Corona

„Maßnahmen wirken nur kombiniert“

Pandemie-Experte Matthias Schrappe hat schon in den 80ern gegen HIV gekämpft. Ein Gespräch darüber, wie man die Risikogruppe ohne Isolation schützen kann – und was die Politik versäumt hat. V

22.10.2020

Von DOMINIK GUGGEMOS

Gute Wünsche vor einem Altenheim: Experte Schrappe kritisiert den bisherigen Umgang mit Corona-Risikogruppen. Foto: Thomas Kiehl

Berlin. Er war sechs Jahre lang im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, ist Experte für Pandemien und spezialisiert auf Patientensicherheit. Mit der aktuellen Corona-Politik ist Matthias Schrappe ganz und gar nicht einverstanden. Ihm fehlt ein Konzept zum Schutz der Risikogruppe.

Herr Schrappe, Sie haben 1985 sozusagen an vorderster Front gegen die HIV-Pandemie gekämpft, haben in Köln die Versorgung der Infizierten aufgebaut. Was sehen Sie für Parallelen zwischen Aids und Covid-19?

Matthias Schrappe: Man kann die Zeitungsartikel von damals 1 zu 1 auf heute übersetzen, wenn man HIV durch Corona ersetzt. Wir standen vor großen Problemen. Es gab sehr schnell viele Infizierte. Am Anfang dachte man noch, dass sich das Virus über die Luft überträgt. Ein Unterschied ist: Es gab in den ersten Jahren keinen Test. Wir konnten nur über das Krankheitsbild schließen, dass jemand infiziert ist.

Damals wurde eine Kampagne gestartet, die den Umgang mit HIV veränderte. Es hieß nicht mehr, negativ: „Lebt enthaltsam, habt keinen Sex!“, sondern positiv: „Safer Sex mit Kondom ist kein Problem!“. Gab es Widerstände?

Es war schwierig. Denn Homosexuelle Menschen und Drogenabhängige waren damals gesellschaftlich ausgegrenzt. Zum Glück hat uns Rita Süßmuth, die damalige Gesundheitsministerin, unterstützt.

Mit der aktuellen Corona-Politik der Bundesregierung sind Sie dagegen gar nicht zufrieden. Warum?

Wir haben es verpasst, etwas für diejenigen zu tun, deren Risiko an Covid-19 zu sterben am höchsten ist. Das sind Personen mit hohem Alter oder mehreren Krankheiten. Erfahrungen aus bisherigen Pandemien haben gezeigt, dass allgemeine Präventionsmaßnahmen, wie Abstand halten oder Maske tragen, immer mit zielgruppenspezifischen Maßnahmen verbunden werden müssen. Erst in Kombination wird es wirksam. Aber die politische Führung des Landes ist da beratungsresistent. Stattdessen verschärft sie die allgemeinen Maßnahmen ungemein – was letztlich nichts bringt.

Zielgruppenspezifische Maßnahmen verbinden viele erst einmal mit „wegsperren“.

Der Ton macht die Musik. Es geht nicht um „wegsperren“, ganz im Gegenteil, das wäre fatal. Es geht darum, den Alltag für diese Menschen zu organisieren – unter betonter Wahrung deren Würde und Humanität. Hier versagt unsere politische Führung komplett.

Wie könnte ein Konzept aussehen, das Menschen aus der Risikogruppe schützt und sie trotzdem nicht isoliert und vereinsamen lässt?

Wir brauchen ganz konkrete Pläne, wie wir den Menschen aus der Risikogruppe einen sicheren, aber lebenswerten Alltag ermöglichen können. Wir müssen sie befähigen, mitzuleben. Man weiß aus der Risikokommunikation, dass positives Framing, also die Kommunikation einer Botschaft, entscheidend ist. Das wäre bei dem Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin möglich gewesen. Man hätte auch Fehler eingestehen und das mit einem positiven Aufruf, in eine Diskussion mit der Bevölkerung zu treten, verbinden können.

Ganz konkret: Was kann man für die Risikogruppe tun?

Man könnte, wie das in anderen Ländern gemacht wird, im Supermarkt bestimmte Uhrzeiten für sie freihalten, ihnen vielleicht Helfer zur Seite stellen – ich bin mir sicher, da wären viele Menschen bereit zu helfen. Kinos und Kulturbetriebe könnten spezielle Veranstaltungen für ältere Menschen mit Vorerkrankungen ins Programm nehmen – Vorsichtsmaßnahmen lassen sich dabei ja einhalten. Man könnte einen speziellen Taxidienst für Besuche beim Arzt oder Optiker zu den Kosten des Öffentlichen Nahverkehrs subventionieren.

Das würde auch der Wirtschaft helfen. Und es wäre eine Geste der Wertschätzung.

Diese Geste wäre sehr wertvoll. Man kann auch mit den Lieferdiensten zusammenarbeiten, um die Versorgung mit Lebensmitteln und Essen zu gewährleisten. Dafür könnten sich die Menschen aus der Risikogruppe beim Gesundheitsamt anmelden und die vermitteln dann zu günstigen Konditionen Lieferungen und bringen den Menschen bei, so eine Bestellung überhaupt erst aufzugeben. Das sind alles nur erste Ideen. Ich bin mir sicher, wenn wir es schaffen, die Diskussion zu öffnen, wird man da viele tolle Vorschläge finden.

50 Infizierte pro 100 000 Einwohner in sieben Tage gilt seit Monaten als die Kennziffer der Pandemie. Sie kritisieren die wissenschaftliche Fundament der Inzidenz. Warum?

Ich will die Zahl nicht abschaffen, aber sie steht auf wackligen Füßen und ist quasi Makulatur. Wenn wir pro Woche eine Million Deutsche testen, haben wir 82 Millionen, die nicht getestet wurden. Das kann man nicht einfach hochrechnen. Da wären Kohortenstudien von zufällig, aber repräsentativ ausgewählten Menschen, die regelmäßig getestet werden, viel sinnvoller. Vergleichbar mit der Werbeindustrie oder Wahlumfragen. Solche Studien ließen sich auch regionalisieren, man könnte zwischen Stadt und Land unterscheiden.

Wie groß müsste eine solche Kohorte sein?

15 000 Menschen würden schon reichen, um viel mehr über die Verbreitung des Virus zu wissen. Wir haben bereits Kohorten für andere Krankheiten, die hätte man nutzen können.

Pandemie-Experte Matthias Schrappe. Foto: Privat

Zum Artikel

Erstellt:
22. Oktober 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Oktober 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen