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Katastrophe mit Kunstblut

Medizinstudenten bei Notfallübung unter Zeitdruck

30 Laiendarsteller, Explosionen vom Band und jede Menge Kunstblut – 54 Medizinstudenten mussten gestern bei einer Übung des Instituts für Katastrophenmedizin bewerten, wie schwer ihre Patienten verletzt waren.

27.09.2012
  • Jannik Euteneuer

Pfrondorf. Das Gesicht von Norbert Moosburger ist mit blutigen Kratzern übersät, Minuten zuvor haben ihn nach einer Gasexplosion unzählige Metallsplitter im Gesicht erwischt. „Können Sie aufstehen und hier raus gehen?“, fragt ihn Studentin Sophie Mack, während sie sich neben ihn kniet, um die Verletzungen zu betrachten. Laufen könne er, antwortet Moosburger durch seine vor das Gesicht gepressten Hände, „aber ich kann gar nichts sehen.“ In dem dunklen Raum liegen noch mehr Verletzte, direkt neben Moosburger schreit eine Frau mit Verbrennungen am Unterarm um Hilfe. Moosburger bekommt von der Studentin eine gelbe Karte um den Arm gebunden, dann eilt sie mit ihrer Kollegin Julia Messerer zum nächsten Verletzten.

Die beiden nehmen am Dienstagnachmittag zusammen mit 52 anderen Medizinstudenten an einer Notfallübung des Instituts für Katastrophenmedizin teil. In der Pfrondorfer Schönbuchhalle sollen die Nachwuchsmediziner nach einer fiktiven Gasexplosion die Opfer untersuchen und danach einteilen, wie schwer sie verletzt sind.

Wer noch laufen kann, bekommt ein grünes Kärtchen. Verletzten, die nicht sofort versorgt werden müssen, wird eine gelbe Karte um den Arm gebunden, rot gibt es, wenn die Verletzungen lebensbedrohlich sind. Dabei gehen die Studenten in Zweier-Gruppen vor: Einer arbeitet am Patienten, der andere geht Punkt für Punkt eine Checkliste durch.

Kurze Zeit später sitzen Mack und Messerer auf dem blauen Boden der Turnhalle. 14 Patienten haben sie in knapp sieben Minuten untersucht. „Es war wirklich authentisch und stressig“, sagt Messerer. Mack fügt hinzu: „Ich hab wirklich gedacht: ‚Jetzt ist es ernst, jetzt muss es laufen.‘“

Notarzt Tobias Kees hat die beiden während der Übung beobachtet und ist zufrieden mit dem, was er gesehen hat. „Ganz wichtig fand ich, dass ihr in dieser Stresssituation noch mit den Patienten gesprochen habt“, sagt er. „Und es war gut, dass ihr die Leute, die gehen konnten, erst mal rausgeschickt habt.“

Um die Studenten ins Schwitzen zu bringen, haben sich dreißig Laienmimen von dem Schminktrupp „Die Realistischen Notfalldarsteller“ herrichten lassen. In den Gängen der Halle finden sich zahlreiche Verletzte mit blutenden Bauchwunden, Verbrennungen an Armen und Beinen oder Gesichtsverletzungen. Zudem dröhnen aus den Lautsprechern der Halle Hilferufe und wiederholte Explosionen, auch die Darsteller tragen durch Schmerzensschreie zur Geräuschkulisse bei.

Medizinstudenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen an der Tübinger Sommerakademie für Katastrophenmedizin und humanitäre Hilfe teil. „Im Rahmen des normalen Medizinstudiums kommen diese Inhalte oft zu kurz“, erklärte Jan Grundgeiger vom Institut für Katastrophenmedizin. In der Schönbuchhalle sollten die Studenten das, was sie in den Tagen zuvor gelernt haben, anwenden. „Es ist laut, es sind viele Patienten zu versorgen“, sagte Grundgeiger. „Da kommt dann bei den Teilnehmern ein wenig Stress auf.“

Gasexplosion mit 30 Verletzten: Medizin-Studierende üben in Pfrondorf für den

© Video: Meissner 03:22 min

Insgesamt 54 Medizinstudenten und -studentinnen besuchen in dieser Woche die Sommerakademie des Instituts für Katastrophenmedizin. „Wir hatten etwa doppelt so viele Bewerbungen für die Veranstaltung“, sagt Jan Grundgeiger vom Institut. Der Besuch des Lehrgangs ist nicht in den Lehrplänen der Studenten vorgesehen und geschieht auf eigene Initiative. Die Teilnahme kostet 250 Euro. „Wir haben keinen Geldgeber, der die Woche finanziert“, sagt Grundgeiger. Daher müsse man die Kosten auf diese Weise decken. Dafür bietet das Institut ein umfangreiches Programm an. Vorträge über die Grundlagen der Katastrophenmedizin oder die Absicherung im Ausland stehen ebenso auf dem Plan, wie die praktische Übung in Pfrondorf.

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27.09.2012, 12:00 Uhr

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