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Literatur

„Messe ist immer eine Wundertüte“

Was die Frankfurter Buchmesse betrifft, ist Annette Rieger ein Profi. Auch in diesem Jahr war sie wieder dort und plaudert über ihre Eindrücke.

26.10.2016
  • Dagmar Stepper

Am Sonntag ist die Frankfurter Buchmesse zu Ende gegangen. Sie ist weltweit das größte Event der Publishing-Welt: 275000 Besucher kamen, 80000 Neuerscheinungen wurden von den Ausstellern präsentiert. Mittendrin: Annette Rieger aus Vesperweiler. Sie vertritt den Verlag Klöpfer und Meyer aus Tübingen. Es ist ihre neunte Buchmesse.

Wie sieht ein typischer Messetag bei ihr aus? „Die Messe beginnt um 9 Uhr. Ich schaffe es meist auf 9.30 Uhr herzukommen. An den ersten Tagen erscheine ich immer mit Kleid und hohem Absatz und stehe frisch und aufrecht am Stand. Am Ende der Buchmesse sind es dann meist Jeans und flache Schuhe.“

Der Stand von Klöpfer und Meyer liegt gut. Ganz in der Nähe der Großverlage Fischer und Suhrkamp. Verlage wie Klöpfer und Meyer, die in einer kleineren Liga spielen, haben sich zusammengeschlossen und machen gemeinsam Lesungen und Veranstaltungen. Legendär ist der „Tanz im Gang“ an einem Nachmittag auf der Buchmesse: „Der Gang ist dann immer knackevoll. Dieses Mal war es so heiß und stickig, dass der Sekt, als wir ihn aus dem Kühlschrank holten, in der Flasche gefroren ist. Ungalublich!“

Um 18.30 Uhr schließt die Buchmesse, um 19.30 Uhr müssen alle draußen sein. Das heißt aber nicht, dass der Tag damit zu Ende ist. Denn dann geht es in die Frankfurter Innenstadt. Dort gibt es zahlreiche Lesungen und Events. „Überall nimmt man etwas mit. In den 80er-Jahren war die Buchmesse eher eine Verkaufsgeschichte. Heute geht es mehr ums Präsentieren, ums Netzwerken.“ Gegen 1 Uhr nachts fällt Rieger dann ins Bett.

Ein Messetag bedeutet viel stehen, viel reden, es ist ein ständiger Austausch mit Freunden, Kollegen und Kunden. Und immer wieder passiert etwas Neues: „Da schaut man den Gang entlang und sieht auf einmal Reinhold Messner oder Mario Adorf. Die haben aber überhaupt keine Starallüren. Man hat das Gefühl, dass man mit jedem reden kann. Es gibt auch keine Konkurrenz. Alle machen sich für das Kulturgut Buch stark.“

Haben kleinere Verlage überhaupt eine Chance neben den Großverlagen mit ihren Starautoren und Bestsellern? „Wir müssen gegen die Laufkundschaft anlesen. Das ist immer ein Kraftakt.“ Doch aktuell hat der Verlag eine Thaddäus-Troll-Preisträgerin im Programm. Felicitas Andresen hat mit ihrem Roman „Sex mit Hermann Hesse“ einen Publikumserfolg erzielt. Daher schaut auch das Fernsehen beim Stand vorbei. Rieger weiß also nie, was sie erwartet: „Messe ist immer eine absolute Wundertüte. Es kann alles passieren. Es kann aber auch absolut ruhig sein. Wichtig ist, die Erwartungen nicht zu hoch zu hängen. Denn dann wird man enttäuscht. Aber zu tief stapeln darf man auch nicht, denn die Glut soll man schon am Glimmen halten.“

Dieses Jahr ist auch der Horber Dichter Walle Sayer für einen Tag auf der Messe. Obwohl er eigentlich die Massen sonst scheut. Aber er ist mit seiner Tochter am Freitag nach Frankfurt gefahren und stellt am Stand sein neues Buch „Was in die Streichholzschachtel paßte“ vor. Er ist umringt von Autorinnen und Leserinnen, die meisten kennen sein Buch. Es hat sehr gute Rezensionen erhalten, die Leser überschütten ihn mit Lob.

Daher hat Walle Sayer auch keine Angst vor den Lesern. Im Gegenteil: „Es ist schön, wenn man Briefe und E-Mails von Menschen bekommt, die man gar nicht kennt und so sieht, wo die eigenen Bücher sich überall hinbewegt haben.“ Um die Literatur ist es ihm also nicht bange: „Es gibt ein Meer von Büchern und ein Meer von Lesern. Darum wird es auch immer Büchern geben“, ist er überzeugt. Sein Lesetipp von der diesjährigen Messe: Arnold Stadlers neues Werk „Rauschzeit“.

Die diesjährige Messe zeigt sich eher von der politischen Seite. Es wird viel diskutiert. Denn der Europäische Gerichtshof hat vor ein paar Tagen die Preisbindung für Medikamente gekippt. Jetzt diskutiert die Branche, ob es bei der Buchpreisbindung eine ähnliche Entwicklung geben könnte. „Aber es gibt jedes Jahr Ängste, wie lange die Buchpreisbindung hält“, sagt Annette Rieger. Ihr ist allerdings nicht bange. „Geschichten wollen erzählt werden. Und es gibt auch genügend Menschen, die diese lesen wollen. Wir hier glauben alle an die Zukunft des Buches.“

Doch es gibt auch Veränderungen: Das E-Book ist immer mehr im Kommen. Der Leser nähert sich zwar immer noch zuerst über das Haptische dem Buch. Er fühlt es in den Fingern, blickt das Cover an. Doch hinterher kauft er es vielleicht nicht mehr als gebundene Ausgabe, sondern als E-Book. Doch schöne Bücher gehen immer. Rieger hat einen Trend zum „Soul-and-Mind-Book“ festgestellt, schön aufgemachte Bücher mit Seele.

Annette Rieger hat einiges mit Büchern zu tun. Was würde sie einem jungen, aufstrebenden Autor empfehlen, wie er berühmt werden könnte? Sie lacht und muss nachdenken. „Die Geschichte muss mit einem selbst zu tun haben, sonst funktioniert sie nicht. Sie muss authentisch sein“, ist sie überzeugt. Als Beispiel nennt sie „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben, ein Buch, das seit Monaten auf der Bestsellerlist ganz oben ist. Aber ihre persönliche Empfehlung von der diesjährigen Buchmesse ist ein anders Werk: Walles Sayers „Was in die Streichholzschachtel paßte“ – wer hätte das gedacht.

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26.10.2016, 01:00 Uhr

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