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Außerdem

Meine geliebte Tante Inge

Die Erzieher/innen streiken. Völlig zurecht. Kenne aus nächster Nähe die Situation, nicht bloß wegen unserer Kinder und der zahlreichen Einrichtungen, in die sie gingen. Die Ehefrau ist Erzieherin, der Sohn hat, vor seinem Studium, eine Erzieherausbildung gemacht.

03.06.2015
  • Ernst Bauer

Er studiert auch deshalb, weil er mit seinem mageren Erziehergehalt wohl kaum eine Familie ernähren, eigene Kinder aufziehen könnte. Beim Praktikum in England sah das anders aus: Dort sind die Erzieher/innen wie Lehrer eingestuft.

Die Ehefrau hat ein kaputtes Kreuz, wie viele Kolleginnen schon in jüngerem Alter auch, die niedrigen Kindergartenstühle sind nicht eben bandscheibenfreundlich. Die unendlich vielen Handgriffe in gebückter Haltung, das ständige Hochheben der kleinen Heranwachsenden: Gift fürs Rückgrat. „Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück, wir werden immer größer, was für ein Glück!“ Singe ich jetzt auch der Enkelin vor. Aber die Kleinen machen jeden Tag Lärm wie auf dem Flughafen. Kein Wunder, dass die Frau nach zirka 20 Berufsjahren und 17 Jahren Erziehungszeit auch noch an Tinnitus leidet.

Mir selber, dem Ehemann, der mitunter zum Krach im Hause beitrug, geht es noch relativ gut. Gerne erinnere ich mich an die eigene Kindergartenzeit im Stuttgarter Neckar-Vorort, wo meine Frau während ihres Anerkennungsjahrs auch noch ein bisschen von der Eszet- und Lindenblüten-Luft schnuppern konnte, etwas von den beengten Verhältnisse zwischen Wäscherei und altem Weltkriegs-Bunker in unserem Viertel mitbekam. Als kleiner Junge war ich begeistert von Tante Inge. Tante Gerda leitete die andere Gruppe. Aber Tante Inge war auch hübscher. Fand ich damals schon.

Es gibt noch Bilder, auf denen sie uns Jungs mit Schürzen und die Mädchen mit Kopftüchern ausstaffierte, eine, die ich ziemlich nett fand, hieß Christa O. „Wer will fleißige Handwerker seh’n, der muss zu uns Kindern geh’n!“, sangen wir aus voller Brust, sie stand neben mir. Auf einem Bild vom Fasching, als Indianer mit angemaltem Bärtchen, scheine ich eher Tante Inge anzuhimmeln. Mit meinem besten Freund, Alfred N., einem wild maskierten Cowboy, habe ich erste Friedenspfeifen geraucht, gestopft mit den zerbröselten Lindenblüten vom Spielplatz. Zisch, zisch, zisch – der Schreiner hobelt ab den Tisch. Und uns wurde speiübel.

Schöne Zeiten damals, in anderen Kindergärten und Krippen ging es weniger lustig zu. Da wurden Kinder noch in die Ecke gestellt, hart bestraft. Nicht selten auch zu Hause. Heute scheint sich vieles ins Gegenteil verkehrt zu haben, umso heftiger scheiden sich im Kindergartenalltag die Geister. Was soll man mit Kindern machen, die morgens schon vor der Glotze hocken, denen alles erlaubt wird, um die sich niemand kümmert? Andere wiederum: überbehütet, ständig umkreist von ihren Helikoptereltern, wie man das heute nennt. Aber es gibt ja heute laufend Elterngespräche, einen Orientierungsplan, verlängerte Öffnungszeiten, Windelkinder, um die man sich kümmern darf. Wo bleibt da überhaupt noch Zeit für die Kinder?, fragen sich nicht nur Erzieher/innen. Meine geliebte Tante Inge, die auch damals schon von ihrem kärglichen Lohn wohl kaum eine Familie verhalten konnte, würde sich umgucken. Tante Inge würde sicher auch streiken.

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03.06.2015, 12:00 Uhr

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