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Tierversuche müssen auch rückblickend bewertet werden

Mehr Transparenz bei erfolglosen Experimenten / Tiere haben ein Recht auf respektvolle Behandlung

In Ethik und Recht besteht heute Konsens darüber, dass Tiere nicht nur als Instrumente für die Interessen und Bedürfnisse der Menschen behandelt werden dürfen.

26.09.2014
  • Prof. Dr. Eve-Marie Engels

Tübingen. Darüber hinaus haben wir ihren Eigenwert, ihren intrinsischen Wert (EU-Tierversuchsrichtlinie 2010) zu achten, die „Würde der Kreatur“ (Verfassung der Schweiz) anzuerkennen, „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“ (unser Tierschutzgesetz). Bei uns sind Tiere nicht nur durch das Tierschutzgesetz, sondern seit 2002 auch durch die Verfassung geschützt (Art.20a GG).

Mehr Transparenz bei erfolglosen Experimenten / Tiere haben ein Recht auf respektvolle Behandlung
Eve-Marie Engels: Tiere sind durch das Grundgesetz geschützt.

Für die Anerkennung dieser Schutzwürdigkeit sind Selbstbewusstsein, Vernunft und Sprache seitens der Tiere keine Voraussetzung. Es genügt, dass Tiere schmerz- und leidensfähig sind, um ihren Schutz vor Schädigungen durch den Menschen ethisch und rechtlich begründen zu können. Verfügen Tiere darüber hinaus noch über gesteigerte kognitive und soziale Fähigkeiten, welche ihre Erfahrungsdimension und damit das Spektrum und die Intensität von Freud und Leid erweitern, wie dies für Primaten gilt, sollte dies als weiteres Argument für einen strengen Tierschutz in die Waagschale gelegt werden.

Ich verfolge die Debatten um die Affen-Versuche am Max-Planck-Institut (MPI) seit der Sendung „Stern-TV“. Die Bilder haben mich tief berührt und bei mir Mitleid, Unverständnis und Erschrecken ausgelöst. Mitleid, weil das Leiden der Tiere offensichtlich ist und es sich in ihrem gesamten Verhalten äußert. Unverständnis, weil ich nicht begreife, dass der schlechte Zustand der Tiere dort nicht früher bemerkt wurde. Erschrecken darüber, dass dies noch in einem Land möglich ist, das seit längerem für seine strengen Tierschutzbestimmungen bekannt ist. Allerdings sollte die Auseinandersetzung über Tierversuche nicht gewalttätig, sondern in sachlichen Bahnen verlaufen. Drohungen gegenüber Forschern verbieten sich und sind keine Lösung für die Bewältigung von Konflikten, in denen sich unterschiedliche gesellschaftliche Wertungen äußern.

Tiere haben einen Eigenwert und ein Recht auf eine respektvolle Behandlung, auch wenn sie diese nicht selbst einfordern können und dafür Advokaten brauchen. Dieser Eigenwert sollte respektiert werden und der Verfügung des Menschen über Tiere Grenzen setzen. Auch bei der Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke sollte der Eigenwert der Tiere den Maßstab für unser Verhalten ihnen gegenüber bilden und die Richtung für eine tiergerechte Behandlung weisen.

Im Kontext von Tierversuchen bedeutet dies, dass die Gesamtbelastung des Tieres während des gesamten Zeitraums seiner Nutzung, auf dem Weg zum Labor, während des Trainings, des Tierversuchs und danach so gering wie möglich zu halten ist. Ist diese Bedingung bei den neurophysiologischen Untersuchungen, mit denen wir es hier zu tun haben, erfüllt? In dem TAGBLATT-Artikel vom 18. September „Keine Hinweise auf Verstöße“, in dem sich der Direktor des Göttinger Primatenzentrums, Prof. Stefan Treue, zur Situation der Versuchstiere am MPI äußert, werden die operativen Eingriffe in den Schädel der Tiere, die den eigentlichen tierexperimentellen Messungen vorausgehen, beschrieben. Dabei könne es durchaus zu Entzündungen der Wunde und Nachblutungen kommen. Bei der Einführung der Elektroden ins Gehirn sei auch die Verletzung von Blutgefäßen des Gehirns möglich.

