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Generalstreikdebatte im Mössinger Gemeinderat:

Mehrheit gegen neue Untersuchung / Gutachten Frie

Erneut eine emotionale Debatte über den Stellenwert des Mössinger „Generalstreiks“ – dessen Bedeutung vor allem von Seiten der FWV und CDU in Frage gestellt wird. Am Ende setzte sich jedoch die Verwaltung mit ihrem Vorschlag durch: Es wird keine neue wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben. Vorerst.

25.07.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. Am Schluss schien selbst OB Michael Bulander über dieses Votum etwas irritiert: 16:11 Stimmen für den Beschlussvorschlag der Verwaltung. Er verkündete zunächst den Änderungsvorschlag der FWV als Abstimmungsergebnis: Der Gemeinderat gebe „derzeit“ keine wissenschaftliche Untersuchung zum Generalstreik in Auftrag – „und diskutiert dieses Thema Ende 2013 erneut“.

Denn zuvor hatten FWV-Fraktionschef Dr. Marc Eisold und sein CDU-Kollege Dr. Andreas Gammel heftig dafür plädiert, die ganze Geschichte noch einmal neu aufzurollen, im Lichte der DDR-Geschichte und neuer Archivzugänge seit der Wende noch einmal wissenschaftlich zu untersuchen.

Gammel störte sich schon an der Terminologie „Generalstreik“: „Es ist mitnichten ein Generalstreik!“ Es sei ja nur eine Firma bestreikt worden, damals in Mössingen. Am 31. Januar 1933 hatte ein Demonstrationszug von 800 Leuten im 4000-Einwohner-Dorf gegen die Machtübergabe an Hitler protestiert.

Stadtarchivarin Franziska Blum stellte in der Ratssitzung am Montagabend zunächst das von der Verwaltung eingeholte Gutachten des Tübinger Historikers Prof. Ewald Frie, Direktor des Seminars für Neuere Geschichte an der Uni, vor. Frie habe sich „sehr aufgeschlossen“ gezeigt, berichtete sie. Er sei bereits im April persönlich zu einem Gespräch mit dem OB und der Verwaltungsspitze nach Mössingen gekommen. Ende Februar hatte die FWV im Rahmen der Haushaltssitzung beantragt, zum Generalstreik eine Magisterarbeit oder Promotion in Auftrag zu geben, dafür 5400 Euro zur Verfügung zu stellen und, unter anderem, die politischen Ziele der Akteure des Generalstreiks sowie „die persönlichen Biografien“ zu durchleuchten.

Der Antrag wurde, leicht modifiziert, mit 15:9 Stimmen angenommen – zunächst sollte bei einem Lehrstuhl für Geschichte angefragt werden, ob „in diesem Kostenrahmen eine solche Untersuchung überhaupt möglich ist“. Prof. Frie fertigte daraufhin für die Verwaltung ein Gutachten, in dem er (am 21. Juni) Folgendes festhielt:

Der Beschluss des Gemeinderats zeige, „dass die Stadt Mössingen engagiert um ein zentrales Ereignis ihrer Geschichte streitet“. Dies sei zu begrüßen, weil im fairen Streit „Geschichte präsent gehalten und zur politischen Bewusstseinsbildung nicht nur junger Menschen genutzt werden kann“.

Der Generalstreik vom 31. Januar 1933 sei nicht nur für die Mössinger Geschichte zentral. Weil er reichsweit einmalig dastehe, ließen sich an ihm grundsätzliche Fragen etwa zum demokratischen Bewusstsein in der Krise diskutieren. „Mössingen kann ein Erinnerungsort sein, an dem Grundfragen deutscher Geschichte gestellt werden.“

Die Frage (der FWV) nach der politischen Lage in der späten Weimarer Republik sei zwar wichtig, überfordere aber eine auf Mössingen bezogene Magisterarbeit oder Promotion. „Sie lässt sich eher diskursiv als monografisch klären – zu denken wäre an eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Experten.“

Zum Ablauf des Streiks, den Zielen der Akteure und ihren Biografien liegen laut Frie „zwei ältere herausragende lokalgeschichtliche Untersuchungen“ vor: die jetzt im Talheimer Verlag neu erschienene Studie des Ludwig-Uhland-Instituts über das rote Mössingen im Generalstreik gegen Hitler und die Nachfolge-Studie „Mössinger Arbeiterpolitik nach 1945“.

Beide Arbeiten seien von namhaften Wissenschaftlern sorgfältig erarbeitet. „Um die Qualität und Kraft dieser Bücher zu erreichen, um die Mössinger Ereignisse von heute her neu zu interpretieren, bedarf es sorgfältiger und intensiver Neurecherchen.“ Das sei ihm Rahmen einer Magisterarbeit nicht zu leisten, da brauche es schon eine Promotionsarbeit.

