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"Menschen wehren sich"
Jan-Hinrik Schmidt forscht über das Internet. Foto: Privat
Medienwissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt: Eine digitale Diktatur wird es nicht geben

"Menschen wehren sich"

Wo führt das nur hin? Wer sich das bei sozialen Netzwerken fragt, sollte Dave Eggers visionären "Der Circle" lesen - allerdings nicht alles unkritisch übernehmen, findet der Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt.

28.11.2015
  • THOMAS VEITINGER

Ulm. Das Buch "Der Circle" von Dave Eggers sorgte für viel Wirbel. In zum Teil seitenlangen Feuilletons der Zeitungen wurde die Geschichte von Mae diskutiert, die in ein fiktives Unternehmen eintritt und ihr Leben völlig transparent dem Internet öffnet. Scheinbar mit demokratischen Motiven lebt sie die Diktatur des sozialen Netzwerks vor und wird die Heilsgestalt in einer beklemmend nahen Zeit. Überall in ihrer Geschichte scheinen Zeichen aufzutauchen, dass diese Zukunft in der Realität schon längst begonnen hat. Ist man nicht selbst längst ein Teil davon?

Wie fanden Sie das Buch?

JAN-HINRIK SCHMIDT: Ich habe keine Literatur auf Weltniveau erwartet, aber es ist unterhaltsam. Ich habe mich beim Lesen ertappt, nach Vorbildern zu suchen.

Und gibt es Anlehnungen?

SCHMIDT: Das Unternehmen Circle ist eine Mischung aus Google, Facebook, Twitter und Shopping-Firmen. Es gibt Anspielungen auf den Apple-Mitbegründer Steve Jobs, die Google-Erfinder und bestimmte Entwicklungen im Internet. Ein interessanter literarischer Versuch.

Ist es ein Manifest der nahen Zukunft?

SCHMIDT: Im Buch wird ein Szenario entworfen und zugespitzt. Das kann man dem Autor nicht vorwerfen. Er kann nicht nach 100 Seiten sagen ,So, jetzt geht die Geschichte nicht weiter . Dadurch werden aber Kräfte der Regulation unterschlagen.

Sie meinen die geschilderte Annexion sämtlicher Lebensbereiche ist überzeichnet?

SCHMIDT: Ich denke, dass es gesellschaftliche Kräfte, soziale Normen und politische Widerstände gibt, die diese digitale Diktatur verhinderten. Studien zeigen beispielsweise, dass auch Jugendliche etwa ein Bedürfnis nach Privatsphäre haben, trotz ihrer intensiven Nutzung neuer Technologien. Teile der Bevölkerung würden also sagen: ,Nein, das will ich nicht . Der Nutzer von Facebook ist bereit, bestimmte Informationen mit einigen Menschen zu teilen, aber nicht mit allen.

Aber weiß er denn, was mit seinen Daten geschieht?

SCHMIDT: Das ist der Knackpunkt. Was ist, wenn Facebook auch zurückliegende Informationen in fünf oder zehn Jahren öffentlich macht? Ich denke, dass sich die Menschen spätestens dann wehren würden. Ich will nicht, dass mein Chef weiß, wie ich am Samstag im Fußball-Stadion in der HSV-Fankurve aussah. Das ist ja heute schon bei Facebook ein Problem: Plötzlich kommentiert meine Mutter etwas, was gar nicht für sie gedacht war.

Aber der Zug geht doch in Richtung Sozialisierung der Daten. Menschen erfassen immer mehr Gesundheitsdaten und lassen sich dafür belohnen.

SCHMIDT: Stimmt. Aber im Buch gibt es vor allem einen Menschen, der den Widerstand gegen diese Erfassung verkörpert, ein ehemaliger Freund der Hauptperson. Das existierende Bewusstsein, der kritische gesellschaftliche Diskurs fehlt im Buch. Derzeit gibt es in der Gesellschaft aber immer mehr Menschen, die sich fragen, wer welche Daten erfasst, verknüpft und damit Geld verdient.

Wird nicht der soziale Druck immer größer? Können wir etwa in Zukunft eine Autoversicherung, die nicht permanent das eigene Verhalten im Straßenverkehr auswertet, noch zahlen?

SCHMIDT: Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung zwangsläufig ist. Wenn es nur noch diese Möglichkeit gäbe, müsste die Politik eingreifen und entweder für Alternativen sorgen oder aber klar sagen: ,Vom Jahr 2020 an, gibt es in jedem Auto eine Black-Box, die das Fahrverhalten registriert. Gegen solche Netzwerkeffekte ist Regulation nötig.

Wenn es noch die Möglichkeit gibt. Was ist, wenn Google zur Weltherrschaft greift?

SCHMIDT: Regierungen sind demokratisch legitimiert. Google ist es nicht, sondern hat wirtschaftliche Interessen. Die Politik wird sich nicht stalinistischer Selbstkontrolle, wie in dem Buch geschildert, unterwerfen. Politik unterbindet Monopole.

,Geheimnisse sind Lügen und ,Privatsphäre ist Diebstahl heißt es in ,Der Circle . Das Erinnert an Sekten.

SCHMIDT: Religiöse Tendenzen, Menschen, die in Unternehmen ihre Weltanschauung finden, sehe ich nur vereinzelt. Google mag alle Menschheitsprobleme lösen wollen, aber ich glaube nicht, dass es gelingt. Von Menschen eingesetzte Technologie wird immer positive oder negative Folgen haben.

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28.11.2015, 08:30 Uhr

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