Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Horb·Umwelt

Massensterben im Fichtenwald

Ein Schädling bedroht die heimischen Fichtenwälder und lässt die Forstbeamten fast verzweifeln: der Borkenkäfer. Er ist kaum aufzuhalten.

18.04.2019

Von Rita Ott

Es steht nicht gut um den heimischen Fichtenwald: In der ganzen Region haben sich Borkenkäfer eingenistet und zerstören große Waldgebiete. Schnelles Handeln ist angesagt – das befallene Holz muss aus dem Wald, damit nicht noch mehr Bäume sterben.Bilder: Karl-Heinz Kuball

Die Besorgnis ist Revierförster Achim Walter deutlich anzumerken, als er an verschiedenen Waldbildern die problematische Situation und das Ausmaß des Waldsterbens verdeutlicht. Helle, kahle Stämme ohne Rinde ragen empor und der Blick nach oben zu den Wipfeln offenbart, dass kein oder kaum noch Leben in den Bäumen ist: rotbraun verfärbte Nadeln, kahle Baumkronen. Schon von Weitem ist deutlich zu sehen, wo sich der Borkenkäfer eingenistet hat. Das Schlimme: Der Schädling beschränkt sich nicht auf ein Gebiet, er fliegt aus, verbreitet sich. Kaum ist ein Waldstück „ausgeräumt“, findet der Förster Hinweise auf neue Nester, die er mit fachmännischem Blick sofort erkennt, auch wenn für den Laien mit dem Baum noch alles in Ordnung zu sein scheint.

Deshalb sollten Privatwaldbesitzer auch ganz genau hinschauen. „Wichtig ist, dass das Käferholz schnell aus dem Wald kommt“, betont Walter. Das aber ist in einer Region, in der es viele kleinparzellierte Privatwälder gibt, sehr schwierig. Im öffentlichen Wald haben die Forstämter die Situation einigermaßen im Griff, werden sofort aktiv, wenn ein Käferbefall festgestellt wird – auch wenn es momentan einer Sisyphos-Arbeit gleicht. Das Problem sind die vielen kleinen Privatwälder – Walter nennt eine Durchschnittsgröße von 13 Ar in seinem Revier. Deren Besitzer haben den geübten Blick eines Forst-Fachmanns nicht. So geht dann oft wertvolle Zeit verloren, bis gehandelt wird – wenn dann tatsächlich reagiert wird: Nicht selten tun Privatwaldbesitzer einfach gar nichts, obwohl sie es laut Gesetz müssten. „Eigentum ist nicht nur schön, es verpflichtet auch“, betont Walter.

Oft gehört der Wald auch älteren oder kranken Leuten, die ihn nicht mehr selbst bewirtschaften können, oder Erbengemeinschaften, bei denen sich keiner zuständig fühlt, so der Revierförster. Und er weiß auch, dass die Holzpreise, die derzeit im Keller sind, wenig Anreiz bieten, tätig zu werden. Momentan sei der Holzmarkt schwierig und werde kollabieren, wenn es so weitergeht, prognostiziert der Revierförster. „Der Markt kann das ganze Holz gar nicht aufnehmen.“ Dennoch: Gesetzliche Grundpflicht der Waldbesitzer ist, „den Wald pfleglich zu bewirtschaften, insbesondere tierische und pflanzliche Forstschädlinge rechtzeitig und ausreichend zu bekämpfen“. Und beim Borkenkäfer-Management ist größte Eile geboten. Sollten Waldbesitzer ihrer Verpflichtung trotz Aufforderung nicht nachkommen, kann die Forstbehörde zum Schutz des Waldes auf Kosten der Besitzer entsprechende Maßnahmen veranlassen.

Die Lage ist dramatisch

Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die zu dieser dramatischen Situation beitragen: Die Trockenheit in den vergangenen Jahren und die Hitze haben die Bäume geschwächt. Dazu kamen Stürme und schwerer Schnee. Sturmwurf, Schneebruch, trocken-warme Witterung – das sind die idealen Bedingungen für die massenhafte Vermehrung der Borkenkäfer, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. „Es ist sehr schwer, die Sache zum Stehen zu bringen“, sagt Achim Walter.

