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Leitartikel · IS

Mehr Härte zeigen

Von Martin Gehlen, Kairo So herzbewegend die weltweite Anteilnahme, so grauenhaft das nächtliche Massaker des "Islamischen Staates" in Paris, diese Untaten stehen nicht allein. In den letzten vier Wochen gingen eine Serie von Attentaten voraus, deren Horror für die betroffenen Nationen Türkei, Ägypten, Russland und Libanon genauso erschütternd war wie jetzt für Frankreich.

16.11.2015

Von SWP

Zu den Opfern gehörten Teilnehmer einer politischen Großkundgebung, Urlauber am Roten Meer und abendliche Beter einer schiitischen Moschee.

Der "Islamische Staat" ist keine religiöse Sekte. Er versteht sich als dschihadistisches Staatsprojekt, dessen Terrorradius sich inzwischen über Kontinente ausdehnt, und dessen Zellennetz wie ein Krebsgeschwulst metastasiert. Ihre Anhänger träumen von einer islamischen Utopia, wie sie angeblich zu den goldenen Zeiten des Propheten Mohammed existierte. Egal ob Ankara, Sharm el-Sheikh, St. Petersburg, Beirut oder Paris, dazu ist ihnen mittlerweile kein Ort zu weit und jedes Mittel recht. Die Kalifatskrieger haben globale Ambitionen, die Bekennerschreiben im Internet verfassen sie in sieben Sprachen. Mit ihren Kalaschnikows und Sprengstoffgürteln nehmen sie alle gleichermaßen ins Visier - moderate Mitmuslime und religiöse Minderheiten, staatliche Institutionen und plurale Gesellschaften. Ihre militärischen Fähigkeiten sind, so befürchten Terrorfachleute, denen von Eliteeinheiten mittlerweile ebenbürtig. Und der apokalyptische Todeskult macht ihre Täter bis zum letzten Atemzug unfassbar kaltblütig und monströs.

Besiegen lässt sich das "Islamische Kalifat" nur, wenn seine dschihadistische Staatsbasis zerstört, sein mesopotamisches Herrschaftsgebiet erobert und sein Steinzeit-Islam ideologisch austrocknet wird. Doch das ist leichter gesagt als getan. In den IS-Kernlanden Syrien und Irak fehlen dafür fast alle Voraussetzungen. Die irakische Armee ist nur noch ein hohles Gerippe. Assads syrische Armee lässt die Dschihadisten weitgehend unbehelligt, weil diese ihnen andere Rebellengegner vom Hals halten. Gleichzeitig wird die militärische Lastenverteilung in der nahöstlichen Region immer skandalöser. Wirklich Krieg gegen den IS führen mittlerweile nur noch amerikanische Kampfjets in der Luft und kurdische Truppen am Boden. Frankreich und Australien sind symbolisch dabei. Russland und der Iran verteidigen vor allem ihren Schlächter-Schützling Assad. Die anderen Regionalmächte dagegen halten sich weitgehend heraus. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate konzentrieren sich auf ihren Bombenfeldzug im Jemen. Die Türkei greift lieber PKK-Stellungen an. Die von Ankara versprochene Pufferzone im syrisch-türkischen Grenzgebiet, die die letzte große Nachschubtrasse der Gotteskrieger kappen könnte, lässt weiter auf sich warten.

Und so erweist sich die vor gut einem Jahr ausgerufene internationale Strategie als zunehmend wirkungslos, den IS von außen und aus der Luft zu schwächen, seine Einnahmen aus dem Öl- und Antikenhandel zu dezimieren sowie den Zustrom von ausländischen Dschihadisten zu erschweren. Spätestens seit der Mordnacht von Paris dürfte der zivilen Welt in Ost und West, in Orient und Okzident klar geworden sein, dass sie dieser Mixtur aus religiöser Verblendung, globalem Zivilisationshass und militärischer Präzision weitaus härter entgegentreten muss als bisher. Bundespräsident Joachim Gauck spricht sogar von einer neuen Art von Krieg. Von dessen Dimensionen erhielt die Menschheit in den vergangenen Wochen eine schreckliche Vorahnung.

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Erstellt:
16. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. November 2015, 12:00 Uhr

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