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Die Näherin Edith Poller arbeitete während der Kriegsjahre Seite an Seite mit Zwangsarbeiterinnen

Meine Metzinger Zeit bei Hugo Boss

METZINGEN. Einen Beitrag zur mündlichen Geschichte liefert die Näherin Edith Poller. Ganz subjektiv aus ihrem Blickwinkel erinnerte sie sich an ihre Zeit bei Boss im Zweiten Weltkrieg. Das Unternehmen gehörte noch der Familie Boss, später Holy, fertigte Uniformen und beschäftigte Zwangsarbeiter.

06.11.1999
  • Günter Randecker

Edith Poller, Jahrgang 1920, stammt väterlicherseits aus dem Vogtland, mütterlicherseits aus dem Rheinland, wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. In jungen Jahren kam sie in die Region Reutlingen und erlebte als Näherin bei der Metzinger Firma Hugo Boss die Zeit bis zum Ende des „Dritten Reichs“.

Das Boss'sche Aussteuer- und Bekleidungshaus war damals in der Kronenstraße 2; eine kleine Kleiderfabrikation im ersten Stock. Als zugelassene Lieferfirma für SA-, SS-, HJ- und dann Wehrmachtsuniformen änderte sich das nach mehreren Konkursen nach dem Jahr 1933. „Ich kann mich erinnern, dass wir an SS-Uniformen die Knöpfe angenäht haben“: Als Edith Poller 1935 in die Firma Boss eintrat (damals rund 30; 1939 über 140 Beschäftigte und viele Heimarbeiterinnen), inserierte die Berufskleiderfabrik: „Für Wehrpflichtige einen günstigen Posten Maco-Hemden und Unterhosen . . .“

Aufträge für die Wehrmacht

Die massive Aufrüstung, die Kriegsvorbereitungen der Nazis, brachten Boss den Aufstieg zur größten Textilfirma am Platze. Der Betrieb vergrößerte sich, als immer mehr Aufträge für die Wehrmacht hereinkamen; der Umzug in die Kanalstaße 6 bis 8 folgte. Inzwischen war die 18-jährige Näherin zur so genannten „Springerin“ geworden. Gearbeitet wurde damals — laut amtlicher Statistik — von Montag bis Freitag von halb sieben morgens bis halb sieben abends; und samstags (ab 1937) nochmals „freiwillig“ dieselbe Zeit. Mit dem Einmarsch in Österreich, in der Tschechoslowakei (1938/39) kamen dann Wiener Näherinnen und tschechische Schneider.

„Boss hat wohl im ganzen großdeutschen Reich inseriert.“ Zeitweilig fast wie ein Familienmitglied behandelt, hatte Edith Poller die Boss-Gewaltigen bald durchschaut: „Die haben sich ja offen und freimütig zum Hitler bekennen wollen; die haben alle ihr NS-Parteiabzeichen getragen. Einer der Betriebsleiter, mit Namen Schmid, kam nur in Uniform ins Geschäft; er hat nur ,Heil Hitler“ gegrüßt, wer das nicht tat, ist aufmerksam gemacht worden, dass man mit dem deutschen Gruß zu grüßen hat.“ Die energische Boss-Tochter Gertrud, im weißen Kittel, führte einen besonderen Appell ein: „Wir mussten jeden Morgen uns mit ,Hier“ melden, wenn sie uns aufgerufen hat.“

Die Boss-Oberen seien öfter nach München, der Hauptstadt der Bewegung, gefahren: „Als die großen Aufträge kamen, dann haben die angefangen zu spinnen, da haben die gewusst: Jetzt haben wir's geschafft!“

Herbst 1939 — der Zweite Weltkrieg: „Mit einem Schlag kamen ungefähr zehn Polinnen (später mehr), die wohl auf der Straße aufgeklaubt, eingepfercht und mitgenommen wurden; so kam mir's vor: Die waren sehr verscheucht und verschrocken, und wir haben gemerkt, dass die nicht aus eigenem Willen gekommen waren. Sie waren äußerst verzweifelt. Dann haben wir sie beruhigt; ich habe auch mal einer Polin über den Kopf gestreichelt. Das war nicht gern gesehen. Gertrud Boss ist durch den Betrieb gelaufen und hat gerufen: ,Ihr müsst an die Volksgemeinschaft denken!“ Und: ,Das zerstört den Gemeinschaftsgeist!““

