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Therapie als letzter Strohhalm

Messer-Attacke unter Drogen im Studentendorf

Nach einer Feier im Studentendorf Waldhäuser-Ost ging der heute 29-jährige Angeklagte im Rausch ohne Grund mit dem Messer auf einen Studenten los. Das Tübinger Amtsgericht schickte ihn am Dienstag in Therapie.

08.09.2010
  • Matthias Reichert

Tübingen. Weil der Angeklagte wegen seines Rausches zur Tatzeit schuldunfähig war, konnte er nicht wegen versuchten Totschlags oder gefährlicher Körperverletzung angeklagt werden. So lautete der Vorwurf „vorsätzlicher Vollrausch“. Der ist dann strafbar, wenn sich mit ihm eine rechtswidrige Tat verbindet.

Ordnungshüter beendeten Anfang Mai 2009 eine Party im Gemeinschaftszentrum des Studentendorfs. Danach wurde privat im Wohnheim weitergefeiert. Der heute 29-jährige Angeklagte stand laut Blutprobe unter Kokain, Marihuana, Amphetaminen und hatte zur Tatzeit 1,96 Promille Blutalkohol. Er sagte, er habe schon vor dem Fest zuhause Drogen konsumiert.

Gegen 5 Uhr früh sprach er vor dem Wohnheim einen heute 26-Jährigen an, der mit seiner damaligen Freundin auf dem Heimweg war. Der Angeklagte wollte dessen Wodka-Mischgetränk. Er bekam es, dennoch wurde er aggressiv. Er ging mit dem Messer eines Schlüsselanhängers auf das Opfer los. Die Klinge ist etwa vier Zentimeter lang. Er schrie: „Ich bring’ dich um.“ Erst schwenkte er das Messer in Richtung Bauch des Opfers, dann gegen dessen Hals. Wie die Freundin aussagte, duckte sich das Opfer weg, die Klinge verfehlte den Hals um wenige Zentimeter. Sonst wäre der Fall vorm Schwurgericht gelandet, so Richter Eberhard Hirn. Der Angeklagte verfolgte die beiden. Es gelang ihnen, in die Wohnung des Opfers zu flüchten und die Polizei zu alarmieren.

Der Angeklagte wurde als Kleinkind adoptiert. Seine Adoptiveltern wurden später geschieden, die Mutter starb. Der Vater, ein Psychotherapeut, brach den Kontakt zu ihm nach der Tat ab. Der 29-Jährige ist verlobt und hat einen sechsjährigen Sohn. Eine Lehre als Hotelfachmann brach er ab, er jobbte unter anderem als Reinigungskraft. Derzeit ist er arbeitslos. Weil er im Supermarkt eine Flasche Wodka gestohlen hatte, verhängte das Amtsgericht kürzlich eine Geldstrafe gegen ihn. Er hat acht Vorstrafen – auch einschlägig, weil er seine damalige Freundin verprügelt hatte.

Seit der Tat in WHO geht er regelmäßig zur Drogenberatung, doch eine bewilligte Therapie trat er nicht an. Seither habe sich seine Sucht verlagert, er trinke täglich drei Flaschen Bier und bis zu einer dreiviertel Flasche Wodka, sagte er. Harte Drogen nehme er nicht mehr.

Vor Gericht erklärte er, er könne sich an die Tat nicht erinnern. Laut medizinischem Gutachten geschah die Attacke „grundlos, ansatzlos und planlos“. Der psychiatrische Gutachter Stephan Bork attestierte eine Cannabis-Abhängigkeit, zu der inzwischen ein Alkoholproblem gekommen sei. Von den übrigen Drogen sei der Angeklagte nicht abhängig. Auch bei einer Therapie sei die Prognose „denkbar schlecht“.

Zunächst sah es nach einer längeren Beweisaufnahme aus, doch die Beteiligten einigten sich auf folgendes Vorgehen: Die Schöffen verhängten zwei Jahre Haft zur Bewährung. Das Gericht erteilte als Auflagen mehrere Weisungen, mit denen sich der Angeklagte einverstanden erklärte: Er muss zur Entgiftung in die Psychiatrie und dann zumindest acht Wochen in stationäre Entwöhnungstherapie, die gegen seine Alkoholsucht wie gegen die restliche Drogenabhängigkeit angeht.

Auch wenn einige Zweifel am Erfolg blieben: „Es ist der allerletzte Strohhalm“, so Staatsanwalt Burkhard Werner. Bis er die Entgiftung antritt, muss der 29-Jährige weiter zur Drogenberatung. Die Bewährungszeit legten die Schöffen mit drei Jahren fest, der Staatsanwalt hatte fünf Jahre beantragt. Richter Hirn meinte jedoch: „Ich möchte vor meiner Pensionierung noch erleben, dass ich Ihnen diese Strafe erlassen kann.“

Info Vorsitz: Eberhard Hirn; Schöffen: Susanne Kübler und Beate Richter-Keppel; Staatsanwalt: Burkhard Werner; Verteidiger: Thomas Bauch; Gutachter: Dr. Stephan Bork.

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08.09.2010, 12:00 Uhr

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