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Früherer Botschafter John Kornblum sieht USA vor neuer Blüte

Mehr Partnerschaft und weniger Vorurteile

Ist Amerika eine ehemalige Großmacht, deren wirtschaftliche und politische Kraft schwindet? Keineswegs, es ist lebendiger denn je, sagt John Kornblum. Der frühere US-Botschafter in Deutschland warb gestern in Tübingen erst beim Redaktionsbesuch und dann beim Vortrag zum Jubiläum des Deutsch-Amerikanischen Instituts (DAI) für mehr wechelseitiges Verständnis. Das sei für die Herausforderungen einer neuen Weltordnung wichtig.

27.11.2012
  • Gernot Stegert

Tübingen. Knapp 300 Zuhörer begrüßte Kreissparkassen-Vorstandsvorsitzender Christoph Gögler am frühen Abend im Carrée. Sie kamen zum „würdigen Abschluss unseres DAI-Jubiläumsjahres“, wie Regierungspräsident Hermann Strampfer als Vorsitzender der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Vortrag und Diskussion mit John Kornblum nannte. Zuvor hatte der sich bereits Zeit für ein Gespräch mit Universitätsrektor Bernd Engler und für einen Besuch in der Redaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS genommen.

Einen persönlichen Bezug zu Tübingen hat der Amerikaner mit Vorfahren in Ostpreußen zwar nicht. Aber Kornblum war schon mehrfach in der Universitätsstadt. Um das Deutsch-Amerikanische Institut zu besuchen. Zu dessen 60. Geburtstag kam der ehemalige Diplomat gestern gerne an den Neckar, lobte das DAI und die Direktorin Ute Bechdolf. Der 69-Jährige hatte seine internationale Laufbahn einst selbst in Hamburg in einem Amerikahaus begonnen. Diese Einrichtung hält Kornblum trotz Internet und elektronischer Netzwerke keineswegs für überholt: „Wir brauchen den menschlichen Kontakt für das bessere gegenseitige Verständnis.“

Womit der Pfleger internationaler Beziehungen bei einem seiner Hauptthemen war: Europäer und Amerikaner sollten einander erst verstehen und erst dann kritisieren. Verzerrte Wahrnehmungen stünden sich „in guter alter Tradition“, wie Kornblum ironisch-süffisant anmerkte, gegenüber – etwa oberflächlich und kompliziert, sozial kalt und sozialistisch. Das müsse überwunden werden zugunsten der Partnerschaft, die Kornblum so beschrieb: „Der Atlantik trennt nicht mehr die Kontinente, sondern ist ein Binnensee.“ Der ehemalige Botschafter beschwor geradezu die gemeinsamen politisch-philosophischen Grundlagen und politischen Interessen in einer sich neu ordnenden Welt. Angesichts derer würden unterschiedliche Ansichten unbedeutend und sollten nicht mehr dauernd betont werden.

Die Deutschen hält er zwar nicht mehrheitlich für undankbar. Aber er findet es schade, wenn viele die Deutsche Einheit vergessen, wie er es empfindet. Auch wünscht er sich mehr Verständnis für die Bedeutung des Militärischen. Von „Grenzen des Politischen“ mag der erfahrene und erfolgreiche Diplomat zwar nicht sprechen. Aber: „Man braucht verschiedene Elemente. Da mache ich mir Sorge, dass die Europäer dieses Prinzip vergessen haben. Europa ist in der internationalen Sicherheitspolitik mehr oder weniger nicht mehr anwesend, weil es das militärische Element vernachlässigt hat.“ Da schwingt auch Enttäuschung mit: „Wir Amerikaner haben das Gefühl, dass nur wir für die internationale Ordnung sorgen und dann auch noch dafür kritisiert werden. Das ist kein gutes Fundament für eine Partnerschaft.“ Was nicht heiße, das es keine berechtigte Kritik an Amerika gebe.

In ruhigem Ton und mit freundlichem Gesicht wirbt Kornblum für eine gemeinsame Weltverantwortung von „Transatlantika“. Die sei dringender denn je. Denn der 69-Jährige sieht eine „revolutionäre Veränderung der Welt“, ein „Erdbeben“, eine „neue Zeit“ gekommen. „Wir müssen die Welt neu vermessen“, forderte er. Große Worte, gelassen und nett ausgesprochen.

