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Als Einsatzhelfer in Haiti

Matthias Rekowski arbeitete im Erdbebengebiet

Matthias Rekowski war auf Haiti, um den Menschen nach dem schweren Erdbeben zu helfen. Der Dußlinger ist Rettungsassistent und arbeitet beim Tübinger Institut für Katastrophenmedizin.

14.02.2010
  • Jürgen Jonas

Dußlingen. Matthias Rekowski kann erzählen. Seine Reise führte ihn weit weg von Steinlach und Neckar, in eine oberirdische Hölle, in der Karibik, auf Haiti, in der Stadt Leogane. Der gelernte Rettungsassistent ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim „Deutschen Institut für Katastrophenmedizin“ in Tübingen. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Tübinger Offensiven Stadtmission (TOS).

Wie alle Menschen war er von den Bildern und Berichten über Haiti tief bewegt. Die Spendenbeteiligung, sagt er, sei eine Sache; doch hier kam es ihm auch auf die „Menschenbegegnung“ an. Sein Arbeitgeber eröffnete ihm die Möglichkeit, am 18. Januar ist er von Düsseldorf aus gestartet, in einem Flugzeug von „Ein Herz für Kinder“, vollbeladen mit Hilfsgütern und zwei Dutzend Helfern aus verschiedenen Einrichtungen.

Ankunft in der Dominikanischen Republik, LKW-Reise bis nach Port-au-Prince, Haitis Hauptstadt. Der Wunsch zu helfen ist eine „persönliche Geschichte“, Rekowski ist „aus Überzeugung“ nach Haiti gegangen. Er hat es nach dem Beben so gesehen: „Die Menschen schrieen nach Gott.“ Und was geschah: „Gott hat eingegriffen“, Gott hat die Gebete von Eingeschlossenen erhört. Davon hat er sich dann vor Ort selbst überzeugt.

Ungewisse Zukunft für Kinder ohne Eltern

Rekowski wurde nach Leogane eingeteilt, einer ländlich geprägten Stadt, die anderthalb Stunden von Port-au-Prince entfernt liegt. Jeden Tag fuhr er mit anderen dorthin. 100 bis 120 Patienten waren an einem Arbeitstag zu versorgen. Die Mediziner leisteten Erstversorgung, amputierten, behandelten Wunden und Brüche, versuchten aber auch, bei Durchfall, Unterernährung, Dehydrierung und posttraumatischen Belastungsstörungen zu helfen.

Das Ausmaß der Verletzung hat den jungen Mann erschüttert. Innerhalb einer Minute verloren Zehntausende ihr Leben, viele junge Leute müssen ohne Arme oder Beine weiterleben. Für viele Verletzungen kamen die Mediziner zu spät. Und: Man versorgt ein Kind, dessen Mutter und Vater tot sind, muss es dann fortschicken, obwohl sein Wohnhaus nur noch ein Schutthaufen ist. Die Zukunft ist ungewiss.

Unwirkliche Situation: Ein Film, in dem die Kamera stundenlang durch verwüstete Stadtteile fährt, ohne dass der Betrachter den Umschaltknopf drücken und in eine bessere Wirklichkeit wechseln, vor- oder zurückspulen kann. Rekowski hat sie gesehen: Leichen von Menschen, die man gerade gelyncht hatte, weil sie, inmitten der Verwerfungen und Zerstörungen, Plünderungen begangen hatten. Auch das gab ihm zu denken: Menschen, die den Zusammensturz überlebt hatten, wurden von anderen Menschen zu Tode gebracht.

Bewegt hat ihn auch, „wie schnell man sich eigentlich an solche Zustände gewöhnt“, die „praktische Not“, der es kraftvoll abzuhelfen gilt, zwingt dazu. Gegenüber anderen Helfern sieht er sich im Vorteil, durch seine Glaubensgewissheit, man müsse Gott nur ernst nehmen, auf die Weise, „wie Gott uns ernst nimmt“. Dennoch hätte er sich öfter mal zum Reden einen Freund gewünscht, außer Gott, „der Adresse, wo ich immer hingehen kann“.

Er würde wieder hingehen und helfen

Auf einem Schulhof haben die Helfer geschlafen, auf nacktem Boden unter freiem Himmel, mit Isomatte und Schlafsack. Morgens gab es Toastbrot mit Erdnussbutter, sonst fast immer Reis mit Bohnen und Hühnerfleisch. Die Verständigung im Krankenhaus lief über Dolmetscher. Französisch half, er selbst sprach Englisch. Rekowski war als Mitarbeiter der Hilfsorganisation „humedica“ da, die zur „Evangelischen Allianz“gehört und länger vor Ort arbeiten will (Spendenkonto von humedica: 4747, Sparkasse Kaufbeuren). Man wollte auch, so TOS-Pressesprecher Thomas Waldert, erkunden, „welche Antworten wir Christen eigentlich auf Katastrophen haben“.

Rekowski, 29 Jahre alt, wohnt mit seiner Frau Elli in Dußlingen. Im Glauben mit ihm verbunden, hat sie ihn, durchaus mit gemischten Gefühlen, prinzipiell unterstützt. „Sie hat mich gerne gehen lassen, aber sehr gerne wiedergesehen.“ Ein paar Mal haben sie telefoniert, es gab für sie Infos von Twitterern und andere Berichte. Sie schlief in der Zeit nicht zu Hause, sondern wurde von der „Gemeinde“, wie sich die TOS-Zugehörigen nennen, aufgenommen.

Matthias Rekowski hat für das TOS-Missionswerk schon in Sucre, der Hauptstadt Boliviens, gearbeitet, auch in der Slowakei mit ihrer bedrückenden Armut. Ehrenamtlich betreut er am Tübinger Marktplatz Hilfsbedürftige, die hier „ohne religiösen Druck“ mit Essen, Kleidern, Ansprache versorgt werden. Das tut die TOS seit fünfzehn Jahren. Den „krassen Szenewechsel“ von Haiti nach Dußlingen und Tübingen hat Rekowski verkraftet – vor anderthalb Wochen kam er zurück. Selbstverständlich würde er wieder zu einem solchen Einsatz aufbrechen, „aber schneller, um besser helfen zu können“.

Matthias Rekowski arbeitete im Erdbebengebiet
Matthias Rekowski half auf Haiti, die Menschen in Leogane auch mit Lebensmitteln zu versorgen. Privatbild

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14.02.2010, 12:00 Uhr

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