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Leitartikel zur Meinungsbildung im Internet

Mehr vom Gleichen

Hundert Schafe blöken, weil fünf blöken, weil eines geblökt hat – eine Minute später herrscht Ruhe. Dieses Prinzip, das sich an jeder Herde beobachten lässt, beherrscht soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook: Erregung ohne Grund. Immer mehr Zeitgenossen fühlen sich dadurch bestens informiert.

05.11.2016
  • CHRISTOPH FAISST

Das Bewusstsein, dass diese Überwindung substanzieller Inhalte zu einer Gefahr für die Demokratie werden kann, ist in der Bundesregierung angekommen. Während sich Justizminister Heiko Maas mit wenig Erfolg bemüht, Hass-Postings löschen zu lassen, fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel Transparenz in der Frage, nach welchen Kriterien Internetkonzerne Informationen gewichten, deren Konsum sie empfehlen. Unterdessen schreckt die AfD die etablierte Konkurrenz auf, indem sie ankündigt, im Wahlkampf Social Bots einzusetzen – Werkzeuge, die Stimmungstrends beeinflussen, weil sie soziale Netzwerke mit Propaganda-Posts fluten, denen nicht anzusehen ist, dass keine reale Person hinter ihnen steht.

Mehr vom Gleichen. Dieses Prinzip, nach dem Algorithmen Profile bilden, verengt den Blick – egal, ob der Nutzer über zehn Webseiten hinweg mit einem Turnschuh beworben wird, den er flüchtig angeklickt hat, oder mit Hinweisen zu Nachrichten oder Personen behelligt wird, die in Verbindung zu seinen tatsächlichen oder vermuteten Interessen und Neigungen stehen könnten.

In einer Zeit, die von Reizüberflutung gekennzeichnet ist, wird ein solchermaßen limitierter Horizont eher als Service denn als Bevormundung empfunden. Damit verschiebt sich schleichend die Perspektive von der Suche nach Wissen zur Bestätigung der persönlichen Weltsicht.

Verantwortlich sind neben den bekannten Suchmaschinen und den heimlichen Analysetools der Werbebranche soziale Netzwerke, in denen sich Menschen vor allem mit Gleichgesinnten austauschen. Ginge es lediglich um Styling-Ratschläge und Freizeittipps, ließe sich dieses als Filterblase oder Echoraum bekannte Problem als Privatsache abtun. Doch es hat Auswirkungen auf den politischen Willensbildungsprozess. Zwar wurde – und wird – Meinung immer kanalisiert. Doch wer sich zwischen „Faz“ und „Taz“ entscheidet, weiß zumindest, was er tut. Ganz anders sieht es mit der diskreten Vorauswahl aus, die Algorithmen für uns treffen.

Die Welt funktioniert selbst dann, wenn ihre Zeichen auf keine realen Referenten mehr verweisen: Vielen Menschen genügt es, wenn ihnen ihr Weltbild geschlossen und stimmig erscheint. Wirklich ist, woran sie glauben. Kaum jemand hat das so deutlich gezeigt wie der französische Soziologe Jean Baudrillard. Als er in den 70er Jahren seine Theorie des Simulacrums präsentierte, gab es das Internet in seiner alltagsbeherrschenden Funktion noch nicht. Dass das Netz auch jenen eine Stimme gibt, die sich von den Massenmedien übergangen fühlen, hätten die Theoretiker des späten 20. Jahrhunderts vermutlich begrüßt. Doch das Versprechen von Transparenz wird nicht eingelöst. Immerhin kann heute jeder seinen geistigen Pferch selbst wählen. Die AfD nutzt das bereits aus.

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05.11.2016, 06:00 Uhr

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