Immer was zugesteckt

Die Ernährungslage sei für die Zwangsarbeiterinnen, die zunächst in eigenen Baracken (Standort: heutiger Boss-Parkplatz), ohne Ausgang nach 18.30 Uhr, eingezwängt wurden, besonders schlimm gewesen: eine Möhrensuppe, einmal am Tag und eine Scheibe Brot (oder zwei). „Wir haben ihnen immer zugesteckt. Unsere Näherinnen vom Land, aus Neuhausen, Kohlberg, Kappishäusern und Dettingen, hatten alle Gärten und brachten immer etwas zu essen mit, das dann unter der Hand verteilt wurde. Beim Vesper hatte niemand von meinen Kolleginnen etwas dagegen eingewandt, wenn ich mich neben die Polinnen setzte.“

Die polnischen Zwangsarbeiterinnen haben schwer unter ihrer Lage gelitten. Der Bandführer, namens Buchmann, habe das sadistisch ausgenützt: „Wenn eine Polin verletzt war, hat er dafür gesorgt, dass sie zunächst nicht behandelt, liegen gelassen wurde — eine hatte sich weh getan, eine Nadel aus Versehen in die Finger gestochen; die Nadel war dann abgebrochen. Buchmann hat die abgebrochene Nadel herausgezogen, so langsam wie nur irgend möglich und dann noch übers ganze Gesicht gegrinst. Eine der Polinnen war ganz entsetzt: Sie hat während der Arbeit Stecknadeln geschluckt; sie wollte sich umbringen.“

„Du kommst auch noch ins KZ!“

Edith Pollers Reaktion: „Ich hab' mich empört — und bin bloß ausge-lacht worden: ,Geh du deinen Weg und kümmere dich nicht um die andern. Wenn's dir nicht passt, können wir noch ganz andere Schritte einleiten.“ So Buchmann in Anwesenheit von Hugo Boss und Eugen Holy. Auf meine Frage ,Was für?“: ,Von KZ hast du auch schon gehört.“ Dann hab' ich gelacht: ,Ja, wegen so was kommt man doch nicht ins KZ.“ Der Wortführer aus der Chefetage: ,Hast Du eine Ahnung!“ Ich hab' immer provokant und solidarisch zu den Ausländerinnen gehalten. Da musste ich nochmals aufs Büro: Ob ich nicht wisse, dass ich mich ,deutschfeindlich“ verhalte. ,Wieso“, entgegnete ich: ,Das sind doch auch Menschen!“

Darauf Schmid (Boss, Holy und Buchmann standen dabei): ,Ja, wenn du noch frech wirst, können wir auch noch ganz anders — du kannst auch im KZ landen.“ Es war eine furchtbare Sache mit den Einschüchterungen. Die haben uns zusammengestaucht bei den Betriebsappellen: Wir würden die Firma kaputt machen, wären volksfeindlich eingestellt und würden viel zu langsam arbeiten, wir müssten unsere ganzen Kräfte einsetzen, denn die ,Räder müssten rollen für den Sieg!“

Hugo Boss (1885-1948) hingegen, Namensgeber für eine berühmt gewordene Edelmarke, NSDAP-Mitglied seit 1931, Kriegsgewinnler und zugleich Inhaber eines Schweizer Kontos, wird von Edith Poller als „ein an und für sich gemütlicher Typ“ geschildert, der seinen Leuten, die Überstunden machten, Schneckennudeln brachte; er habe ein „wohlwollendes Gefühl vermitteln wollen“.

Kurz vor dem Einmarsch der Alliierten 1945 wurden die deutschen Betriebsangehörigen mit einem Stoffballen entlassen. (Edith Poller fertigte damit Mützen für die Albbauern und tauschte sie gegen Eier, Mehl und Kartoffeln). Etwas anders Hugo Boss in einer Eingabe 1944, wo es um die Frage Verpflegung der Zwangsarbeiterinnen im neuen Lager oder in der Werksküche ging: Er wolle damit „nicht eine besondere Fürsorge der Polinnen erreichen“.

Auch der neue Betriebsleiter, Eugen Holy (1911-1999), muss — so vermutet Edith Poller — per Annonce nach Metzingen gekommen sein. Zunächst sei er zur kaufmännischen Ausbildung zum „Breuninger“ geschickt worden. Nach seiner Rückkehr wurden erstmal die Arbeitsnormen verschärft — per Stoppuhr. Das zumindest manchmal vorhandene „wohlwollende Gefühl“, so Edith Poller, „haben wir nicht mehr gehabt, als Eugen Holy gekommen ist. Der nahm einen nicht für voll, für den war man nur geduldetes Arbeitstier.“ Ihr Fazit, 1945, als über Nacht die Hitler-Bilder verschwanden: „Bei Kriegsende hatte ich die Schnauze voll. Ich hab' nach dem Krieg grundsätzlich nicht mehr bei Boss arbeiten wollen.“

Meine Metzinger Zeit bei Hugo Boss
Seite an Seite mit polnischen Zwangsarbeiterinnen arbeitete Edith Poller bei Boss für Wehrmacht und SS.

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06.11.1999, 12:00 Uhr

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