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Mein Freund, der Baum, ist bald tot
Im Februar wurde an der Stocherkahnanlegestelle beim Hölderlinturm eine mächtige Weide gefällt. Archivbild: Sommer
Glosse zur winterlichen Gehölzpflege

Mein Freund, der Baum, ist bald tot

Auch im Winterhalbjahr wird in Tübingen wieder kräftig geholzt.

01.12.2016
  • Sabine Lohr

Alle Jahre wieder, kurz vor der Weihnachtszeit, legt die Bauverwaltung dem Gemeinderat eine Liste vor, auf der dicke Bäume stehen. Dicke, kranke Bäume. Oder vom Sturm arg mitgenommene. Alle Bäume, die auf dieser Liste stehen, sollen gefällt werden. Es sind vom Triebsterben befallene Eschen, absterbende Eichen, kaputte Robinien, Pappeln mit Sturmschäden, astabwerfende Ahorne und tote Weiden. Sie sind entweder nicht mehr zu retten oder gefährlich, weil jeden Moment ein darunter vorbeigehender Mensch von einem dicken Ast erschlagen oder ein parkendes Auto zerdetscht werden könnte.

Der Gemeinderat nimmt die Liste in der Regel einfach zur Kenntnis. Tote oder sterbende oder gefährliche Bäume müssen eben nun mal weg. Daran ist nichts zu ändern. Und zu retten sind sie ja offenbar auch nicht. Höchstens durch einen Ersatzbaum.

Doch alle Jahre wieder, kurz nach der Weihnachtszeit, wenn die Säge an den Stamm ansetzt, jault nicht nur deren Motor auf, sondern auch die Nachbarschaft. Der schöne Baum!

Es ist jedes Jahr nur ein Baum von rund 25, für den es eine Rettungsaktion gibt. Mal steht er an der Neckarmauer, mal vor einem Altenheim, mal in Hagelloch. Meistens nützt das Aufjaulen aber nichts. Der Baum kommt trotzdem weg.

In diesem Winter könnte es Protest geben, weil drei absterbende Ahornbäume in der Steinlachallee gefällt werden. Aber sie werden alle ersetzt. Eher ohne Protest dürfte das Fällen der Eiche auf dem Kastanienrondell in der Jahnallee vor sich gehen. Was hat eine Eiche auf einem Kastanienrondell verloren? Nichts. Eben. Sie wird aber nicht deshalb gefällt, weil sie keine Kastanie ist, sondern weil sie kaputt ist. Und: Auch sie wird ersetzt.

An der Geschwister-Scholl-Schule werden gleich drei Bäume gefällt: eine Robinie, deren Äste abbrechen könnten, eine von Insekten befallene Weide und eine tote Buche. Auch sie werden alle ersetzt. Die anderen Bäume auf der Liste sind weniger auffällig. Aber vielleicht wird einer von ihnen ja besonders geliebt. Wir werden sehen.

Die Leserbriefspalten bestimmt wieder füllen wird die so genannte „Gehölzpflege an Fließgewässern“. Auch dazu hat der Gemeinderat eine Liste bekommen. Der Begriff „Pflege“ wird bei Büschen etwas anders verstanden als bei Menschen. Büsche werden nicht etwa besonders schonend behandelt, sondern radikal „auf den Stamm gesetzt“, also abgeholzt. Danach treiben sie neu und besonders buschig wieder aus.

Aber erstmal sieht es grauenhaft aus, wenn an einem Bach oder Fluss das vorher üppig grüne Ufer nur noch mit vielen braunen Holzstängelchen bedeckt ist. Muss das so sein? Kann man nicht nur hier und da was rausnehmen? Muss alles total weg? Ja, sagt Tiefbauamts-Chef Albert Füger, der auch dafür zuständig ist. Alle zehn bis 15 Jahre sollte das passieren – auch wegen der Lichtkonkurrenz der Bäume.

In diesem Winter wird vor allem an der Ammer abgeholzt: In Unterjesingen, zwischen Schwärzloch und Ammerhof, an der Mündung zum Kleinen Ämmerle, am Stadtgraben, in der Schwärzlocher Straße, beim Technischen Rathaus und von der Aeulestraße bis zur Mündung in den Goldersbach. Also praktisch überall. Außerdem geht es den Büschen am Ufer des Landgrabens in Weilheim an den Kragen, denen am Enzbach in Unterjesingen, am Seebach in Bebenhausen und an der Steinlach in Derendingen.

Damit das Abholzen nicht völlig unerwartet kommt – für den Fall, dass dieser Artikel nicht gelesen oder sein Inhalt vergessen wurde –, informiert die Verwaltung, das verspricht sie, jeweils vor Beginn der Arbeiten über eine Pressemitteilung. Das ist nett. Denn so können sich die Busch- und Baumnachbarn schon mal geeignete Protestbekundungen überlegen.

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01.12.2016, 01:00 Uhr

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