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Weitere Urteile im Kokain-Prozess am Tübinger Landgericht

Mehr als elf Jahre Gefängnis für den Chef

Am Tübinger Landgericht wurden gestern zwei Männer und eine Frau zu teils hohen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten gemeinsam mit fünf anderen 130 Kilogramm Kokain von Südamerika nach Engstingen schmuggeln lassen – und waren dabei an einen verdeckten Ermittler geraten.

19.10.2012
  • Jonas Bleeser

Tübingen. Gestern machten sie doch noch einen Deal: Zwei Männer und eine Frau gingen im größten Drogenprozess im Land seit Jahrzehnten auf ein Angebot der Richter ein und erweiterten ihre Geständnisse. Die hatte die Kammer vergangene Woche als zu dürftig für eine Verständigung eingestuft. Im Gegenzug verhängte das Gericht nun jedoch Strafen, die an der unteren Grenze dessen blieben, was das Gesetz bei bandenmäßigem Handel mit derart großen Mengen an Kokain vorsieht.

Die bislang höchste Haftstrafe erhielt ein 44-jähriger Kolumbianer. Er hatte das Geschäft aus dem Hintergrund gesteuert. Gegenüber einem verdeckten Ermittler, der den Transport der Drogen von Antwerpen auf die Schwäbische Alb für ihn übernahm, gab er sich als Europa-Bevollmächtigter seiner Organisation aus. In Kolumbien hatte er Psychologie studiert, mittlerweile betreibt der Vater von zwei Kindern in Madrid eine Auto-Waschanlage. Er bekam elf Jahre und neun Monate Gefängnis.

Ein 46-jähriger Argentinier bekannte sich ebenfalls schuldig. Der studierte Sportlehrer kickte jahrelang in der zweiten Liga Argentiniens – bis ein Kreuzbandriss seiner Laufbahn ein Ende machte. Anschließend habe er im Auftrag eines Spielerberaters südamerikanische Profi-Fußballer in Spanien betreut – unter anderem des FC Barcelona und des FC Sevilla. Er sollte das Umladen des Kokains in Engstingen überwachen. Dafür habe man ihm 20 000 bis 30 000 Euro versprochen – und weitere Jobs dieser Art. Zunächst hatte er angegeben, sein Lohn habe nur aus 1000 Euro bestanden. Auch er hat Familie: Seit einem Jahr ist er Großvater, hat den Enkel jedoch wegen seiner Untersuchungshaft noch nie gesehen. Gestern hatte er Geburtstag: „Mit ihrem Geständnis haben Sie sich selbst das größte Geschenk gemacht“, beschied ihm der Vorsitzende Richter. Der Argentinier muss für acht Jahre in Haft.

Eine 24-jährige Mutter zweier kleiner Kinder wurde nur wegen Beihilfe verurteilt. Sie hatte in Frankfurt ein Blackberry-Mobiltelefon an den verdeckten Ermittler übergeben. Damit sollte der mit den Beteiligten über die Chat-Funktion abhörsicher kommunizieren. Anders als zunächst behauptet, gab die junge Spanierin gestern zu, sehr wohl gewusst zu haben, dass es um ein Drogengeschäft ging. Nach Deutschland geschickt hatte sie ihr Mann. Er war es auch, der das Geschäft mit dem verdeckten Ermittler eingefädelt hatte. Wie sich im Laufe des Verfahrens herausstellte, starb er jedoch bereits im Herbst vergangenen Jahres einen gewaltsamen Tod in Spanien. Die Hintergründe sind unklar. Seine Witwe erhielt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

Das Gericht machte bei den Beteiligten teils hohe kriminelle Energie aus: „Sie wollten großes Geld verdienen“, sagte der Vorsitzende – und das ohne Rücksicht auf die Gesundheitsgefahr für die Konsumenten. Die geschmuggelte Menge hatte laut Anklage einen Straßenverkaufswert von über 50 Millionen Euro. Auch wenn die wahren Hintermänner wohl sicher in Südamerika säßen, seien die Angeklagten „keine ganz kleinen Lichter.“

Durch das Verständigungsangebot mit Verteidigern, Angeklagten und Anklägern wollte die Kammer einen langwierigen Prozess vermeiden. Den allerdings wird es wohl trotzdem geben: Vier weitere Angeklagte ließen sich nicht auf Absprachen ein. Gegen sie wird am Montag weiterverhandelt. Das Gericht geht von einer Verfahrensdauer bis ins kommende Jahr aus.

Richter am Landgericht: Martin Streicher (Vorsitzender), Diana Scherzinger, Thomas Geiger; Schöffen: Horst Schmid, Horst Weisenburger; Staatsanwälte: Bernhard Henn, Nicolaus Wegele; Verteidiger: Walter Bronn, Anke Stiefel-Bechdolf, Bernd Schultheiß Christian Niederhöfer, Thomas Weiskirchner, Antonio Torralba Villaverde.

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19.10.2012, 12:00 Uhr

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