Er zeigt eine Stelle, ein „Käferloch“, wo alle Stadien des Waldsterbens sichtbar sind. Einige Bäume haben keine Nadeln mehr, bei anderen sind sie noch grün, obwohl der Baum bereits befallen ist, bei wieder anderen sind die Nadeln hellgrün bis rotbraun, ein sicheres Zeichen, dass sich die Borkenkäfer eingenistet haben. Der Baum ist dann nicht mehr zu retten, er stirbt. Unter der Rinde sieht man die Borkenkäfer und ihre Larven.

Manchmal sind große Baumgruppen, ganze Wäldchen befallen, manchmal auch nur einzelne Bäume zwischendrin. Doch es ist eine Frage der Zeit, bis die Käfer auch die umliegenden Bäume angreifen: Ein Mutterkäfer fliegt den Baum an, bohrt sich ein, legt einen Muttergang an und legt an ihm entlang Eier ab. Die Larven fressen sich in Abzweigungen weiter durch, schlüpfen, fliegen aus zum nächsten Baum, um ihn genauso auszusaugen, wie ihre „Vorfahren“ andere Bäume, erklärt Walter. Rindenstücke mit den Gängen wirken fast wie ein Kunstwerk, sind aber sichtbare Zeichen für den Tod eines Baums.

Die Buchdrucker als für Fichten gefährlichste Borkenkäfer bevorzugen ältere Fichten, etwa ab dem Alter von 50 Jahren. So wie in einem Gewann bei Empfingen, wo wie andernorts im Kreis Freudenstadt in den 1950er- und 1960er-Jahren auf Wiesen und Ackerland Fichten gepflanzt wurden. Wenn sich die ersten Pionierkäfer einbohren, löst das beim Baum Harzfluss aus, der einzelne Käfer tötet. Greifen zu viele Käfer an, kann sich selbst der gesündeste Baum nicht mehr wehren. Ist der Baum dazu noch geschwächt durch Trockenheit und zu viel Wärme, geht alles noch viel schneller. Der Buchdrucker als gefährlichster Fichtenborkenkäfer ist bekannt dafür, dass er durchaus auch gesunde, starke Bäume umbringen kann.

Wasserdefizit schwächt Bäume

„Jeder Regentag ist Gold wert“, weiß Revierförster Walter. Das Defizit an Wasser in den vergangenen Jahren, dann letztes Jahr die extreme Trockenheit – „das schwächt die Bäume“ und macht sie zu einem gefundenen Fressen für die Borkenkäfer. In der Region gibt es viele reine Fichtenwälder, die besonders bedroht sind und in denen Bäume massenhaft sterben. „Ich weiß nicht, ob den Leuten bewusst ist, was passieren kann.“ Auch damit verbunden ist sein Appell an private Waldbesitzer: „Kümmert euch um euren Wald. Wenn er krank wird, braucht er jemanden, der sich um ihn sorgt.“

Die Larven des Borkenkäfers fressen sich unter der Rinde in den Baumstamm und „graben“ ihm das Wasser und die Nährstoffzufuhr ab.

Mitten in einem „Käferloch“: Revierförster Achim Walter untersucht Rindenstücke von befallenen und sterbenden Bäumen.

Hintergrund

Achim Walter ist Leiter des Forstreviers Empfingen. Es reicht von Dettingen, Betra, Isenburg, über Nordstetten, den Privatwald Ahldorf bis Dettensee, Mühringen und Empfingen mit Teilorten. Auch der „Althorber Wald“, die Waldplatte rechts des Neckars, wenn man Richtung Nordstetten fährt, ist Teil seines Reviers.

Stellvertretend für alle anderen Revierleiter des Landkreises informierte Walter vor Ort (in und um Empfingen) über die Situation im Wald. Die Probleme sind überall die gleichen, teils mehr, teils weniger stark ausgeprägt.

Zum Artikel

Erstellt:
18. April 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
18. April 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Aus diesem Ressort