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Demokrat der ersten Stunde: Gehasst, ermordet, vergessen

Matthias Erzberger wurde vor 90 Jahren erschossen

Er leistete Großes für das Ende des ersten Weltkrieges und den Anfang der Weimarer Republik. Doch auch 90 Jahre nach seiner Ermordung findet der Politiker Matthias Erzberger aus Buttenhausen kaum Beachtung.

30.08.2011
  • MARTIN TRÖSTER

Buttenhausen. Der Hass, der dem Toten entgegenschlug, war selbst für die turbulenten und gewalttätigen Anfangsjahre der Weimarer Republik außergewöhnlich. Unverhohlen bejubelten rechte Kreise den Mord an Matthias Erzberger, der gestern vor 90 Jahren, am 26. August 1921, bei Bad Griesbach im Schwarzwald erschossen wurde.

Der „Vaterlandsverräter“ habe für die Vermittlung des „Versailler Schandfriedens den gerechten Lohn“ erhalten und noch an seinem Grabe würde man ihm millionenfach „den Fluch eines geschändeten und verelendeten Volkes nachsenden“, hieß es in einschlägigen Zeitungen. Das abgewandelte Kirchenlied „Nun danket alle Gott; für diesen braven Mord“, war ein Gassenhauer in nationalen Studentenkreisen. Ja, der zupackende, etwas rundliche Katholik aus dem kleinen Ort Buttenhausen in der Nähe von Münsingen war damals, um einen seiner Zeitgenossen zu bemühen, vielleicht tatsächlich so etwas wie „der bestgehasste aller deutschen Politiker“.

Anwalt der kleinen Leute

Dafür geht es heute in seinem Geburtshaus ziemlich ruhig zu. Und Markus Lamparter, der an diesem Tag für den Münsinger Geschichtsverein die Dauerausstellung in der Buttenhausener Erinnerungsstätte betreut, hat einen ungewollt ruhigen Sonntagnachmittag: „Das ist leider normal, im Durchschnitt haben wir hier gerade einmal 15 bis 20 Besucher pro Sonntag.“ In den kleinen, lichtdurchfluteten Räumen treten also zumindest die Erzberger-Interessierten niemandem auf die Füße.

Das ist mehr als erstaunlich: Denn aus diesem markanten, rötlich gestrichenen Einfamilienhaus, das sich noch heute bündig in die sanft aufschwingende Dorfsilhouette einreiht, zog Ende des 19. Jahrhunderts ein Schneidersohn aus einfachsten Verhältnissen aus, um zunächst Volksschullehrer zu werden und dann als Politiker die deutschen Eliten aus Militär und Adel gründlich das Fürchten zu lehren.

Ob denn gar kein Mittel vorhanden sei, „unsere Beamten- und Offizierswelt vor dem gewerbsmäßigen Hintertreppen-Schleicher, Ehrabschneider und Verleumder Erzberger zu decken“, klagte einmal sogar Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich und außer sich vor Zorn – Erzberger hatte mit der Enthüllung von Missständen in der Kolonialwirtschaft eine Duftmarke im Reichstag gesetzt. Seit 1903 war er Abgeordneter für die katholische Zentrumspartei, nachdem er sich in unermüdlicher politischer Kärrnerarbeit einen Ruf als „Anwalt der kleinen Leute“ erarbeitet hatte.

Seine welthistorisch größte Stunde hatte der fromme Buttenhausener im November 1918: Als Leiter der deutschen Delegation unterschrieb er in Nordfrankreich den Waffenstillstandsvertrag von Compiègne und beendete damit faktisch den ersten Weltkrieg. Den anschließenden Friedensvertrag von Versailles peitschte Erzberger gegen alle – auch eigene – Vorbehalte federführend und in letzter Sekunde durch den Reichstag. Trotz aller Härten des Vertrages wollte er damit noch Schlimmeres wie die militärische Besetzung Deutschlands verhindern.

