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Bekleidung

Maßanfertigung ist wieder in Mode

Die Massenware von der Stange könnte Konkurrenz bekommen. Digitalisierung erleichtert sowohl das individuelle Auf-den-Leib-Schneidern als auch die Textilproduktion in Europa.

12.02.2019

Von Carsten Hoefer

Eine Textil-Schneidemaschine für Individualanfertigungen und Kleinserien, vorgestellt auf der Sportartikelmesse Ispo. Foto: Bildquelle

München. In der Bekleidungsbranche ist die Massenware nicht mehr unangefochten: Dank Digitalisierung und veränderten Kundenbedürfnissen könnten sowohl die individuelle Anfertigung auf Kundenwunsch als auch die Textilproduktion in Europa in den kommenden Jahren zumindest teilweise eine Renaissance erleben, sagen Fachleute. Das hätte nicht nur für die Kunden Vorteile, sondern auch für die Bilanzen der Hersteller – und die Umwelt.

„Es könnte wesentlich weniger Ausschussware produziert werden“, sagt Christian Kaiser, Professor für Textiltechnologie an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen. „Die Umweltbelastung würde stark reduziert.“ Denn Textilfabriken verbrauchen viel Wasser, auch Färben und Imprägnieren belasten die Umwelt. Kaisers Hochschule kooperiert eng mit den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF), einer führenden Denkfabrik für die deutsche Bekleidungsbranche.

Die Textilbranche hat traditionell lange Vorlaufzeiten: eine Kollektion im Winter, eine im Sommer. „Das reicht heute nicht mehr“, meint Kaiser. „Viele Kunden wollen alle paar Wochen etwas Neues.“ Und die notwendige schnelle Reaktion auf Kundenwünsche könnte Kaiser zufolge dazu führen, dass in einigen Jahren wieder mehr Kleidung in Europa hergestellt wird. Denn steht die Fabrik in Bangladesch, dauert die Auslieferung länger.

Hinzu kommt, dass die Konfektionsware von der Stange an Attraktivität verliert. In der Sportbranche sind individualisierte Produkte einer der großen Trends. Bisher war das hauptsächlich auf Schuhe beschränkt, doch Bekleidung wird folgen. Denn digitale Fertigungsmethoden ermöglichen die Herstellung auch kleiner oder kleinster Serien, bis hin zum Einzelstück.

Ein großer Vorteil für die Textilindustrie wären reduzierte Lagerkosten, da weniger Ware auf Halde liegt oder am Ende mangels Käufern sogar vernichtet wird. „Das ist ein großes Zukunftsthema“, sagt Hortense Carlier, Produktmanagerin bei North Face, einem US-Hersteller von Outdoorbekleidung.

Im Marketingjargon heißt der Trend „Customising“, den altmodischen Begriff „Maßanfertigung“ verwendet heute kaum noch jemand. Beides ist auch nicht ganz identisch, „Customising“ bedeutet bislang eher die Wahl eines individuellen Designs durch die Kundschaft.

North Face bietet bisher ausschließlich Konfektionsware an. Eine nach Firmenangaben aus der Medizintechnik übernommene Fertigungsmethode soll es nun erlauben, Luftdurchlässigkeit und wasserabweisende Eigenschaften von Jacken künftig zu „tunen“, also individuell anzupassen. Die ersten Produkte mit dem neuen Material sollen im Herbst auf den Markt kommen, die Fertigung auf Kundenwunsch hält Carlier im nächsten Jahrzehnt für möglich – ungefähr von 2021 an.

Die Sportindustrie ist Vorreiter, weil Sportbekleidung in der Regel teuer ist, die Kunden ebenso anspruchsvoll wie willig, Geld auszugeben. „Der Sportmarkt ist heiß umkämpft“, sagt Mathias Böhnke, Vorstand der Sporthandelskette Intersport. Die jahrelang starke Expansion im Outdoor-Markt hat sich nach Angaben der European Outdoor Group, dem Fachverband der europäischen Industrie, 2018 auf ein Wachstum im „unteren einstelligen Bereich“ verlangsamt. Das verschärft den Innovationsdruck. Auch für den von immer stärker werdender Online-Konkurrenz bedrängten Einzelhandel bedeutet die Individualisierung einen Hoffnungsschimmer. „Das Thema ,Customising' ist ein absoluter Megatrend“, sagt Andreas Rudolf, Geschäftsführer der Sporthandelskette Sport 2000.

Bei Skischuhen etwa ist zwar nicht die individuelle Fertigung Standard, wohl aber die individuelle Anpassung im Laden. Die bringt höhere Renditen für die Händler. „Was den Ertrag betrifft, ist der Skischuh bei uns Cash Cow“, sagt Rudolf. Sowohl Händler als auch Hersteller hoffen, dass sich dieses Geschäftsmodell von den Füßen auf den restlichen Körper ausdehnen lässt.

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Erstellt:
12. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2019, 06:00 Uhr

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