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Verkehr

„Menschen brechen wieder aus Zwängen aus“

Motorradfahren ist Widerstand gegen den politischen Zeitgeist, sagt der Marktforscher Werner Hagstotz. Die Absatzzahlen steigen.

15.04.2017
  • PETER ILG

Königsbach-Stein. Im vergangenen Jahr sind die Zulassungszahlen motorisierter Zweiräder in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent gestiegen. Seit 2011 geht es aufwärts bei den Neuzulassungen, davor steil bergab. Der Marktforscher Werner Hagstotz erklärt, woran das liegt.

Warum fahren wieder mehr Menschen auf Zweiräder ab?

Werner Hagstotz: Zu Beginn der 1990er Jahre sind die Neuzulassungen durch die Wiedervereinigung rasant gestiegen. Die gipfelten 1999 in rund 187 000 Krafträdern. Dann fing der Einbruch an, der 2010 in seinen Tiefpunkt mündete. Damals wurden nur noch 80 000 Krafträder neu zugelassen. Der Zweiradmarkt war nach seiner Sättigung dramatisch eingebrochen. Aus meiner Sicht haben vor allem psychologische Faktoren den Ab- und Aufschwung bewirkt.

Welche waren das?

Seit knapp 20 Jahren führen weite Teile der Politik und der Gesellschaft eine ökologische Diskussion, die Motorradfahren fast schon als unmoralisch verbietet. Gas geben, zum Spaß durch die Gegend fahren: Das lässt man besser bleiben. Die politischen Vorgaben haben zu einer Überreglementierung geführt mit der Konsequenz, dass sich Widerstand regt, wie damals nach dem Kultfilm Easy Rider, der 1969 die Wiedergeburt des Motorrades einleitete. Seit einigen Jahren brechen Menschen mit Motorrädern wieder aus Zwängen aus. Es ist eine psychologische Gegenströmung zur zunehmenden Reglementierung entstanden, mit der Konsequenz, dass die Zulassungszahlen ansteigen.

Reine Psychologie also?

Hinzu kommen Rahmenbedingungen wie die Führerscheinnovelle von 2013, die den Einstieg attraktiver gemacht hat: Jüngere dürfen seitdem ungedrosselte 15-PS-Leichtkrafträder fahren und müssen sich nicht mehr mit 80 Stundenkilometern von Lkw an den Straßenrand drängen lassen.

Seit Jahren steigen die Zulassungszahlen bei Leichtkrafträdern überproportional. Sichern die Jungen die Zukunft des Motorrads?

Die Fahrer von Leichtkrafträdern sehen die Jahre zwischen 16 und 18 nicht nur als Übergangsmobilität zum Auto. Der Zweiradmarkt wird auch belebt durch die Tatsache, dass heute viele 125er gekauft werden – im vergangenen Jahr rund 24 000 – und die Jungs und Mädels einschließlich Führerschein und guter Ausrüstung 6000 bis 7000 EUR ausgeben. So viel investiert man nicht in eine Notlösung. Ich folgere daraus, dass viele Leichtkraftradfahrer aufs Motorrad umsteigen werden. Eine andere Zielgruppe sind Wiedereinsteiger Ende 40.

Ein anderes Wachstumssegment sind Roller. Ist das eine Folge des vielen Verkehrs?

Da muss man klar trennen: Motorrad fahren ist überwiegend Freizeitgestaltung. Mit dem Roller pendelt man in der Stadt. Dabei darf die Spaßkomponente allerdings nicht fehlen. Im Auto wird der Spaßfaktor zunehmend in Staus ertränkt.

Hersteller stellen sich zunehmend breiter auf. BMW etwa baut zum Boxermotor Reihen-Zwei- und Vierzylinder, Supersportler, Retro-Bikes. Weckt diese Vielfalt Kaufinteresse?

Ja, dahinter steckt der Trend zur Individualität. Menschen wollen sich abheben. Neue Modelle und Segmente beleben den Markt. Seit einigen Jahren gibt es wieder bezahlbare Mittelklassemotorräder um die 500 Kubikzentimeter. Die Hersteller haben früher die wichtige Zielgruppe der Mittelklasse-Maschinen vernachlässigt. Das hat sich nun geändert: Für Aufsteiger vom 125er Leichtkraftrad sind diese Motorräder ein attraktives und bezahlbares Bindeglied zum Markt der großen Motorräder. Jetzt werden die richtigen und wichtigen Nischen-Segmente belegt.

Wie wirkt sich der Mobilitätswandel auf den Zweiradmarkt aus?

Teilen statt besitzen ist aus meiner Sicht die Grundlage für den Mobilitätswandel. Der könnte durch Sharing-Modelle angekurbelt werden. In Ballungszentren braucht man nur eine App, und schon kann man für wenig Geld einen Roller fahren – und stellt fest: Das macht ja richtig Spaß und man kommt zügig voran. Sharingkonzepte bringen dem Zweiradmarkt neue Zielgruppen. Sie können den Markt ankurbeln, vor allem bei Rollern mit Elektromotor.

Wie ist Ihre Prognose für 2020?

Es wächst ein zartes Pflänzchen, das seit vier Jahren ausschlägt. Der Markt erholt sich in fast allen Segmenten. Was weiteres Wachstum begünstigt, sind sinkende Unfallzahlen von Motorradfahrern mit Todesfolge durch Assistenzsysteme wie Kurven-ABS.

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15.04.2017, 06:00 Uhr

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