Kornblum zählte drei Punkte auf: Verändert hätten sich Technik, Wissenschaft und Internet. Die Grenzen der Nationalstaaten verlören durch die Globalisierung an Bedeutung. Und Führungsstrukturen veränderten sich – am weitesten sei da bereits die Wirtschaft mit ihrer weltweiten Vernetzung – besonders Firmen aus Baden-Württemberg wie Bosch, Mercedes und Porsche.

Das sei Vorbild für die Politik: „Wir werden uns von den Organisationsprinzipien des Eisen-und-Stahl-Zeitalters lösen müssen.“ Weg von Kommandostrukturen, von hierarchischen Entscheidungsprozessen hin zu Netzstrukturen. Kornblums Hände zeichneten das Gesagte in der Luft nach. Erst ging die rechte Hand von oben nach unten („top down“), dann bewegte der rhetorisch Gewandte beide Hände auf einer Ebene. Dazu machten die Finger Wellenbewegungen, die das Wuseln, die Aktivität versinnbildlichen.

Die Euro-Krise sei sogar hilfreich: „Sie ist für Europa gut. Denn sie beweist, dass die alten Strukturen nicht mehr taugen.“ Konkret bedeute das: Nicht ein großer Stabilitätspakt, „der aussieht, als ob man ein Land rettet“, sondern viele kleinere Maßnahmen. Kornblum hält eine Hilfe über bestehende EU-Strukturen und Fördertöpfe und eine gemeinsame Finanzpolitik für besser als Rettungsinterventionen, die zudem ein ungutes Oben und Unten von Helfer und Empfänger bedeuten.

Die USA sieht Kornblum vor einer „neuen Blüte“. Denn: „Wir haben sehr viele gut ausgebildete und ehrgeizige junge Menschen, wir haben sehr viele Einwanderer, auch aus Europa. Und es gibt in der Medizintechnik, in der Mikroelektronik und sogar der Schwerindustrie große Fortschritte.“ Amerika gehe immer wie in einer Achterbahn hoch und runter, jetzt gehe es wieder aufwärts.

Auch politisch ist der 69-Jährige optimistisch. Zwar sei die Rede vom „mächtigsten Mann der Welt“ im Weißen Haus etwas floskelhaft: „Der amerikanische Präsident ist von der Verfassung gar nicht so mächtig“, erläuterte Kornblum, „aber er ist der Führer des mächtigsten Landes der Welt. Und das wird es auf absehbare Zeit auch bleiben.“

Im Gespräch zeigte sich Kornblum wie aus dem Fernsehen bekannt als humorvoller Botschafter seiner Sache. Als Diplomat musste er sich Witze verkneifen: „Ich habe gelernt, dass man in einem anderen Land in einer Fremdsprache keinen Humor versuchen soll. Da kann man auf die Nase fallen.“ Doch schon damals diente vor allem der sarkastische Humor unter Kollegen „als Ventil“. Besonders schätzt der Amerikaner die Selbstironie der Briten. Doch soll auch in diesem Punkt kein Vorurteil gelten: „Es gibt sehr viel Humor in Deutschland.“

Mehr Partnerschaft und weniger Vorurteile
John Kornblum beim Besuch in der TAGBLATT-Redaktion.

John C. Kornblum wurde 1943 in Detroit geboren. Er hat deutsche Vorfahren und war in seiner langen Karriere als Diplomat immer wieder in Deutschland tätig. 1987 bereitete er als Stellvertretender amerikanischer Stadtkommandant in Berlin den Besuch von US-Präsident Ronald Reagan vor und schrieb ihm den berühmten Satz „Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“in die Rede am Brandenburger Tor. Der Diplomat arbeitete bei der Nato, war Botschafter bei der KSZE und gestaltete den Friedens-Prozess von Dayton mit. 1997 bis 2001 war Kornblum Botschafter der USA in Berlin. 2001 bis 2009 arbeitete er als Deutschland-Chef derInvestment-Bank Lazard. Seitdem ist er als Berater tätig und sitzt in Aufsichtsräten auch deutscher Konzerne wie Bayer und Thyssen-Krupp.

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27.11.2012, 12:00 Uhr

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