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Max Frischs Stück der Stunde kommt am LTT heraus: ein Gespräch mit Regisseur Nick Hartnagel
Regisseur Nick Hartnagel. Bild: LTT
Wir Biedermänner sind die Brandstifter

Max Frischs Stück der Stunde kommt am LTT heraus: ein Gespräch mit Regisseur Nick Hartnagel

Am morgigen Samstag hat Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ am LTT Premiere. Regie führt Nick Hartnagel, der in der vergangenen Spielzeit „Die Kunst des negativen Denkens“ inszeniert hat. Chefdramaturg Stefan Schnabel sprach mit dem Regisseur über die Inszenierung und die politische Aktualität des Stückes.

22.04.2016
  • ST

Stefan Schnabel: „Biedermann und die Brandstifter“ hat Max Frisch vor fast 60 Jahren geschrieben. Was interessiert Sie heute besonders an diesem Stück?

Nick Hartnagel: Das Stück liest sich zunächst wie eine Warnung: „Pass auf, wen du zu dir nach Hause einlädst. Am Ende zünden sie dir das Dach überm Kopf an.“ Streckenweise klingt das wie für den Parteitag der AfD geschrieben – ein Abgesang an Menschlichkeit und Mitgefühl gekoppelt an die klare Botschaft: „Leiste Widerstand!“ Zugleich kann man aber mit Hilfe des Stücks anschaulich machen, wie wir aufgrund dieser Angst vor dem Fremden, den Fremden in uns selbst entdecken. Das, wovor wir uns fürchten, steckt in Wahrheit in uns. In meiner Inszenierung werden alle Figuren, die beiden Eindringliche wie Biedermanns Ehefrau, aus den Wünschen und Ängsten von Biedermann selbst geboren. Wie Dämonen seines Alten Egos suchen sie ihn in seinem Alptraum auf.

Wie zeigt sich dieser Alptraum in der Inszenierung? Wie sieht die Bühne aus?

Vor einem Wald aus Fahnen, der märchenhafter Ursprung deutscher Ängste und Schutzwall der „Festung Europa“ zugleich ist, steht die letzte Bastion europäischer Zivilisation: eine kleine Wohnzimmerinsel im Gründerzeitstil. Hier ertönen Bach und Beethoven aus einem Grammophon, Wein wird aus einem Globus serviert, und statt Brot labt man sich an einem Stillleben.

Für mich kommt hier das Selbstbild des aufgeklärten Europäers zum Ausdruck: Kultur, die er in Wahrheit höchstens aus der Schule kennt, nimmt er zum Anlass für seine postkoloniale Selbstbehauptung. Hierfür will er kämpfen. Aus dem Wald erscheinen seine Angstphantasien sowohl in Gestalt eines Wolfes, der die Bühne in ein Meer von Schwimmwesten verwandelt, als auch als Jäger, der Biedermann zum gewaltsamen Widerstand verführt. Seine Frau Babette fungiert dabei als gewissenhafte Überich-Instanz, die permanent unangenehme Fragen stellt und Gottlieb auf sein Fehlverhalten aufmerksam macht.

Was für ein Mensch ist Gottlieb Biedermann?

Für Gottlieb Biedermann teilt sich die Welt in zwei Hälften. Im Privaten pflegt er das Selbstverständnis, ein guter Mensch zu sein. Er spendet an die Feuerwehr, sagt Sätze wie „Warum reichen wir einander nicht einfach die Hand?“ und kann auch nicht nein sagen, wenn ein Obdachloser um Brot und Wein bittet. Gleichzeitig arbeitet aber tief in ihm ein schlechtes Gewissen, denn wenn er tagsüber als Fabrikant gewinnorientiert wirtschaftet, bestimmen nur noch die nackten Zahlen sein Handeln. Kündigungen und Kürzungen gehören so zum Geschäftsalltag.

In dieser Schizophrenie leben wir ja letztlich alle. Wir halten uns selbst für gute Menschen, die nicht zu den bösen Finanzhaien und Heuschrecken gehören, profitieren aber am Ende natürlich alle von einem System, das auf der Ausbeutung anderer aufgebaut ist. Für Tübingen ist diese Doppelmoral ja quasi schon eine Art Markenzeichen. Ökologische Weltanschauung und florierende Wirtschaft. Grün und konservativ. Nachhaltigkeit und „Wir schaffen das nicht.“

Wer sind die eigentlichen Brandstifter heute?

Unsere Angst vor dem Fremden macht uns selbst zu Brandstiftern. Es ist eine irrationale Angst angesichts von einer Million Geflüchteten, die letztes Jahr Deutschland erreicht haben – das sind circa ein Achtzigstel der deutschen Bevölkerung. Bei einer ausverkauften Vorstellung in der LTT-Werkstatt wären das rund zwei Menschen, welche die anderen 120 Zuschauer um Hilfe bitten. Oder ein anderes Beispiel: Das Risiko, an einer Pilzvergiftung zu sterben, ist größer als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Wenn wir aber diesen Ängsten nachgeben, wie es momentan geschieht, wenn der Sicherheitsstaat aufgerüstet wird, unsere Grundrechte eingeschränkt und Flüchtlingsheime angezündet werden, dann zerstören wir die liberalen Grundlagen und Werte unserer Gesellschaft. Und das würde ich als „Brandstiftung“ bezeichnen.

Warum machen Sie Theater? Welchen Traum vom Theater haben Sie?

Theater kann Unsichtbares sichtbar machen. Es kann wie bei „Biedermann und die Brandstifter“ unsere Alltagsängste offen legen und gleichzeitig mit den Mitteln des Theaters Bezüge herstellen, die gesellschaftliche Zusammenhänge neu begreifbar machen. Es ist selten ein einzelner Theaterabend, der unseren Blick auf die Welt auf den Kopf stellt. Aber das, was wir Zeitgeist nennen, wird durch unsere Kulturlandschaft geprägt – davon bin ich überzeugt.

Info Premiere am 23. April um 20 Uhr in der LTT-Werkstatt, weitere Vorstellungen am 29. und 30. April sowie am 6. Mai.

Worum geht’s in „Biedermann und die Brandstifter“?

Gottlieb Biedermann ist Hauseigentümer und Geschäftsmann. Wohlhabend, ordnungsliebend und zufrieden. Fremde kommen ihm nichts ins Haus. Schon gar nicht in der jetzigen Zeit, wo man jeden Tag in der Zeitung von Brandstiftern lesen muss. Doch als eines Tages ein Hausierer vor der Tür steht und an Biedermanns Menschlichkeit appelliert, lässt sich dieser erweichen und den obdachlosen Fremden auf seinem Dachboden schlafen. Als plötzlich ein zweiter auftaucht und beide auf dem Dachboden Benzinfässer lagern, wird Biedermann zunehmend misstrauisch und will die Eindringlinge loswerden.

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22.04.2016, 01:00 Uhr

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