Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Sensibler Kraftkerl

Mehr als nur Schimanski: Zum Tod des Schauspielers Götz George

Götz George hat sie alle gespielt: den „Tatort“-Ermittler Schimanski, den Reporter in „Schtonk“, den Massenmörder.

28.06.2016
  • NADA WEIGELT, DPA

Ulm. Angst vor dem Tod hatte Götz George nicht. „Ich bin da Fatalist. Wenn‘s passiert, passiert‘s“, sagte er einmal auf seine typisch schnoddrige Art. Trotzdem können Fans und Freunde, Kollegen und Wegbegleiter es jetzt kaum fassen. „Einer der größten deutschen Schauspieler, Götz George, ist mit 77 Jahren verstorben: Ich bin sehr traurig“, gestand Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Er sprach wohl vielen aus dem Herzen.

Götz George genoss es zeitlebens, das Raubein zu geben – und das Publikum liebte ihn dafür. 32 Jahre lang stand der Ausnahmeschauspieler mit abgewetztem Parka als ruppiger Ruhrpottkommissar Horst Schimanski vor der Kamera. So einer musste einfach ein krasser Typ sein und möglichst oft „Scheiße“ sagen. So einem verzeiht man das. Kurz vor seinem 75. Geburtstag vor fast drei Jahren gab es noch einmal in aller Öffentlichkeit einen dieser besonderen George-Momente. Als er in Berlin den berührenden, sehr persönlichen Film über seinen Vater Heinrich („George“) vorstellte, ließ er sich zwar aufs Podium bitten, schmetterte vor dem gespannten Premierenpublikum aber jede Frage gnadenlos ab. Sie sei falsch gestellt, dazu könne er nichts sagen und überhaupt sei er nicht der richtige Ansprechpartner. Rumms.

Mit dem gebrochenen Draufgänger aus Duisburg hatte der gebürtige Berliner Fernsehgeschichte geschrieben. Anders als die distinguierten, abgeklärten Herren, die vor und neben ihm in deutschen Krimis ermittelten, verkörperte er 1981 erstmals einen Cop, der mit lockeren Sprüchen, harten Prügeleien und reichlich Bier auf Verbrecherjagd geht. „Was quatschst du mich so blöd an, du Spießer, nur weil ich ,ne Fahne habe?“, raunzte der attraktive Kommissar sein Gegenüber einmal an.

29 „Schimmi“-Folgen liefen zwischen 1981 und 1991 im Rahmen der ARD-Krimireihe „Tatort“. Zweimal war er im Kino zu sehen, und 1997 widmete das Erste seinem erfolgreichen Helden eine eigene Reihe mit dem Kult-Logo „Schimanski“. Der war zwar inzwischen Rentner und hatte einen Gang zurückgeschaltet, der Film war aber immer noch ein Straßenfeger. Allein die erste Folge „Die Schwadron“ sahen fast 13 Millionen Menschen. Im Jahr 2013 war dann Schluss, nach 48 Folgen.

Trotzdem hat sich George nie gern in die Krimischublade stecken lassen. Mit Ehrgeiz, Spielfreude und unglaublicher Vitalität profilierte er sich in seiner langen Karriere als einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler. Er spielte den KZ-Arzt Josef Mengele („Nichts als die Wahrheit“) und einen an Alzheimer erkrankten Busfahrer („Mein Vater“), einen Öko-Aktivisten („Lüg weiter, Liebling“) und einen todgeweihten Staatsanwalt („Nacht ohne Morgen“).

Eine seiner berühmtesten Rollen hatte er als homosexueller Massenmörder Fritz Haarmann in „Der Totmacher“, der 1995 das Filmfestival von Venedig eröffnete. Zugleich bewies er in Satiren wie „Schtonk!“ oder „Rossini“ auch sein komödiantisches Talent. 2007 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt. Erst „George“, der Film über seinen legendären, wegen seiner Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus aber auch sehr umstrittenen Schauspieler-Vater Heinrich George (1893-1946), aber machte deutlich, wie sehr der Sohn zeitlebens von dem „Übervater“ geprägt war – und getrieben.

„Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener“, sagte George in einer ARD-Dokumentation anlässlich seines 75. Geburtstages im Jahr 2013 an die Adresse seines toten Vaters. Von der Lieblingsrolle des Vaters, Goethes Sturm-und-Drang-Stück „Götz von Berlichingen“, hatte er übrigens auch seinen Vornamen. Der kleine Götz ist acht, als der Vater in sowjetischer Gefangenschaft stirbt. Für ihn und den älteren Bruder Jan wird die Mutter Berta Drews zur zentralen Bezugsperson. Selbst Schauspielerin, weckt sie auch in ihrem „Putzi“, wie sie den Sohn bis an ihr Lebensende nennt, die Liebe zum Theater. Mit elf steht er erstmals auf der Bühne, mit 15 hat er neben Romy Schneider seinen ersten Filmauftritt in der Romanze „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“.

40 Hauptrollen auf der Bühne und 120 Kino- und Fernsehfilme folgen – angefangen von den Karl-May-Abenteuern in den 1960er Jahren. Seine physische und psychische Präsenz, seine Wandlungsfähigkeit und sein Rollenverständnis trugen ihm immer wieder gute Kritiken ein. „Ich muss die Figuren inhalieren, anders kann man es gar nicht sagen, ich inhaliere sie, ohne intellektuell darüber nachzudenken“, verriet er einmal.

Er sei in Deutschland nur mehr zum Arbeiten und Steuern zahlen, wie er einmal sagte. Ansonsten zog er sich mit seiner gut 20 Jahre jüngeren Lebensgefährtin Marika Ullrich in sein Refugium auf Sardinien zurück. Schlagzeilen machten ein schwerer Badeunfall 1996 und eine Herzoperation 2007. Vor knapp zwei Jahren verkündete George, er werde sich weitgehend aus dem Filmgeschäft zurückziehen. Er wolle nicht „mit Ehrgeiz in die Grube fahren“, sagte er dem Berliner „Tagesspiegel“.

Schon anlässlich des Psychodramas „Nacht ohne Morgen“ (2011) hatte er im Gespräch eine Art Lebensbilanz gezogen. „Ich bin immer einen recht gradlinigen Weg gegangen“, sagte er. „Damit habe ich sicher auch immer wieder Menschen vor den Kopf gestoßen, aber ich habe mich nicht verbiegen lassen.“ Götz George starb schon am 19. Juni im Alter von 77 Jahren, in aller Stille.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.06.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Die Kommentarfunktionalität wurde für diesen Artikel deaktiviert.

Kino Suche im Bereich
nach Begriff
Anzeige