Was wäre gewesen, wenn – der Generalstreik erfolgreich gewesen wäre? Dies könne eine geschichtswissenschaftliche Arbeit nicht abschließend klären, so Frie. „Wir alle müssen entscheiden, wie wir uns zu einem von Kommunisten organisierten, reichsweit einmaligen Generalstreik stellen wollen. Darin liegt die große Chance des offenen Umgangs mit diesem Ereignis.“

5400 Euro seien für eine Magisterarbeit „eher üppig und für eine Promotion zu gering“, betont der Tübinger Historiker im Übrigen und kommt zu folgendem Schluss:

„Ich rate daher dazu, im Hinblick auf das Jubiläumsjahr 2013 nach Formen zu suchen, die eine breite Beteiligung der Mössingerinnen und Mössinger an einer Diskussion über den Generalstreik mit Wissenschaftlern und politischen Verantwortlichen ermöglichen“, so Frie. Mittelfristig sollte überlegt werden, „das einzigartige und deutschlandweit bedeutsame Ereignis Generalstreik so aufzuarbeiten, dass Mössingen zu einem Gedächtnisort wird, der die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient“.

OB Michael Bulander verwies hier am Montag auf die bereits geplanten Veranstaltungen der Stadt zum 80. Jahrestag des Generalstreiks (siehe Kästchen). Das Theater Lindenhof habe mit seinem Generalstreik-Stück am 11. Mai 2013 Premiere und werde es den ganzen Sommer über bis zum Herbst aufführen. Man verspreche sich da sehr viel, es könnten alle Seiten aufgezeigt werden, „so dass wir wirklich einen offenen Diskurs in Mössingen bekommen“.

Marc Eisold monierte hier allerdings sogleich: Leute, „die sich kritisch mit der Sache auseinandersetzen“ und auch mit „dem ganzen Gedenk-Hype“ nicht einverstanden seien, kämen in der Veranstaltungsreihe nicht zu Wort. Das Buch des Sozialdemokraten Paul Gucker – eine Abrechnung mit dem „roten Mössingen“ – werde bis heute totgeschwiegen.

Deshalb werde man in den nächsten vier bis sechs Monaten auch davon eine Neuauflage vorlegen. In den letzten Monaten, so der FWV-Sprecher, seien „mehr Fragen aufgetaucht, als wir erwartet haben“; deshalb sei eine historische Aufarbeitung nötiger denn je. Es gehe hier um „braune Diktatur“ und „rote Diktatur“.

Man habe in der jüngeren deutschen Geschichte „leidvoll zwei totalitäre Systeme erleben müssen“, das 20. Jahrhundert sei geprägt durch „zwei überragende dämonische Symbole menschlichen Unrechts“: Hakenkreuz und Hammer und Sichel. Die „Archive im Osten“ seien jetzt offen, da gebe es noch viel zu erforschen, „spannende Informationen“, auch was den Mössinger Generalstreik anlangt.

Gammel hieb in dieselbe Kerbe: Eine Diskussion „auf der Grundlage immer gleicher Erkenntnisse“ drehe sich im Kreis, meinte der CDU-Mann, neue Erkenntnisse seien möglich, wissenschaftliche Forschungen nie abgeschlossen.

SPD-Sprecher Peter Looser dankte der Stadt für das Gutachten, zeigte sich für eine Promotion durchaus aufgeschlossen, wandte sich aber gegen eine Vermischung von Kommunismus und Stalinismus, Stalinismus und Faschismus. Er verwies auf die Urteile der Wiedergutmachungsprozesse, dokumentiert im neu aufgelegten Generalstreikbuch: Die Streikenden seien „restlos rehabilitiert“ worden.

Grünen-Sprecherin Gabriele Dreher-Reeß erklärte: Sie glaube nicht, dass in irgendwelchen Archiven im Osten Sachen entdeckt würden, die völlig neu seien, und durch eine Promotion „die große Wahrheit entsteht“. Es werde „uns nicht abgenommen, zu diesem Ereignis unsere eigene Meinung zu finden“.

Mehrheit gegen neue Untersuchung / Gutachten Frie
Und wer untersucht die Rolle der Nazis? Dies wurde bisher nicht hinterfragt. Hier die Mössinger HJ 1938 vor dem Kriegerdenkmal bei der Peter- und Paulskirche (aus dem neu aufgelegten Generalstreikbuch, Seite 256: „Die roten Mössinger im braunen Reich“).

Am 31. März 2013 wird Prof. Ewald Frie, Direktor des Seminars für Neuere Geschichte der Uni Tübingen, in der Langgass-Turnhalle einen Vortrag zum 80. Jahrestag des Mössinger Generalstreiks halten; anschließend wird in der Kulturscheune eine Ausstellung „80 Jahre Mössinger Generalstreik“ eröffnet, die dann bis Dezember 2013 – das ganze Jahr über – zu sehen sein wird.
Premiere für das Theaterstück des Melchinger Lindenhofszum Generalstreik ist am 11. Mai 2013 in der Bogenhalle der Pausa; zum Start des Kultursommers und -herbstes 2013.
Bereits im Kulturherbst 2012, am 2. Oktober, referiert der Mannheimer Historiker Prof. Peter Steinbach im Pausa-Quartier über „Mössingen, Elser, Sproll und Stauffenberg“, den Widerstand im Südwesten.
Am 26. Oktober gibt es eine Podiumsdiskussion, am 24. November noch ein Fachsymposium.

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25.07.2012, 12:00 Uhr

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