Darüber hinaus ist allgemein bekannt, dass die Affen für die Versuche lange trainiert werden, während der Experimente im Affenstuhl fixiert sind und viele Stunden lang hintereinander mit Blick auf einen Monitor Aufgaben lösen müssen. Hinzu kommt der Wasserentzug, wenn sie nicht mitarbeiten. Da die Tiere jahrelang in solchen Versuchen genutzt werden, sind sie einer vielfältigen Gesamtbelastung ausgesetzt.

Damit stellt sich die Frage nach der „ethischen Vertretbarkeit“ solcher Tierversuche, die vom Tierschutzgesetz für Versuche an Wirbeltieren und Kopffüßern verlangt wird (§ 7a). Steht die Schwere der Belastung der Versuchstiere in einem angemessenen Verhältnis zum Ertrag dieser Tierversuche? Prof. Marcel Leist, der den deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für Alternativen zu Tierversuchen hat, weist in seinem Interview vom 19. September darauf hin, dass der Erfolg dieser Versuche im Hinblick auf eine spätere therapeutische Anwendung beim Menschen ungewiss ist.

Eine gewisse Ambivalenz sehe ich in der Einstellung der Forscher zu ihren Versuchstieren. Versuche an Affen werden durchgeführt, weil diese Tiere dem Menschen, der auch zur biologischen Ordnung der Primaten gehört, besonders ähnlich sind. Für die Möglichkeit der ethischen Rechtfertigung dieser Versuche muss jedoch von dieser Ähnlichkeit abstrahiert werden.

Zu den ethisch relevanten und auch gesetzlich geforderten Aufgaben bei Tierversuchen gehört nicht nur die prospektive Abschätzung der Belastung der Tiere vor dem Experiment im Rahmen der Antragstellung, sondern auch die Feststellung ihrer tatsächlichen Belastung. Bei Versuchen an Primaten und schwer belastenden Tierversuchen ist auch die rückblickende Bewertung des Tierversuchs vorgeschrieben.

Aus ethischer Sicht sollte eine rückblickende Bewertung der Tierexperimente auch bei anderen Tierarten durchgeführt werden. Nur so lässt sich das international anerkannte Prinzip der 3R (Replacement, Reduction, Refinement, das heißt Vermeidung, Verminderung und Verbesserung) bei Tierversuchen realisieren. Auch sollte es zum Schutz von Tieren mehr Transparenz in Bezug auf erfolglose Tierversuche geben. Es wäre wünschenswert, wenn in Publikationen auch über die erhofften, aber nicht realisierten Ziele berichtet würde, um belastende Verdoppelungen zu vermeiden.

Auf jeden Fall ist die Suche nach Alternativen zu Tierversuchen eine ethische Verpflichtung und sollte verstärkt werden. Tierversuche dürfen nicht zur Routine werden. „Gerade dadurch, dass das Tier als Versuchstier in seinem Schmerze so Wertvolles für den leidenden Menschen erworben hat, ist ein neues, einzigartiges Solidaritätsverhältnis zwischen ihm und uns geschaffen worden.“ (Albert Schweitzer)

Allerdings sollten unsere Einstellung gegenüber Tieren und unser Umgang mit ihnen auch in anderen Kontexten sensibilisiert und verbessert werden. Wenn wir den Respekt vor dem Eigenwert von Tieren im Kontext der Forschung einfordern, so hat dies auch für unsere Ernährung und andere Bereiche der Nutzung von Tieren zu gelten. Denn die Würde des Tieres ist nicht teilbar.

Zur Person: Prof. Dr. Eve-Marie Engels, Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften, Fachbereich Biologie der Universität Tübingen

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