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Fernsehen

#MeToo im Mief der 50er

Die Reihe „Ku'damm 56“ war ein Erfolg. Jetzt setzt das ZDF die Geschichte um die Familie Schöllack fort. Der Dreiteiler ist überraschend aktuell.

16.03.2018

Von SVEN KAUFMANN

Kämpft gegen Konventionen: Monika (Sonja Gerhardt) fordert das Sorgerecht für ihre uneheliche Tochter. Foto: Stefan Erhard/ZDF

Berlin. Frauen sollen nicht den Führerschein, sondern Kinder machen. Und wenn sie noch nicht unter der Haube sind, heißen sie „Fräulein“. Viel geändert hat sich nicht seit „Ku'damm 56“, der ZDF-Familien-Saga um die sittenstrenge Tanzschulbetreiberin Caterina Schöllack und ihre drei Töchter Monika, Eva und Helga. Auch in der Fortsetzung, die drei Jahre später spielt, ringen die jungen Frauen mit ihren persönlichen Lebensumständen und suchen ihren Weg in der erstarrten Gesellschaft der späten 50er.

So beginnt „Ku'damm 59“ mit einer Szene, die zeigt: Sitte und Anstand sind alles in der Nierentisch-Republik, die die Gräuel des Krieges vergessen will: Obdachlos und mit einem unehelichen Kind hochschwanger kehrt Tänzerin Monika Schöllack (Sonja Gerhardt) zu ihrer Mutter Caterina (Claudia Michelsen) zurück und bettelt um Hilfe. Doch die („Ich mache mich nicht zum Gespött der Leute“) lässt sie im Regen stehen. Sie löst das Problem auf ihre Weise: Als Monika nach der Geburt der kleinen Dorli aus der Narkose aufwacht, ist das Kind weg. Monikas Schwester Helga und ihr Mann Wolfgang wurden zu den Pflegeeltern bestimmt. Praktisch: Das Arrangement hilft Helga, eine glückliche Ehe mit ihrem heimlich schwulen Mann vorzutäuschen. Doch Monika gibt ihr Kind nicht auf.

Viele starke Momente

Liebe, Dramen, Intrigen: „Ku'damm 59“ braucht nicht lange, um den Zuschauer in den schaurig schönen Mief der 50er Jahre in West-Berlin zu ziehen. Die Fortsetzung beschreibt mit leichter Hand und in Weichzeichner-Optik eine Gesellschaft auf dem zaghaften Weg zur modernen Gesellschaft. Regisseur Sven Bohse und Drehbuchautorin Annette Hess scheinen dabei oft knapp an einer Pettycoat- und Rock'n'Roll-Romantik vorbeizuschrammen. Doch das täuscht, es gibt viele starke Momente.

Dies auch Dank toller Schauspieler wie Sonja Gerhardt oder Heino Ferch, der als strammer Nervenarzt Prof. Fassbender seine Frau Eva im Bett so mechanisch bespringt wie ein Sturmpanzer. Das wirkt auf den ersten Blick komisch, ist aber bitterernst und traurig.

Auch sonst zeigt der Film, dass die Probleme der 50er längst nicht alle überwunden sind: Der schmierige Regisseur Kurt Moser (Ulrich Noethen) nutzt seine Machtposition, um Monika sexuell zu attackieren. Solche Übergriffe werden heute in der #MeToo-Bewegung diskutiert – immer noch.

„Ku'damm 59“ hat vielleicht nicht die Tiefe wie das Kriegsdrama „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder die Breite des DDR-Epos' „Weißensee“. Aber der Dreiteiler zeichnet ein feines Bild und glänzt mit Atmosphäre und Zeitkolorit. Man darf gespannt sein, wann „Ku'damm 68“ folgt.

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Erstellt:
16. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. März 2018, 06:00 Uhr

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