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Weniger Gewaltdelikte

Mehr Wirtschaftsverbrechen in der Rottenburger Kriminalstatistik

Beim kommenden Neckarfest wird es im Schänzle weniger Musikbühnen geben. Das ist eine der Konsequenzen aus der Rocker-Rempelei im Juni. Auf die Rottenburger Kriminalstatistik hat das Neckarfest dagegen wenig Einfluss. Heikler ist die Fasnet.

23.09.2010
  • michael hahn

Rottenburg. Nur noch 59 schwere Gewaltdelikte verzeichnet die Rottenburger Kriminalstatistik für das vergangene Jahr – deutlich weniger als früher (siehe Grafik). „Das ist sehr wenig für eine Stadt mit 42 000 Einwohnern“, sagte Hans-Peter Tausch, als er am Dienstag die Statistik im Gemeinderat vorstellte. Tausch leitet das Rottenburger Polizeirevier, das für die gesamte westliche Hälfte des Landkreises Tübingen zuständig ist (von Bodelshausen bis Ammerbuch).

Mehr Wirtschaftsverbrechen in der Rottenburger Kriminalstatistik
59 Gewaltdelikte wurden im vergangenen Jahr in der Großen Kreisstadt Rottenburg verübt, die meisten davon gefährliche oder schwere Körperverletzungen. Im Vergleich zu 2006 war das nur noch etwas mehr als die Hälfte. Auch im Zehn-Jahres-Vergleich weist der Trend langsam nach unten.Grafik: Polizei

Die Gewaltkriminalität ging in den vergangenen Jahren auch überregional zurück. In Rottenburg gibt es noch einige Sonder-Faktoren. Tausch nannte ein Beispiel: „Insbesondere an der Fasnet schreiten wir äußerst konsequent ein. Wenn jemand betrunken ist, dann nüchtern wir ihn aus. Da gibt es keine Diskussionen.“

Die Zahl der einfachen Körperverletzungen (diese sind nicht in der abgebildeten Grafik verzeichnet) ist in Rottenburg allerdings leicht angestiegen. Geradezu sprunghaft nahm die Zahl der Wirtschaftsdelikte zu, vor allem beim Internet-Betrug. Der größte Teil dieses Anstiegs geht allerdings auf das Konto eines einzigen Rottenburger Unternehmens. Die Gesellschafter der insolventen Firma „Haus der Immobilie“ sollen in mindestens 580 Fällen Mietkautionen und Instandhaltungsrücklagen veruntreut haben (wir berichteten). Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Besonders erfreulich für Tausch: Die Zahl der Wohnungseinbrüche in der Großen Kreisstadt sank im vergangenen Jahr auf zehn Vorfälle. Früher waren es manchmal mehr als 30 im Jahr. Auf diese Form der Kriminalität achtet die Tübinger Polizeidirektion besonders, betonte deren Leiter Thomas Züfle in der Gemeinderatssitzung. Denn die Opfer leiden oft schwer an den Folgen – weniger materiell als psychisch. Züfle: „Man fühlt sich in der eigenen Wohnung nicht mehr sicher.“ Manche Bewohner machen es den Einbrechern aber auch leicht: „Die Hauptursache sind gekippte Fenster im Erdgeschoss.“

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Hans-Peter Tausch

Wenn ein Einbruchsverdacht gemeldet wird, schickt die Polizei sofort eine Streife los, sagte Züfle. „Da lassen wir alles stehen und liegen.“ Manche andere Anrufe werden erst später abgearbeitet – wegen Personalmangels. „Wir müssen disponieren wie bei einer Spedition.“ Das gilt auch für das Rottenburger Revier (mit seinen drei Posten in Ergenzingen, Bodelshausen und Entringen). Revierleiter Tausch verfügt theoretisch über 70 Stellen. Davon seien derzeit aber nur 57 besetzt.

Dünn ist die Personaldecke derzeit auch bei größeren Einsätzen. „Wir kriegen kaum noch Bereitschaftspolizei, weil wir in Stuttgart eine Großbaustelle haben“, sagte Züfle mit Blick auf „Stuttgart 21“.

Beim Neckarfest Ende Juni bekam die hiesige Polizei aber schnell Verstärkung. Revierleiter Tausch habe damals „absolut richtig gehandelt“, bekräftigte Züfle, als er sofort „Rocker-Alarm“ auslöste. Wie berichtet, standen sich am späten Samstagabend im Schänzle plötzlich zwei große Rockergruppen (Hells Angels und Gremium MC) gegenüber. Dass es damals nur bei einer Rangelei mit zwei Leichtverletzten blieb, lag laut Züfle an der „Übermacht“ der Polizei. Am Tag darauf stellte die Polizei sogar eine scharfe Pistole sicher.

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Thomas Züfle

Ansonsten seien Rocker in Rottenburg kein Problem. Die Gruppe „German Brotherhood“ in Obernau sei „polizeilich unauffällig“, betonte Züfle, und habe mit den großen Rocker-Verbänden nichts zu tun. Insgesamt wohnen 20 polizeibekannte Rocker im Landkreis Tübingen; die meisten sind Mitglieder des „Gremium MC“ (mit Vereinslokal bei Gomaringen).

Fürs kommende Neckarfest plant Oberbürgermeister Stephan Neher „größere Veränderungen“ im Schänzle, sagte er im Gemeinderat. „Wir werden die bisherige Bühnendichte dort nicht mehr zulassen.“ Im Schänzle reihte sich bei den bisherigen Festen eine Musik- und Disko-Bühne an die andere – mit dem entsprechenden Gedrängel. Archivbilder: Mozer, Sommer

Züfle und Neher sind miteinander versöhnt

„Ich habe mich wirklich geärgert“, sagte der Tübinger Polizeichef Thomas Züfle über seine Reaktion, als er am Tag nach dem jüngsten Neckarfest das TAGBLATT las. Denn damals hatten der Rottenburger OB Stephan Neher und Bürgermeister Volker Derbogen den Polizeieinsatz gegen die Rocker als „unverhältnismäßig“ bezeichnet.

Dafür wurde Neher in zahlreichen Leserbriefen und in nicht-öffentlicher Sitzung im Gemeinderat heftig kritisiert. Wie berichtet, fuhr Neher daraufhin zu einem Gespräch mit Züfle in die Tübinger Polizeidirektion.

Der Ärger des Tübinger Polizeichefs ist mittlerweile verraucht. Am Dienstag sagte er nur: „Es hat damals Friktionen gegeben.“ Aber mittlerweile „passt kein Blatt mehr zwischen uns. Das ist fast wie in einer guten Ehe.“ Auch der Gemeinderat verspürte offensichtlich keine große Lust mehr, über das Thema zu diskutieren.

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23.09.2010, 12:00 Uhr

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