien. Ihre Auftraggeber kommen bis aus dem Saarland. Ein Ehepaar bringe immer nur zwei Stühle zur Reparatur und verbinde den Werkstattbesuch mit einer zweitägigen Städtebesichtigung in der Umgebung, erzählt die 51-Jährige.

„Ich komme in keinster Weise aus einer Handwerkerfamilie“, sagt Fuchs zu ihrem Werdegang. Ihre Mutter habe aber geschneidert. Da habe sie gesehen, welche Freude Selbsthergestelltes bereitet, aber auch welche Geduld erforderlich ist. Martina Fuchs besuchte schon als Schülerin Volkshochschulkurse und lernte dort die Korbflechterei mit Peddigrohr kennen.

Auf einer Ausbildungsmesse war sie fasziniert von der Leichtigkeit, mit der ein Korbmacher sein Handwerk vorführte. Er habe mit seinen Bewegungen eine besondere Atmosphäre ausgestrahlt, erinnert sie sich noch heute. Beim Informationsstand sei ihr gleich eine Ausbildungsstelle angeboten worden. „Aber ich wollte erst die Schule zu Ende machen.“

Nach dem Abitur bewarb Fuchs sich deutschlandweit. „Bis an die Nord- und Ostseeküste.“ Durch Zufall sei sie ganz in der Nähe fündig geworden: Von 1985 bis 1987 lernte sie das Metier der Korbmacherin in Metzingen. Heute heißt der Beruf Flechtwerkgestalter, denn neben Körben in allen Größen und Formen stellt der Flechtwerkgestalter auch Sitzflächen von Stühlen, Puppenwagen, Gartenaccessoires und Zäunen her.

„Ich wollte etwas können, das ich überall auf der Welt machen kann“, erklärt Fuchs ihre Berufswahl. Mit einfachsten Mitteln stelle der Korbmacher etwas her. Er brauche keinen großen Maschinenpark und könne sich ohne viel Eigenkapital selbständig machen. Korbmacher sei jedoch auch ein Knochenjob, sagt Fuchs. So fließend die Flechterei von der Hand zu gehen scheint, sie sei mordsmäßig anstrengend. „Die Arbeit hat Spuren in meinen Handgelenken und Sehnenscheiden hinterlassen.“

Um sich ein zweites Standbein zu schaffen, schloss Fuchs an die handwerkliche Lehre eine kaufmännische Ausbildung an. 1994 legte sie die Meisterprüfung als Korbmacherin ab, 1999 zog sie aus der Tübinger Südstadt nach Wendelsheim und machte sich ein Jahr später selbständig. Ihre Werkstatt mit großem Fenster zum Garten grenzt an das Wohnhaus an. Neben ihrer Tätigkeit als Korbmacherin arbeitet Fuchs seit 25 Jahren in Teilzeit in einer sozialen Einrichtung.

Körbe stellt Fuchs kaum noch her, sie repariert nur noch den ein oder anderen Henkel. Zu ihrem Schwerpunkt hat sie Stuhlbeflechtungen gemacht. Die Auftragslage sei gut. Sie führt eine Warteliste.

Bei modernen Thonetstühlen, die auch als Kaffeehausstühle bekannt sind, repariert Fuchs die Sitzfläche aus Achteckgeflecht mit Meterware, die von der Rolle kommt. Die Nut werde ausgefräst und das Geflecht eingebracht, erklärt sie. „Auf alte Stühle mit handgebohrten Löchern kommt jedoch keine Meterware.“ Bei ihnen flicht Fuchs das Achteckmuster aus feinen Peddigrohrstreifen selbst. Je enger das Geflecht wird, desto mehr Zugkraft muss Fuchs aufwenden, um die Peddigrohrstreifen durchzuziehen. Hochziehen, durchstecken, hinunterziehen, einfädeln, hochziehen. Viele kleine Bewegungen sind nötig. Man müsse Geduld mit sich und dem Werkstück haben, sagt Fuchs. „Der Beruf erfordert viel Hingabe.“ Einen ganzen Arbeitstag brauche sie für einen Stuhl.

Die Sitzflächen dänischer Designerstühle bespannt sie mit Schnur. Dabei stellt sie das ursprüngliche Muster wieder her und verwendet Originalmaterial, das sie über einen Großhändler bezieht. Über ein Netzwerk tauscht sie sich mit anderen Korbflechtern aus. Dort holt sie sich auch Rat, wenn ein Stuhl eine ihr bisher unbekannt gemusterte Sitzfläche hat. In Fachbüchern und im Internet stöbert sie nach den Designern und Herstellern der Stühle. Zu jedem Exemplar in ihrer Werkstatt hat sie eine kleine Geschichte parat.

2008 schrieb Fuchs ein Buch über Korbflechterei. Es ist mittlerweile ins Polnische und Lettische übersetzt. In diesen Ländern gebe es eine große Flechttradition, sagt sie.

Martina Fuchs gibt abgenutzten Stühlen neue Sitzflächen
Hier bespannt Martina Fuchs die Sitzfläche eines dänischen Designerstuhls. Im Hintergrund sind zwei Thonetstühle zu sehen (links mit Armlehnen, rechts in typischem Schwarz). Dazwischen steht ein CH24 Wishbone mit ypsilonförmiger Rückenlehne.Bild: Bernhard

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25.08.2015, 12:00 Uhr

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