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Kommentar

Mehr Mut im Minijob

Minijobs wurden einmal als Mittel gegen Schwarzarbeit ersonnen. Vor allem wollte man die Dunkelzone der Haushaltstätigkeiten mit ihnen ausleuchten. Schwarzarbeitende Reinigungskräfte, nicht angemeldete Kinderfrauen oder ganz privat kassierende Altenbetreuerinnen sollten nun legal arbeiten können. Ihre spärlichen Einkünfte müssen sie zwar nicht mehr versteuern, aber sie sind nicht sozialversichert und nur freiwillig rentenversichert. Der Arbeitgeber aber kann die Ausgaben steuerlich absetzen.

27.07.2012

Rund zehn Jahre später scheint der Minijob eine echte Erfolgsgeschichte zu sein. In manchen Branchen ist er fast die Form der Beschäftigung geworden. In der Gastronomie, bei den Kurierdiensten und auch im Einzelhandel ist das so. Nehmen wir nur den Einzelhandel, da war im Jahr 2009 jede – die weibliche Form ist hier durchaus angebracht, weil sie die dominante ist – Dritte in einem Minijob oder geringfügig beschäftigt.

Man kann davon ausgehen, dass der geringfügige Lohn kein Zusatzverdienst ist, um sich den exquisiten Friseur, noch ein Paar Schuhe oder einen weiteren Urlaub zu gönnen. Und in der Regel ist er auch nicht das Surplus, das den Lohn des Hauptjobs zum familiengerechten Einkommen wachsen lässt.

Für zwei Drittel der Minijobberinnen sind die 400 Euro die Haupteinkommensquelle, so steht es jedenfalls in einem „Ratgeber für atypische Beschäftigung“, den die Gewerkschaft Verdi herausgibt. 400-Euro-Kräfte können damit ihr Arbeitslosengeld aufstocken. Was den Minilohn nochmal minimiert, aber wenn‘s eine Brücke in eine richtige Beschäftigung werden sollte, kann sogar ein Dumpinglohn attraktiv sein.

Nun, wir hätten gerne Minijobber nach ihren „Aufstocker“-Erfahrungen befragt, aber Minijobber stehen für Interviews nicht so einfach zur Verfügung. Schnell fühlen sie sich ausgehorcht, weil sie vielleicht doch einen etwas eigenwilligen Weg des „Jobsharings“ gewählt haben.

Selbst diejenigen, die sich über zu lange Arbeitszeiten aufregen, sich vom Arbeitgeber reingelegt fühlen, weil ihnen unbezahlte Zusatzarbeiten aufgebrummt werden und die innerlich oder gar schon richtig gekündigt haben, trauen sich nicht an die Öffentlichkeit. Dabei drängt sich doch die Frage auf: Was hat jemand bei einem Stundenlohn von 6,66 Euro und nur grob geregelten Arbeitszeiten denn groß zu verlieren? Vermutlich sind die 400 Euro bei manchen der letzte Puffer, der vorm Absinken in die sichtbare Armut bewahrt.

Nicht jeder Minijobber ringt mit prekären Verhältnissen, dennoch ist auch bei Studierenden die Bereitschaft, schlecht bezahlte Arbeit in Kauf zu nehmen groß. Wo man auch hinguckt und wo man auch nachfragt, ob in Imbissen, in denen oft im gnadenlosen Akkord gearbeitet wird, an Supermarktkassen und selbst im kirchlichen Umfeld – niemand will namentlich mit einem 400-Euro-Job in Verbindung gebracht werden. Das lässt die vermeintliche Erfolgsgeschichte Minijob in wenig strahlendem Licht erscheinen: Geringfügige Beschäftigungen steht für gering geschätzt.

Mehr Mut wäre dennoch gut: Wer aufmuckt, kann zwar schnell ersetzt werden, aber ein schlecht bezahlter Job ist ebenfalls leicht austauschbar.

Ulla Steuernagel

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27.07.2012, 12:00 Uhr

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