Gedankt haben ihm diese Verantwortung nur wenige, im Gegenteil: Mit der Lüge, das „im Felde unbesiegte Heer“ sei durch Revolutionäre verraten worden, trieben vor allem Militärs ihre Vorbehalte gegen die Republik auf die Spitze. Dass ausgerechnet zwei ehemalige Offiziere im Auftrag einer rechten Geheimorganisation die tödlichen Schüsse auf Erzberger abgaben, passt ins Bild: Nicht nur als „Novemberverbrecher“ ersten Ranges war Erzberger ein Hauptziel der rechten Hetze, sondern auch als einer der wichtigsten, weil angriffslustigsten und fähigsten Verteidiger der jungen Demokratie.

Deren finanzielle Lebensader verlegte er unter schwierigsten politischen Umständen mit der Reichsfinanzreform von 1920. Innerhalb kurzer Zeit schuf er als Reichsfinanzminister ein Werk, dessen Kernelemente wie die Steuerhoheit des Bundes das deutsche Abgabensystem noch heute prägen. Nicht nur Wolfgang Schäuble, schwäbischer Bundesfinanzminister unserer Zeit und ebenfalls ein Attentatsopfer, sieht darin eine „völlig einmalige, unglaubliche“ Leistung. Auf seine Initiative hin wurde daher am diesjährigen Todestag der große Festsaal im Berliner Finanzministerium nach Erzberger benannt. Eine seltene Ehre für den vielfach angefeindeten und auch heute noch bestvergessenen Erzberger.

Nie ein Garant für leuchtende Augen

„Sogar in der CDU hat sich außerhalb des Südwestens lange Zeit kaum jemand für Erzberger interessiert“, sagt Christopher Dowe vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, Kurator der Buttenhausener Ausstellung und einer der bis heute erstaunlich wenigen Erzberger-Biographen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich die CDU auf die politische Vereinigung von Protestanten und Katholiken konzentriert und darauf, auch Nationalisten an die Demokratie heranzuführen. „Da passte ein Katholik, der zudem von nationalistischen Kreisen lange abgelehnt wurde, nicht hinein“, sagt Dowe. Eher Linken war er vor allem wegen seiner langjährigen Gegnerschaft zur Sozialdemokratie und der anfänglichen Kriegsbegeisterung ein Dorn im Auge. Ganz abgesehen davon war Erzberger als Pragmatiker und „Aktenfresser“, so Dowe, noch nie ein Garant für leuchtende Augen.

Auch mit dem Privatmann Erzberger, der mit der Rottenburgerin Paula Eberhart verheiratet war, ergeben sich nur wenige Berührungspunkte – kaum mehr als eine Taschenuhr und ein paar Familienfotos haben den Nationalsozialismus überdauert und finden sich in der Buttenhausener Ausstellung. Nicht zuletzt zeigen sich laut Dowe auch heute noch die tiefen Verwerfungen der Nationalisten-Hetze aus den 1920ern: „Wenn Erzberger in einer unserer Umfragen irrtümlich für einen Juden gehalten wird, dann wirkt das immer noch nach – obwohl so eine Aussage einer Einzelperson dann nicht unbedingt abfällig gemeint sein muss.“

Auch wenn laut Dowe das Interesse an Erzberger seit den 1980ern wieder zunimmt, richtig gefragt ist er auch heute nicht, nicht einmal in seiner unmittelbaren Heimatregion, der Münsinger Alb: Die Besucherzahlen der Dauerausstellung seien seit der Eröffnung 2004 sogar „tendenziell rückläufig“, wie Markus Lamparter betont. Nicht einmal die Lehrerkollegien aus dem direkten Umland hätten Interesse. „Wenn überhaupt Schulklassen kommen, dann sind die in der Regel aus dem Großraum Tübingen oder Biberach. Nicht von hier.“

Matthias Erzberger wurde vor 90 Jahren erschossen
Am 8. Mai 1927 wurde in Buttenhausen die Einweihung eines Erzberger-Gedenkbildes groß gefeiert. Organisiert hatten die Gedenkfeier das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold (das von Sozialdemokraten dominierte Bündnis zum Schutz der Weimarer Republik), die Deutsche Demokratische Partei und der linke Flügel des Zentrums. Später hat sich kaum jemand mehr für den Pragmatiker und „Aktenfresser“ interessiert. Bild: Sammlung Randecker

Matthias Erzberger wurde vor 90 Jahren erschossen
Matthias Erzberger war von 1919 bis 1920 Reichsfinanzminister. Bild: Gedenkstätte Buttenhausen

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30.08.2011, 12:00 Uhr

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