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Harter Stoff aus Reutlingen

Metalltücher für die Papierherstellung

Während der Industrialisierung war in Reutlingen die Fabrik von Hermann Wangner für den ganz harten Stoff zuständig. Später sorgte die Drahtweberei zudem für ein Novum in der Reutlinger Industriegeschichte.

03.09.2012
  • Thomas de Marco

Reutlingen. In den Anfangsjahren der Industrialisierung war Reutlingen nicht nur von der Textilweberei geprägt, sondern auch von der Papierherstellung. An der Schnittstelle dieser beiden Industriezweige entstand der Metallwebstuhl, der die Metallsiebe für die Produktion von Endlospapier herstellte. Diese Siebe waren zuvor entweder mühsam von Hand geschlagen oder aus Frankreich und England importiert worden, bevor sich einige Leinenweber auf das Drahtweben umstellten. Einer von ihnen war Martin Göhner, der nachweislich bereits ab 1832 Metalltuch webte.

17 Jahre später errichtete dann der gebürtige Tübinger Hermann Wangner seine Drahtweberei in der Kaiserstraße 22, wo heute ein Teil des Kaufhofs steht. Begonnen hat er mit sechs hölzernen Webstühlen, die bis zu zwei Meter breit waren. Der oben abgebildete hölzerne Metalltuchwebstuhl aus dem Industriemuseum stammt vermutlich aus der Anfangszeit. Damals hatte die Firma zwölf Weber und einen Meister, um die Webstühle gut auszunutzen.

Da der Bedarf an Papier und damit die Produktion ständig stieg, war die Nachfrage nach dem für die Papierherstellung unerlässlichen Metalltuch hoch. Das Unternehmen entwickelte sich deshalb rasch. Durch die Innovationen der Firma wurden die Wangner-Metalltücher schon ab 1855 in der Branche als technischer Fortschritt geschätzt.

Metalltuchweber waren hoch bezahlte Facharbeiter und verdienten daher auch recht gut im Gegensatz zu Textilwebern. Da zu dieser Zeit Reutlingen noch nicht ans Eisenbahnnetz angebunden war, brauchte man Fuhrunternehmen, die die Ware in das umliegende Land oder ins Ausland transportierten. Ein Metalltuch etwa, das für Heidenheim bestimmt war, wurde 1850 zuerst mit dem Pferde-Omnibus nach Plochingen transportiert, dann mit der neuen Eisenbahn bis Süßen gefahren und von dort wieder per Pferd nach Heidenheim. Aus den Lieferbelegen der Firma ist ersichtlich, dass schon um 1850 die Siebe bis nach Rovereto in Italien, Prag, Zürich oder Winterthur geliefert wurden.

Doch dann starb der Firmengründer 1857 im Alter von nur 32 Jahren an einer Typhus-Infektion – und seine Witwe Rosine wurde für einige Jahre gezwungenermaßen zur ersten Reutlinger Firmenchefin (siehe nebenstehenden Kasten). Auch nachdem der Kaufmann Adolf Kurtz die Firma gekauft hatte, wurde der Name des Gründers beibehalten.

Vom wirtschaftlichen Aufschwung während der Gründerzeit profitierte auch Wangner. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Firma neben den sechs hölzernen auch schon 23 eiserne Metalltuchwebstühle. Mit dem ersten mechanischen Webstuhl, der 1901 in Betrieb genommen wurde, begann ein neues Zeitalter. Dieser kostete zwar ein Vielfaches der Handwebstühle, hatte aber eine größere Webbreite und produzierte die Metalltücher schneller.

Bald wurden die Räume in der Kaiserstraße zu klein und die Firma baute auf der grünen Wiese in der Föhrstraße ein neues Werk. Dort wird die Tradition des Gründers Hermann Wangner noch heute fortgeführt – allerdings unter dem Namen Huyck-Wangner, nachdem das Unternehmen 2000 von der Xerium-Holding aufgekauft und mit Huyck, dem 1870 gegründeten amerikanischen Traditionsunternehmen für Filztücher, zusammengefasst worden war.

Das heutige Produktportfolio der Firma umfasst nur Formiersiebe und Schrumpfgewebe für Walzenüberzüge. Trockensiebe und Entwässerungsfilze, die in der Papier-, Textil- und Lederindustrie sowie in Wäschereien oder zur Klärschlammentwässerung zum Einsatz kommen, werden am österreichischen Standort Gloggnitz produziert. Den Schwerpunkt bilden nach wie vor die Papiermaschinenbespannungen. Das Unternehmen beruft sich dabei auf die Erfolgsgeschichte von Wangner: Die traditionell führende Position als Impulsgeber und Trendsetter untermauere Huyck-Wangner mit seiner innovativen Produktpalette, heißt es in der Firmenbeschreibung.

Metalltücher für die Papierherstellung
Ein hölzerner Metalltuchwebstuhl um 1850 aus der Anfangszeit der Firma Hermann Wagner. Das Reutlinger Unternehmen war in der Papierherstellungs-Branche für seine Innovationen geschätzt.Bild: Heimatmuseum

Metalltücher für die Papierherstellung

Auch das ist Reutlinger Industriegeschichte: Rosine Wangner, geborene Finckh, wurde nach dem Tod ihres Mannes Hermann Wangner 1857 erste Firmenchefin in Reutlingen. Sieben Jahre lang führte die Witwe mit Unterstützung ihres Vaters das Unternehmen erfolgreich weiter. 1863 verkaufte sie das gesamte Anwesen an Adolph Kurtz für 36 000 Gulden. Interessanterweise wurde dabei das Wohnhaus mit 20 000 Gulden, die Fabrik dagegen nur mit 16 000 Gulden veranschlagt.

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03.09.2012, 12:00 Uhr

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